Sarah Kirsch - Literaturpreisträgerin 1993 - Geleitworte

Mit der erstmaligen Verleihung ihres Literaturpreises knüpft die Konrad-Adenauer-Stiftung an eine bereits lange von ihr gepflegte Tradition an. Ich erinnere nur an die große Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung im Jahre 1978 in Berlin über Literatur und unsere Wirklichkeit. Literatur und Politik, sie galten lange Zeit als unversöhnliche Sphären. Literatur oder Politik, so lautete die Alternative, die kaum, so glaubte man, Grenzüberschreitungen zuließ. Man gehörte entweder zur Welt des Geistes oder zur Welt der Macht.

Wir brauchen jedoch einen fruchtbaren Dialog zwischen Politik und Geist. Wir dürfen bei aller Anerkennung der Unterschiedlichkeiten der Standpunkte den begonnenen Dialog mit den Intellektuellen nicht abreißen lassen. Dort, wo er noch unterbrochen ist, sollten wir die Fäden geduldig neu knüpfen. Dem noch immer nicht ausreichend entwickelten Dialog zwischen Politikern und Schriftstellern neue Impulse zu geben, das ist der Hauptzweck dieses neuen Literaturpreises.

Literatur und Schriftsteller sind von großer Bedeutung für unsere Ge.sellschaft. Sie deuten die Vergangenheit, vermitteln uns in der Gegenwart Orientierung und nehmen die Zukunft phantasievoll vorweg. Wo Politik oft nur auf Forderungen des Tages schauen kann, hält Literatur dazu an, die kleinen wie großen tieferen Zusammenhänge des menschlichen Zusammenlebens nicht aus dem Blick zu verlieren.

Politiker und Schriftsteller haben für Leben und Lebensbewältigung unterschiedliche Kategorien, wobei man nicht die Möglichkeit gemeinsamer Positionen verkennen darf. Sie besteht im Bemühen um das Humane, im Bemühen um die Freiheit, im Bemühen um die Bewahrung vor totaler Vereinnahmung des Menschen durch Ideologien, im Bemühen, einem angeblichen Fortschritt entgegenzuwirken, der mit einem Rückschritt der Lebensmöglichkeiten des Menschen bezahlt wird.

Ich freue mich, daß die erste Preisträgerin des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung Sarah Kirsch heißt. Sie hat stets der Freiheit das Wort gegeben. Sie hat sich immer wieder engagiert, wenn sie die Freiheit und Würde des Menschen gefährdet und unterdrückt oder die Natur bedroht sah. Ihr Eintreten für die Freiheit des Wortes hatte für sie persönlich schwere Folgen. Das Leben in der DDR wurde ihr unerträglich gemacht, was sie dazu veranlaßte zu gehen.

"Kein Verständnis für Beton niemals und nirgends." Diese Zeile aus ihrer Prosa-Sammlung Schwingrasen war und ist die Richtschnur ihres Handelns. Sie weiß: Verfallenheit an Ideologie, komme sie von rechts oder von links, bringt nur Unmenschlichkeit und Sinnlosigkeit hervor. Ihr Lebensschicksal ruft uns zweierlei eindringlich ins Bewußtsein: Freiheit - das ist der eigentliche Gewinn der deutschen Wiedervereinigung! Manche Unbequemlichkeiten mit der neugewonnenen Freiheit sind kein Argument gegen sie. Die SED-Diktatur bedeutete ideologische Unterwerfung, Gesinnungsterror, Entrechtung des Individuums, was in der westdeutschen Öffentlichkeit damals weitgehend verdrängt wurde. Und gegenwärtig bemerkt man eine schleichende Verklärung der Verhältnisse von einst. Sarah Kirsch zeigt auch heute Mut: Ihre Re.aktion auf die angebotene Mitgliedschaft in der Akademie der Künste hat es bewiesen.

Es hat Symbolkraft, wenn die Übergabe des Literaturpreises im Goethehaus in Weimar in Thüringen stattfinden konnte: in dem Teil Deutschlands, der bis zur Wiedervereinigung in Unfreiheit leben mußte.

In Sarah Kirsch haben wir einen lebendigen, zwingenden Beweis vor uns, daß auch das geteilte Deutschland immer eine Kulturnation geblieben war, im Sinne einer geschichtlich gewordenen Kultureinheit von Menschen mit dem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Zwar äußerlich durch Mauer und Stacheldraht getrennt, blieben Deutschland Ost und Deutschland West durch gemeinsame Sprache und Geschichte innerlich stets untrennbar verbunden: als Nation, als Kulturgemeinschaft. Ich wünsche dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, daß er den Dialog zwischen Schriftstellern und Politik belebt und in diesen Tagen des Umbruchs einen Beitrag leisten kann, die Menschen zusammenzuführen.

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