Schofer, Joseph

Geistlicher, Zentrumspolitiker, Dr. theol., * 31.01.1866 Bühlertal, † 30.10.1930 Freiburg/Breisgau, römisch-katholisch

1888–1892 Theologiestudium in Freiburg; 1892–1894 Präfekt am Knabenseminar Tauberbischofsheim; 1894–1904 Repetitor am Theologischen Konvikt in Freiburg und Studentenseelsorger an der Universität; 1905–1920 Generalsekretär des Volksvereins für das katholische Deutschland in Baden; 1905–1930 MdL, 1918-1930 Vorsitzender des Badischen Zentrums; Mitglied des Parteivorstands des Zentrums.

Seit 1905 Mitglied der 2. Kammer der Landstände, übernahm Schofer nach dem 1. Weltkrieg das politische Erbe seines Mentors Theodorf Wacker als Vorsitzender der badischen Zentrumspartei. Dass sich das Zentrum, das er 1918 als Ordnungs- und Verfassungspartei definierte, zuerst in Baden auf den Boden des republikanisch-parlamentarischen Systems stellte, sah er durch Notwendigkeit und Pflicht begründet. Im Zusammenspiel mit dem sozialdemokratischen Minister Adam Remmele gelang es ihm immer wieder, obwohl er nie ein Regierungsamt innehatte, tragfähige Kompromisse zu finden. Seine dem „christlichen Solidarismus“ verpflichteten sozialpolitischen Grundsätze waren hierbei ebenso förderlich wie die beiderseitige Akzeptanz des demokratischen Verfassungsstaates. Ergebnisse dieser pragmatischen Kooperation waren u. a. eine Wahlrechtsreform (1927) sowie ein Lehrerbildungsgesetz (1926). Im Fall einer Gefährdung der Regierungskoalition (1929) scheute er sich nicht, auch im Hinblick auf die Berliner Politik, die Vermittlung des SPD-Reichskanzlers Hermann Müller zu erbitten. Als Landesparteichef und im Parteivorstand wirkte Schofer maßgeblich an der politischen Willensbildung innerhalb der Reichspartei des Zentrums mit. Von allen führenden Zentrumspolitikern in den Ländern erreichte keiner seine Statur, und wenige vermochten mit gleichem Erfolg die Aufgabe des innerparteilichen Interessenausgleichs zu lösen.

Literatur

P. Enderle: Dr. Joseph Schofer. Der ungekrönte Großherzog von Baden (1957); C. Siebler, in: Badische Biographien, 3 (1990).

Hans-Georg Merz