Westbindung

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Es bleibt Konrad Adenauers großes Verdienst, diese doppelte Motivlage sowohl mit realistischem Kalkül als auch mit visionärer Kraft erkannt und gegen erhebliche innenpolitische Widerstände und auch die Skepsis mancher zukünftiger ausländischer Partner durchgesetzt zu haben. Dies geschah zunächst auf wirtschaftlicher Ebene, zum Beispiel im Rahmen der Montanunion, welche die Grundlage für die spätere Europäische Wirtschaftsgemeinschaft schuf. Mindestens ebenso wichtig war aber die Einbindung Deutschlands in die militärischen Strukturen des Westens. Nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft bestand diese Einbindung vor allem im Beitritt zur Westeuropäischen Union und der NATO, jeweils 1955. Ermöglicht durch die Wiederbewaffnung – nur zehn Jahre nach der Bezwingung Nazideutschlands – konnte so die Bündnisfähigkeit der neuen Demokratie unter Beweis gestellt werden.

Insbesondere die Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO war ein Schritt von großer Bedeutung für die Entwicklung des Landes und Europas. Als Frontstaat im Kalten Krieg war die Bundesrepublik auf die schützende Hand der amerikanischen Sicherheitsgarantie angewiesen, die in Artikel V des NATO-Vertrages verbrieft ist. Darüber hinaus war die Zugehörigkeit zur NATO von hoher symbolischer Bedeutung – Deutschland hatte sich endgültig für den Weg nach Westen entschieden, mit allen sicherheitspolitischen, aber auch sozio-ökonomischen und kulturellen Konsequenzen. Im Umkehrschluss bedeutete die Zugehörigkeit zum Bündnis einen Zugewinn an Akzeptanz und Vertrauen der anderen westlichen Staaten gegenüber der Bundesrepublik. Die verantwortungsvolle Politik deutscher Regierungen in den westlichen Institutionen wie der NATO war eine entscheidende Voraussetzung für die Wiedererlangung nationaler Souveränität und territorialer Integrität nach dem Ende des Kalten Krieges.

Die Westbindung ist allerdings auch zu ihrem sechzigsten Geburtstag keineswegs reif fürs Altenteil. Im Gegenteil: Die feste Zugehörigkeit zum Westen – zur „Atlantischen Zivilisation“, in den Worten Hannah Arendts – bleibt das Fundament deutschen Selbstverständnisses und gerade der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Denn auch heute noch zeigt sowohl die werte- als auch die interessengeleitete Analyse, dass die Allianz mit den westlichen Demokratien, im Verbund einer transformierten, starken NATO, die einzige zukunftsfähige Option für Deutschland bietet. Angesichts der Alternativen ist dies wenig überraschend: Eine Hinwendung zu den autokratischen aufstrebenden Mächten in Asien oder dem Mittleren Osten bietet weder eine sicherheits- noch eine ordnungspolitische Perspektive. Und eine alleinstehende Europäische Union, als eine unabhängige dritte Kraft zwischen den USA und „den anderen“, wie von manchen in der Hochphase der Debatten um den Irakkrieg herbeiphantasiert, ist nicht nur ideengeschichtlich fragwürdig, sondern entbehrt auch jeder machtpolitischen Grundlage.

Die Westbindung war ein Segen für Deutschland, und sie zeigt auch den Pfad in die Zukunft auf. Allerdings lehrt ihre Geschichte auch, dass Westbindung ein schwieriger, wandlungs- und konfliktreicher Prozess ist. Ihn zu gestalten, ist die gegenwärtige Aufgabe Deutschlands. Denn unser Land bindet sich nicht mehr nur an ein bestehendes westliches Konstrukt – es trägt mehr Verantwortung denn je, diesen Westen selbst zu schaffen und mit Leben zu füllen.