Demographischer Wandel

Auszug aus: Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland

Hg.: von Winfried Becker, Günter Buchstab u.a. Paderborn 2002

S. 179 - 481

Demographie beschreibt die Entwicklung und Strukturen der Bevölkerung. Deren Veränderungen durch Geburten, Sterbefälle, Zu- und Abwanderungen und die Bevölkerungszusammensetzung nach Altersgruppen, Geschlecht, Nationalität etc. wird herkömmlich als D. W. bezeichnet. In der Öffentlichkeit und in der Politik findet der D. W. besondere Aufmerksamkeit, wenn Unstetigkeiten und Umbrüche in der Bevölkerungsentwicklung auftreten. In der 2. Hälfte des 20. Jh. konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf den Umstand, daß seit den 70er Jahren die Zahl der Sterbefälle die der Geburten überstieg und die Zahl der westdt. Einwohner kontinuierlich abnahm. Daneben wurde die ungleichmäßige Stärke einzelner Akersjahrgänge diskutiert (auch als Schüler-, Studenten- und Rentnerberge bezeichnet), die sich als Folge kriegsbedingter Bevölkerungsverluste sowie durch Geburtsausfälle bzw. stärkere Geburtenraten ergaben. Gegenwärtig sind die Auswirkungen des Geburteneinbruchs nach der friedlichen Revolution m der DDR erkennbar. Zu Beginn des 21. Jh. wird der Öffentlichkeit eine grundlegende und nachhaltige Strukturverschiebung bewußt, deren Auswirkungen auf die vor allem durch Umlageverfahren finanzierten —»sozialen Sicherungssysteme (z. B. Generationenvertrag der —»Rentenversicherung) zunehmend bemerkbar werden.

Die Altersstruktur der Bevölkerung -traditionell wegen einer breiten Basis von Geburten und jungen Jahrgängen bei abnehmender Größe der älteren Jahrgänge als »Bevölkerungspyramide« bezeichnet - wird sich nahezu umkehren (siehe Abbildung). Diese Entwicklung ist bereits seit Anfang der 70er Jahre absehbar, weil der damalige Geburtenrückgang (»Pillenknick«) nachhaltig zu einer unzureichenden Nettoreproduktionsrate von nur etwa zwei lebendgeborenen Mädchen auf drei Frauen bei einem stetig steigenden Anteil kinderloser Frauen geführt hat.

Die Demographie kann für die Jahrgänge der Geborenen relativ verläßliche Vorhersagen bezüglich des Eintretens bestimmter Lebenslagen machen und Aufschluß über die quantitativen Dimensionen wirtschafts-, gesellschafts-und sozialpolitischer Aufgaben geben. Nach der Entlastung der Schulen und Hochschulen werden die Stärke der jüngeren Erwerbsjahrgänge und das Erwerbspersonenpotential zurückgehen, bis 2010 noch mäßig und dann verstärkt ab dem 2. Jahrzehnt. Der Anteil der über 65jährigen an der Bevölkerung wird etwa im Jahr 2037 mit rd. 45% seinen Höhepunkt erreichen. Die Zuwanderung der vergangenen Jahrzehnte bedeutet ebenso wie ein stetiger Zuwanderungssaldo im Umfang von etwa 200.000 Personen nur einen Aufschub, keine Umkehr dieser Entwicklung. Zudem ist die Lebenserwartung im Laufe des letzten Jh. um etwa 30 Jahre gestiegen. Durch medizinisch-therapeutische Fortschritte erhöht sie sich gegenwärtig bei den älteren Jahrgängen überproportional. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland liegt zur Zeit für Jungen bei 73,5 und für Mädchen bei fast 80 Jahren. Für über 65jährige Menschen steigt die Lebenserwartung um 0,3% pro Jahr. Das Ergebnis des D. W. für die Bundesrepublik Deutschland ist: Die inländische, insbes. die dt. Bevölkerung schrumpft und altert. Der Faktor —»Arbeit wird sich verknappen, auch wenn inländische Reserven durch zunehmende Erwerbsbeteiligung und späteren Eintritt in den Ruhestand erschlossen werden können. Für die Sicherung des Produktivitätsfortschritts wird vermehrt lebensbegleiten des Lernen erforderlich sein. Als politische Konsequenzen des D. W. sind auf lange Sicht die Verbesserung der Lebensbedingungen der Familien (—»Familienpolitik) und die Pflege der Attraktivität Deutschlands als Anziehungspunkt für mobile leistungsbereite Menschen

aus anderen Ländern und Erdteilen (—»Ausländerpolitik) unumgänglich. Es ist Aufgabe der Bevölkerungswissen

schaft, interdisziplinär die Gesetzmäßigkeiten und Ursachen der Bevölkerungsentwicklung zu analysieren und der

Politik Ordnungs- und Handlungsoptionen zur längerfristigen Beeinflussung von Geburten, Lebenserwartung, Sterblichkeitsraten und Migrationen aufzeigen.

Lit.: B. HECK (Hg.): Sterben wir aus? Die Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland (1988); ENQUFTF-KOMMIS-SION D. W. des BT (Hg.): Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den einzelnen und die Politik - Zwischenbericht (1994); BUNDESINSTITUT EUR BEVÖLK.*-.-KUNGSFORSCHUNG: Bevölkerung. Fakten, Trends, Ursachen, Erwartungen, Sonderveröffentlichung (2000); H. BiRG u. a. (Mitarb.): Prosperität in einer alternden Gesellschaft (2000).

Gerhard Kleinhenz

hisse