Statt Steineschmeißen

Der Evangelische Kirchentag bewegt unsere Gesellschaft mehr als der G8-Gipfel. Wer die Verantwortung „der Obersten“ zu wichtig nimmt, wertet die Gestaltungsmöglichkeiten ab, die einer funktionierenden Demokratie von unten inne wohnen. Statt auf dem G8-Gipfel energisch gegen unverbindliche politische Gespräche zu protestieren, sollte man lieber erst vor der eigenen Haustür kehren.

Es ist wichtig, nicht nur von Politikern eine heile Welt einzufordern. Mehr noch als die Politiker müssen sich die Bürger der Länder direkt bewegen. Nur eine solidarische Gesellschaft kann eine gerechte Welt schaffen. Weil sie nicht stumpf auf Gesetze wartet, oder sogar versucht, diese zu umgehen. Sondern aus sich heraus beginnt, gut und vernünftig zu agieren. Etwa, indem ihre Bürger sich ihrer Macht als Konsumenten bewusst werden und fair gehandelte Lebensmittel kaufen anstatt Dumping-Kaffee. Strom und Benzin sparen, um die Umwelt zu schützen. Oder sich in ihrer unmittelbaren Umgebung für ihre Mitmenschen zu engagieren.

Bloße Gesetze werden den Umweltschutz nie so weit vorantreiben wie ein echtes, in der Gesellschaft verankertes Umweltbewusstsein. Sie erzeugen allenfalls Ärger über hohe Spritpreise und führen zu Verdrossenheit über politische Entscheidungen.

Der Evangelische Kirchentag macht schon heute vor, wie eine engagierte Bürgergesellschaft aussehen kann. Seine über 100.000 Besucher hinterlassen kein bißchen Müll auf dem Boden des Messegeländes. Sie trennen ihn sogar nach Plastik, Papier und Normalmüll. Die Bescher des Kirchentages essen Bioprodukte. Sie kaufen Kartoffeln aus fairem Anbau, trinken fair gehandelten Kaffee und Bionade. Der Kirchentag insgesamt dst für seinen nachhaltigen und sparsamen Energieverbrauch zertifiziert worden.Als einzige deutsche Messe überhaupt. Auch gibt es keine Gewalt. Kein Steineschmeißen für den Weltfrieden.

Veranstaltungen wie der Evangelische Kirchentag fördern den Austausch und den Dialog der Bürger. Sie bekräftigen engagierte Menschen in ihrem Einsatz für das Gemeinwohl und geben Impulse für neues bürgerschaftliches Engagement. Der Evangelische Kirchentag wirkt deshalb nachhaltiger auf eine gerechte Welt hin als die aufgebrachten Parolen der G8-Demonstranten. Wie ein im Christentum recht bekannter junger Herr es vor gut zweitausend Jahren formuliert haben soll: Bevor du den Splitter im Auge deines Feindes suchst, ziehe den Balken aus deinem eigenen Auge.

Cornelia Lütkemeier

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