Виступи на заходах

Poetische Natürlichkeit

з Oliver Ruf

Poesie und Naturwissenschaft - eine verhängnisvolle Affäre?

Veranstaltungsbeitrag zur Veranstaltung in der Reihe "Literatur und Verantwortung" der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Rheinischem Merkur am 31. August 2007

„In (ihr) begegnen sich der Naturwissenschaftler, der neue Medikamente gegen Epidemien erprobt und mit künstlichem Leben experimentiert, und der suchende, philosophierende Mensch.“ Wilhelm Staudacher, Generalsekretär der – gemeinsam mit dem Rheinischen Merkur gastgebenden – Konrad-Adenauer-Stiftung, charakterisierte zur Eröffnung der Veranstaltung Goethes „berühmteste literarische Figur“ und konnte voraussetzen, dass sein Publikum wusste, wovon er sprach und was gemeint war. Den Abend wollte er verstanden wissen als einen Beitrag zum Jahr der Geisteswissenschaften. Im Mittelpunkt stand jener Staatsminister und Geheimrat, der wie kaum ein anderer die Verbindung von Poesie und politischer Verantwortung verkörpere, spiegele sich doch in dessen Werk die enge Beziehung von Naturwissenschaft und Literatur auf „einzigartige Weise“. Dass der technische Fortschritt in der Tat eine „geisteswissenschaftliche und künstlerische Herausforderung“ darstellt, zeigte sich im weiteren Verlauf des Abends in aller Hörbarkeit. Denn es war mehr als eine noble Geste und eine Verbeugung vor den auftretenden Künstlern, dass vor der Literaturwissenschaft Musik und Dichtung zu Gehör kamen: Heiter nahmen Simone Kabst (Schaubühne Berlin), Ulrich Schütte und Jürgen Glauß (Musikhochschule Köln) das Angebot an und zeigten, je nach eigener Begabung, wie aus musischem Bedacht heraus ein fühlbarer Zugriff möglich wird.

„kaspar hausers unterhose“

Mithin rezitierte die Schauspielerin und Sprecherin Simone Kabst ein eigens zusammen gestelltes Kompendium, welches das Thema des Abends in weitreichenden wie eindringlichen Texten zum Ausdruck brachte – oder müsste man sagen: durch die Vortragende oszillierten Stimmen und Verse, die jene „verhängnisvolle Affäre“ von Poesie und Naturwissenschaft, nach der der Untertitel der Einladung fragte, offenbarten. Goethe schrieb, so legten es die Textbeispiele nahe, oft und emphatisch über diese Verbindung, sei es im „Wilhelm Meister“ oder in der „Farbenlehre“. Und ihm taten es viele andere nach, auch mit direktem Bezug auf Goethe, Heine beispielsweise, Musil und Enzensberger, was Kabst gleichsam beschwörend zum Vortrag brachte. Ulrike Draesner und ihr Gedicht über „kaspar hausers unterhose“ durften nicht fehlen, Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ ebenso wenig wie Durs Grünbeins „Homo sapiens correctus“.

So war das Feld bereitet, um „Lieder nach Goethe“ zum Tönen zu bringen. Der musikalische Part der Veranstaltung enthielt Schuberts spannungsvolle Vertonungen des „Promotheus“, des „Ganymed“ und der „Grenzen der Menschheit“. Während Pianist Jürgen Glauß in einem noch schöpferischen, aber jedenfalls befreienden Sinne mit seinen „Vorlagen“ jonglierte, versprühte Sänger Ulrich Schütte eine Ahnung der inneren Stimmen und Widersprüche, die sich in der Musik verbergen. Mit bemerkenswerten und gewinnenden Seitenblicken auf die musikalische Facette des Themas fokussierten beide gemeinsam Goethe genau auf die Bruchstelle der Künste. Damit wurde die Erkenntnis, dass es „keine getrennten Wissenskulturen geben darf“, wie es Wilhelm Staudacher eingangs formuliert hatte, aufs Angenehmste vorgeführt.

Die zweite Natur

Dem durch bewährteste Forschungsleistungen und weltweites Renommee in Erscheinung getretenen Münchener Literaturwissenschaftler und Präsidenten der Alexander von Humboldt-Stiftung Wolfgang Frühwald blieb es vorbehalten, zum „Wandel des Menschenbildes in moderner Zeit“ zu sprechen. Die Anatomie des Menschen, die Goethe mit der Entdeckung des Zwischenkieferkochens komplettierte, das zeitgenössische Weimar mit seiner „Naturnähe“, die Katastrophen-Erfahrung des 18. und noch des frühen 19. Jahrhunderts und schließlich die „Naturerfahrung der Moderne“ wurden von Frühwald erwartungsgemäß brillant reflektiert. Die Rede, dass Goethe die Fähigkeit der Poesie im Wortsinne, d.h. die „Herstellung von Menschen und Dingen und Weltzusammenhängen“, allen naturwissenschaftlichen Methoden übergeordnet habe, gab den Überlegungen eine bedenkenswerte Färbung; sein Plädoyer für eine „plastische Anatomie“ (und dessen Verhallen) eine Wendung ins Tragische. Stets habe Goethe die Naturerfahrung auf den Menschen bezogen, auf sein zerbrechliches Glück und seine Trauer, sein Sehnen, Fühlen und Streben. Wenn Frühwald am Ende die Winckelmann-Schrift aus dem Jahre 1805 zitierte („Denn wozu dient alle der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewusst seines Daseins erfreut?“), um im Anschluss mit einem Grünbein-Wort zu enden, schloss sich der Kreis um Poesie und Naturwissenschaft auf behutsame und nachdenklich machende Art und Weise.

Autor: Oliver Ruf

Literaturwissenschaftler, Kritiker, Journalist und Altstipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung

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KAS-Generalsekretär Wilhelm Staudacher und Prof. Dr. Wolfgang Frühwald auf dem Weg in den alten Plenarsaal.

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Die Mitwirkenden des Goethe-Abends in der ersten Reihe. V.l. n.r.: Prof. Jürgen Glauß, Ulrich Schütte, Simone Kabst, Prof. Dr. Wolfgang Frühwald.

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Simone Kabst und Goethe

(Fotos: Sabine Wolter, Rheinischer Merkur, Bonn)

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Prof. Dr. Michael Braun

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