Diskussion

Bildung, Berufsausbildung und Beschäftigung in Marokko

Herausforderungen und mögliche Strategien
Die KAS in Zusammenarbeit mit der AGEF veranstalteten am 26. November in Casablanca eine Debatte zum Thema "Bildung, Berufsausbildung und Beschäftigung in Marokko - Herausforderungen und mögliche Strategien".

Details

In Zusammenarbeit mit der Association des Gestionnaires et Formateurs des Ressources Humaines (AGEF) hat die KAS am 26. November in Casablanca eine Debatte zum Thema: "Bildung, Berufsausbildung und Beschäftigung in Marokko - Herausforderungen und mögliche Strategien" veranstaltet.

Teilnehmer der Veranstaltung waren marokkanische und internationale Vertreter und Experten aus dem Bereich der Personalvermittlung sowie Berufs- und Hochschulausbildung.

Der Generaldirektor der nationalen Arbeitsvermittlungsbehörde ANAPEC, Hafid Kamal, beschrieb in seinem Vortrag das bestehende Missverhältnis in Marokko zwischen Arbeitsuchenden und den gefragten Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt. Es bestehe nach Kamal ein Problem des „Matchings“, d.h. entsprechend qualifizierte Arbeitssuchende für eine bestimmte Stelle zu finden.

Die offizielle Arbeitslosenrate in Marokko ist seit 2003 von 11,5 % auf 9 % gesunken, jedoch bleibt sie seit 2009 stabil bei ca. 9 %. Nach Kamal schafft die Wirtschaft nicht genügend Arbeitsplätze im Jahr, um die Rate weiter sinken zu lassen. Zudem drängen jedes Jahr ca. 122.000 neue Arbeitssuchende auf den Arbeitsmarkt.

Gleichzeitig macht der informelle Arbeitssektor in Marokko immer noch fast 40 % aus. Unter jungen Marokkanern arbeiten gar 80 % ohne einen gültigen Arbeitsvertrag.

Was Wirtschaftskraft und Arbeitsmarkt angeht, bestehen in Marokko starke Disparitäten. Über 60 % der Arbeitsplätze werden in den Großräumen Casablanca (23 %), Tanger (15 %) Rabat (13 %), Kenitra (10 %) angeboten.

Kamal beklagte die Tatsache, dass die Privatwirtschaft (mit Ausnahme der großen multinationalen Unternehmen) für die jungen Absolventen nicht attraktiv genug erscheint. Die meisten Arbeitssuchenden streben immer noch einen Job im öffentlichen Sektor an, der jedoch nur eine kleine Nachfrage absorbieren kann.

Zudem seien junge Arbeitssuchende oft völlig orientierungslos bei ihrer Arbeitssuche und weisen eine geringe Selbstständigkeit auf. Für einen erfolgereichen Jobeinstieg fehle es ihnen an einem entsprechenden Kommunikationsvermögen und weiteren soft skills.

Um Arbeitslosigkeit in Marokko nachhaltig zu reduzieren forderte Kamal einen „Kampf gegen die Arbeitslosigkeit“ in Form einer umfassenden nationalen Strategie. Zu einer solchen Strategie gehören nach Kamal u.a. sektorielle Förderprogramme, Verbesserung der Berufsausbildung und Stärkung von Praktika durch eine bessere Angliederung an Unternehmen, Bekämpfung von Schulabbruch, Anbieten von verschiedenen Teilzeitmodellen sowie von flexiblen Vertragsmodellen („flexsécurité).

Auf makroökonomischer Ebene sprach sich Kamal für Verbesserung des allgemeinen Geschäftsklimas sowie zur Stärkung der Kaufkraft der Mittelklasse aus. Nach Kamal ist die Mittelklasse der Motor des Wachstums und der Faktor für Stabilität in Marokko.

Der Wirtschaftsprofessor Noureddine Cherkaoui erwähnte in seinem Vortrag seinem Vortrag das sogenannte „Paradox des Arbeitsmarktes“, nämlich dass trotz hoher Arbeitslosigkeit Unternehmer nach geeigneten Arbeitnehmern suchen. Dieses Phänomen liegt in einer mangelnden Ausbildung bzw. einer unzureichenden Vermittlung von Qualifikationen, die auf dem Arbeitsmarkt gesucht werden. Über 80 % der Studenten belegen nach Cherkaoui sogenannte „arbeitsarme“ Studiengänge, die anschließend nur geringe Perspektiven für den Arbeitsmarkt bieten.

Nach Cherkaoui benötigen Unternehmer weniger „Techniker“ und „Spezialisten“ ihres Faches, sondern eher Menschen mit Kreativität, Anpassungsfähigkeit und Lösungsorientierung in verschiedenen Bereichen sowie mit einer ausreichenden Kommunikations- und Ausdrucksfähigkeit.

Der Personalleiter Khalid Benhganem bemängelte in diesem Zusammenhang die oft mangelnden soft skills und die fehlende Karriereplanung von jungen Marokkanern. Jungen Absolventen fehle oft die Vision ihres künftigen Berufswegs.

Sally Ward und Neil Shaw vom British Council haben in ihren Vorträgen das britische Schul- und Ausbildungssystem sowie die Arbeit des British Council im Bereich der Berufsförderung in der MENA-Region geschildert. Das britische Bildungssystem ist besonders wettbewerbsorientiert und unterhält sehr enge Beziehungen zu Unternehmen als zukünftige Arbeitgeber. Angesichts der hohen Studiengebühren wird der Student von den Universitäten als „Kunde“ verstanden, für den sich seine Investition (beispielsweise über ein Studentendarlehen) durch einen späteren lukrativen Job rentieren soll. Viele Universitäten machen daher ihre Karriere-Zentren und ihre Service-Leistungen im Bereich der Karriereplanung und Arbeitsvermittlung zu einem ihrer Schlüsselstrategien, um Studenten anzuziehen. Ward und Shaw betonten zudem beide die besondere Bedeutung von soft skills, die die Universitäten neben ihrem normalen Curriculum ebenfalls vermitteln sollten.

In der anschließenden Debatte wurde u.a. das deutsche duale Ausbildungssystem als besonders vorbildlich gelobt. Junge Absolventen in Marokko benötigen insbesondere auch Praxiserfahrungen und soft skills, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Dafür seien Public-Private-Partnerships und eine gute Zusammenarbeit zwischen Ausbildungsstätten bzw. Universitäten und Unternehmen besonders wichtig.

Die Teilnehmer beschrieben zudem das Problem der mangelhaften Englischkenntnisse in der marokkanischen Gesellschaft als ein großes „marokkanisches Handicap“. Ausreichende Englischkenntnisse müssen in einer globalisierten Arbeitswelt zur Grundausstattung von marokkanischen Schülern und Absolventen werden.

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Veranstaltungsort

Casablanca

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Dr. Ellinor Zeino-Mahmalat

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Auslandsbüro Marokko