Diskussion

Geschichte und kollektives Gedächtnis

Studientag der KAS und des FOAP

Am 30. April 2016 werden die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und das Forum de l’Académie Politique (FOAP) in Tunis einen Studientag zum Thema „Geschichte und kollektives Gedächtnis“ veranstalten.

Details

Als eigene Disziplin kann die Geschichte auf eine lange Vergangenheit zurückblicken: Als erster Geschichtsschreiber gilt der Grieche Herodot, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte und auch als „pater historiae“ bezeichnet wird. Geschichte kann nicht nur die simple chronologische Darstellung von Ereignissen sein, sondern auch literarischen, künstlerischen und sogar wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden. So hat sie sich spätestens im 19. Jahrhundert als ein eigenes wissenschaftliches Studienfach etablieren können. Während die Geschichte als Disziplin lange Zeit als eine einfache, möglichst objektive Nachstellung der Vergangenheit angesehen wurde, dient sie heute oftmals zur Bestimmung und Einordnung der Auswirkungen damaliger Ereignisse und Entwicklungen auf das kollektive Gedächtnis.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich die Geschichte in kollektiven Erinnerungen ergeht. Vielmehr achtet sie darauf, jene Erinnerungen zu erhalten, die historischen Wahrheiten entsprechen, und solche zu verwerfen, die beispielsweise durch Übertreibungen und Auslassungen manipuliert sind.

Allerdings entwickeln Gruppen (Gemeinschaften oder Gesellschaften), geleitet von einem Bewahrungsinstinkt, zur eigenen Aufwertung eine bestimmte und unter Umständen selektive Darstellung ihrer Geschichte. Die „Gruppengeschichtsschreibung“ kann daher permanent neugeordnet, neumodelliert und neugeschaffen werden, um den jeweils aktuell gewünschten Ansichten zu entsprechen. Vor diesem Hintergrund erscheint das kollektive Gedächtnis als ein ständiger Rekonstitutionsprozess, bei dem historische Ereignisse oder Persönlichkeiten dazu verwandt werden, Entscheidungen der Gruppe zu rechtfertigen. Das kollektive Gedächtnis ist also gewöhnlich im hohen Maße subjektiv und daher von Historikern stets zu hinterfragen.

Im Laufe des Studientages wird einerseits auf jene sozialen und politischen Bewegungen eingegangen werden, die Tunesien im letzten Jahrhundert erlebt hat und die die Entwicklung der Gesellschaft wesentlich geprägt haben, sei es in Form gewerkschaftlicher, nationaler oder anderweitiger Bewegungen. Andererseits soll sich am Beispiel John F. Kennedys mit einer politischen Persönlichkeit befasst werden, die die meisten Tunesier ganz unabhängig von ihrer generationellen Zugehörigkeit kennen. Ziel ist es, das kollektive Gedächtnis zu erforschen und festzustellen, wie dieses mit historischen Entwicklungen und Persönlichkeiten umgeht bzw. wie innerhalb desselben Modifizierungen und Anpassungen vorgenommen werden.

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Veranstaltungsort

Hotel Mövenpick, Gammarth

Kontakt

Slim Jaoued

Slim Jaoued bild

Programmbeauftragter Tunesien

Slim.Jaoued@kas.de

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