Symposium

Menschen würdig pflegen

Symposium in Zusammenarbeit mit der Universität Witten-Herdecke, Departement Pflegewissenschaften und dem Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe

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Rationierung in der Pflege – Eine Bestandsaufnahme

Jeder Mensch pflegt sich täglich selbst, kann aber durch Krankheit/Behinderung jederzeit und unerwartet pflegebedürftig werden.

Alltagsaktivitäten wie Bewegen, Kommunizieren, Essen- und Getränkeaufnahme, den Tag gestalten, zur Toilette gehen, den Körper pflegen („sich in seiner Haut wohlfühlen“), Nachrichten von außen erhalten, ermutigt werden, gut liegen und schlafen können und vieles mehr müssen dann (stellvertretend) übernommen werden.

Bei einer professionellen Pflege, die z.B. im Krankenhaus, Altenheim oder in der Häuslichkeit stattfindet, kommen viele krankheitsbedingte Prozeduren dazu (z. B. Schmerzen lindern, die Person beobachten, bei Atemnot helfen, Medikamente überwachen).

Pflege ist immer eine Dienstleistung von Mensch zu Mensch, es muss eine Beziehung aufgenommen und idealerweise das gemeinsame Vorgehen abgestimmt werden.

Dabei ist es wichtig, Würde und Autonomie zu erhalten und Pflege wenn möglich rehabilitativ bzw. gesundheitsschützend auszurichten - Ziel ist stets, die Unabhängigkeit des Gepflegten wieder zu erreichen.

All dies ist in Deutschland immer weniger möglich:

Qualifizierte Pflege wird zunehmend knapp.

Dies geschieht seit Jahren verdeckt und schleichend und rückt erst jüngst in die öffentliche Wahrnehmung. Dennoch ist heute bereits zu konstatieren: Einer Spitzenmedizin steht in Deutschland eine Pflege am unteren Qualitätslevel gegenüber. Patienten und Familien erhalten nicht das, was sie brauchen - sie nehmen sogar Schaden im Gesundheitswesen.

Die Gründe dafür sind vielfältig:

In den vergangenen Jahren fand in der Pflege ein großer Personalabbau statt. Zwischen 1995 und 2005 wurden allein in deutschen Krankenhäusern 44.000 Vollzeitstellen von Pflegenden abgebaut.

Auch in der stationären Altenpflege ist eine sehr knappe Stellenbemessung zu beobachten. Hinzu kommt der Personalmangel im Fachkräftebereich, der zunehmend durch Helfer und Unqualifizierte kompensiert wird. Assistenzkräfte, z.B. Alltagsbegleiter, aber auch Schüler und Praktikanten überschreiten oft weit ihre Kompetenzen.

Der Öffentlichkeit erscheint die berufliche Perspektive Pflege negativ und problembeladen. Das erzeugt einen Teufelskreis von sinkender Attraktivität und Nachwuchsmangel.

Ursache des Personalmangels in der Pflege ist nicht zuletzt auch ein hoher Krankenstand und hohe Fluktuation - viele Pflegende verlassen den Beruf nach einigen Jahren vorzeitig.

Durch den Anstieg von Teilzeitarbeit v.a. in der Altenpflege findet zunehmend eine Zersplitterung der Aufgaben statt.

Der Pflegebedürftigkeitsbegriff des SGB XI (Pflegeversicherung) reduziert die Pflege des Betroffenen auf 4 Verrichtungen mit Zeitkorridoren. Auch dies leistet einer Taylorisierung Vorschub.

Die Einführung der Fallpauschalen im Krankenhausbereich mit ihrer Fokussierung auf medizinische Diagnosen und eine Verkürzung der Verweildauer der Patienten erzeugte eine Leistungsverdichtung für die Pflege: Primat ist ein hoher Patientendurchlauf in kurzer Zeit. Der Pflegebedarf spielt kaum eine Rolle.

Weitere gesetzliche Regelungen beeinflussen die Zustände in der Pflege negativ.

So hat die geteilte Gesetzgebung des SGB V (Krankenversicherung) und SGB XI (Pflegeversicherung) ein geteiltes Finanzierungssystem zur Folge. In der pflegerischen Praxis überschneiden sich die Bereiche jedoch, so dass Ineffizienzen zwangsläufig sind.

Die Leistungen der Pflegeversicherung (als Teilkaskoversicherung) sind in vielen Fällen unzureichend, könnten aber nur ausgeweitet werden, wenn die Beitragssätze steigen würden.

Warum wird gegen die Rationierungen im Bereich Pflege nicht offener opponiert?

Eine Ursache ist, dass Pflegende kaum in Berufsverbänden organisiert sind und dadurch keine Lobby haben. Sie werden durch diese Umstände vom Opfer zum „Täter“.

Pflegende sind zwar unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen, verlassen die Schicht mit „schlechtem Gewissen“, pflegen aber „Kollegialität“ und richten sich ein in einer hohen Idealisierung ihres Berufes (Ethos, Pflegetheorien), um den täglichen Kampf um das Allernotwendigste an Zeit für die Klienten durchzustehen.

Sie versuchen die Rationierung selbst zu kompensieren – u.a. durch Eile, Mehrarbeit, Verzicht auf Pausen, ungewisse Freizeit/Urlaub. Welche Prioritäten sie bei ihrer Arbeit setzen, entscheiden sie selbst (unreflektiert, unsystematisch), da es keine Konzepte zur Prioritätensetzung gibt. Sie minimieren Kontakte/Gespräche mit Patienten (geben weniger Information, gehen nicht auf Ängste/Sorgen ein), vernachlässigen Mobilisation, Körperpflege, Speisen- und Getränkeversorgung u.a., sie beobachten weniger gut, was schließlich auch die Sicherheit des Patienten gefährdet.

Befragungen unter Pflegekräften zeigen, dass die Sicherheit der Patienten nicht mehr gewährleistet werden kann. Nur jede dritte Pflegekraft geht noch uneingeschränkt davon aus, dass pflegerische Maßnahmen, die als notwendig erachtet werden, in aller Regel auch durchgeführt werden können.

So wundert es nicht, dass Qualität der Pflege kaum thematisiert wird. Wenn Qualität untersucht wird, geht es primär um Strukturqualität, weniger um Prozess- und praktisch gar nicht um die Ergebnisqualität, also um die Beantwortung der Frage, welche positiven Effekte der Pflegebedürftige von den Maßnahmen tatsächlich hat.

Ursache dieser gravierenden Defizite ist nicht zuletzt, dass auch Pflegebedürftige / Patienten selbst keine Lobby haben. Als Einzelner aufzubegehren wird aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses gescheut oder ist schlicht aufgrund des Allgemeinzustands nicht (mehr) möglich.

Mehr öffentliches Bewusstsein für diese alarmierenden Zustände in der Pflege zu schaffen und Wege zur Behebung der Missstände aufzuzeigen ist Ziel unseres Symposiums.

Tanja Segmüller

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Bildungszentrum Schloss Eichholz
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Publikation

Menschen würdig pflegen: Wohin führt uns die zunehmende Rationierung?
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Menschen würdig pflegen? Das Recht auf qualifizierte Pflege. Eine Diskussionsschrift: Handreichung zur Politischen Bildung, Band 10
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