Veranstaltungsberichte

"Archiv des Unrechts - Die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter"

von Jasper Bartels
Filmpräsenatation und Podiumsdiskussion
Die Zentrale Erfassungsstelle in Salzgitter galt als Synonym für die systematische Registrierung staatlicher Unrechtshandlungen in der DDR. Mit einer Dokumentation zur Erfassungsstelle und einer anschließenden Podiumsdiskussion wurde das Thema in der Stasi-Gedenkstätte Erfurt aufgegriffen.

Unter dem Titel „Das Archiv des Unrechts - Die zentrale Erfassungsstelle Salzgitter“ wurden am 19. März in der Gedenkstätte Andreasstraße der gleichnamige Dokumentarfilm des Niedersächsischen Innenministeriums präsentiert und im Anschluss folgte eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion in den Räumen der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.

Zwischen 1953 und 1989 wurden über 6000 Menschen aus dem Bezirk Erfurt aus politischen Gründen hier eingesperrt und seit Dezember 2012 ist das zur Gedenkstätte umgebaute Gebäude auch für die Öffentlichkeit zugänglich.

Nach einer kurzen Begrüßung von Daniel Braun, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bildungswerkes Erfurt der Konrad-Adenauer-Stiftung, startete die Präsentation des Dokumentarfilms.

In „Archiv des Unrechts“ wird die Entstehung der Erfassungsstelle im niedersächsischen Salzgitter näher beleuchtet und in Verbindung gebracht mit Schicksalen von Bürgern der damaligen DDR, welche durch die Staatssicherheit und Polizei unbegründete, schwere Rechtsverletzungen erfahren haben.

Für eine Vielzahl von Verfolgten und Misshandelten in der DDR war Salzgitter Inbegriff und Hoffnungsschimmer dafür, dass die Täter dieser Verbrechen nicht ungestraft bleiben würden.

Von 1961 bis 1981 sammelte die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter alle Informationen über Menschenrechtsverletzungen des SED-Regimes an die sie gelangen konnten.

Innerhalb dieser 30 Jahre wurden 80.000 Täter und Opfer in der Namenskartei erfasst und diese Ergebnisse waren hilfreich für die Aufarbeitung der Verbrechen und anschließender Verfahren die nach Ende des DDR-Regimes gegen die Täter eröffnet wurden.

Den Personen deren Schicksale im Dokumentarfilm beleuchtet werden sind unglaublich üble Misshandlungen und körperliche sowie psychische Folterungen angetan worden.

Ein Ehepaar ist monatelang grundlos festgehalten worden und unter Androhung ihr einziges Kind in eine Pflegefamilie zu geben dazu gezwungen worden ein Verbrechen zu gestehen, welches sie nicht begangen haben.

Das DDR-Regime suchte teilweise nicht einmal nach den richtigen Tätern, sondern wählte Leute aus, die es der Öffentlichkeit als Täter präsentieren konnte und zwang sie zu Geständnissen.

Einem anderen, damals jugendlichen Häftling, der versuchte hatte aus der DDR zu fliehen, wurde in einem gestellten Telefongespräch vorgespielt, dass seine Eltern verhaftet worden seien und dass die Wahrscheinlichkeit hoch sei, dass seine kranke Mutter die Nacht nicht überstehe.

Es ist den Opfern dieser Diktatur sehr hoch anzurechnen, dass sie sich öffentlich zu dem äußern, was ihnen passiert ist und ihre damaligen Gefühle und Gedanken vor der Kamera preis gegeben haben.

All diese Verletzungen der Menschenrechte die den Häftlingen in Gefängnissen, Angeklagten vor Gericht und normalen Bürgern widerfahren sind, wurden so detailliert es möglich war, in der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter gesammelt und archiviert.

Angesichts dieser Dokumentation wird verständlich, welche Bedeutung eine solche Einrichtung für die Opfer gehabt haben muss. Sie wussten, dass die Taten gesammelt werden und später rechtsstaatlich aufgerollt würden.

Nach Ende des Films begann die Podiumsdiskussion unter der Moderation von Hildigund Neubert. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung und als Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (TLStU) Kooperationspartnerin des Bildungswerkes Erfurt bei dieser Veranstaltung.

Als weiterer Gast an diesem Abend war Dr. Hans-Jürgen Grasemann nach Erfurt gekommen. Er ist ehemaliger Oberstaatsanwalt und war von 1988 bis ins Jahr 1994 stellvertretender Leiter und Sprecher der Zentralen Erfassungsstelle in Salzgitter.

Ihm fällt auch im Dokumentarfilm „Das Archiv des Unrechts“ eine bedeutende Rolle zu.

Aus Sicht der Erfassungsstelle selbst schildert er hier die Arbeit der Angestellten in Salzgitter detailliert und äußerte sich im Film auch zu den gezeigten Opfern.

Des Weiteren an diesem Abend zu Gast war Marion Walsmann.

Die CDU-Landtagsabgeordnete war von 2008 - 2009 Justizministerin Thüringens und ist seit 2010 Chefin der Thüringer Staatskanzlei und Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten.

Als Zeitzeuge der Verfolgung und Haft in der DDR war Baldur Haase als Gesprächspartner auf dem Podium.

Herr Haase wurde im Januar 1959 festgenommen und zu 3 Jahren und 3 Monaten Zuchthaus verurteilt worden.

Der einzige Grund für diese lange Haft war, dass Baldur Haase von einem Freund das Buch „1984“ von George Orwell zugeschickt bekommen hat und sich mit anderen Personen über das Buch unterhielt.

In der DDR war das Buch „1984“ verboten und somit wurde Baldur Haase wegen „staatsgefährdender Hetze“ verurteilt.

Auf dem Podium an diesem Abend in Erfurt erzählte er, dass er schon damals Parallelen und Ähnlichkeiten zwischen der von Orwell erdachten Dystopie und der Realität in dem Land in dem er lebte feststellen konnte, der Deutschen Demokratischen Republik.

Leider ist er nicht mehr im Besitz des Buches, welches ihm jdiese Haft einbrachte, jedoch hatte er Kopien eines Ähnlichen Exemplars mitgebracht und zeigte diese den Gästen.

Für viel Gesprächsstoff sorgte die Frage aus dem Publikum, ob denn nicht zu wenig gemacht wurde um die Funktionäre innerhalb der Gerichte, also Staatsanwälte und Richter, zur Rechenschaft zu ziehen und Sie für ihre unverhältnismäßigen Urteile anzuklagen.

Hier konnten die studierten Juristen Grasemann und Walsmann detailliert berichten, wie sorgfältig in den meisten neuen Bundesländern die Juristen, welche wieder in den Staatsdienst eintreten wollten, auf ihre Vergangenheit und ihre Arbeit zu DDR Zeiten geprüft wurden.

Hier waren die Dokumente aus den Archiven des Ministeriums für Staatssicherheit von besonderer Bedeutung aber auch die Aufzeichnungen aus Salzgitter halfen bei der Aufarbeitung, denn allein 5724 der 80.000 gesammelten Täter und Opfer in Salzgitter waren Richter und Staatsanwälte der DDR.

Dr. Grasemann war bei diesen Aufarbeitungsverfahren direkt beteiligt.

Kritisiert wurde von Dr. Grasemann und Ministerin Walsmann jedoch, dass allein das Bundesland Brandenburg eine solches Verfahren versäumt hat und dort teilweise bis heute Täter im Dienste des Staates tätig sind.

Zum Ende der Diskussion verkündete Dr. Hans-Jürgen Grasemann erfreut, dass das Land Niedersachsen 1000 Exemplare der Dokumentation „Archiv des Unrechts - die Zentrale Erfassungsstelle in Salzgitter“ für Schulen und andere Einrichtungen zur politischen Bildung bereitstellen wird und dass jede interessierte Schule Zugriff auf das Material bekommen kann.

Nach verabschiedenden Worten durch die Moderatorin Hildigund Neubert wurde die Veranstaltung beendet und die Besucher scharrten sich noch um die Podiumsgäste um weitere Fragen zu stellen.

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Über diese Reihe

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