Veranstaltungsberichte

„Bis 1967 wurde keine Chance für Frieden verpasst“

von Christian Echle

Der israelische Historiker Tom Segev stellt sein neues Buch „Die ersten Israelis“ vor

Tom Segev hat einen Blick für kleine Geschichten mit großer symbolischer Bedeutung. So gelingt es dem israelischen Historiker, der großen Weltgeschichte stets eine menschliche Dimension zu geben. Eine Kostprobe dieser Fähigkeit gab Segev in Berlin bei der Vorstellung seines neuen Buches „Die ersten Israelis“. In der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung ließen sich rund 300 Besucher von ihm im sechzigsten Jahr nach der Staatsgründung auf eine Zeitreise in die ersten Jahre des Staates Israel mitnehmen.

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Tom Segev (Foto: Oliver Ernst)

Segev greift dabei nicht zuletzt auf seine eigene Erfahrung zurück. 1945 wurde er in Jerusalem geboren, nachdem seine Eltern zehn Jahre zuvor aus Deutschland geflohen waren. Als er drei war, starb sein Vater im israelischen Unabhängigkeitskrieg. Seine Mutter, berichtet er in Berlin, gehört zu der Generation, die gar nicht nach Israel wollte, aber keine Wahl hatte. „Oft hat sie davon erzählt, was alles besser ist in Europa, Deutschland hat sie nie gesagt“, erinnert sich Segev, um diese Geschichte dann in den historischen Kontext einzubetten: In den 20er Jahren gab es die erste große Einwanderungswelle europäischer Juden nach Palästina, weil die USA ihre Zuwanderungspolitik verschärft hatten. „In den ersten Jahren nach der Staatsgründung wollten wahrscheinlich zwei von drei Israelis überhaupt nicht dort leben“, schätzt Segev.

Heute hätten viele Israelis dieses zwiespältige Verhältnis zum Staat von ihren Eltern übernommen. Rund eine halbe Million Israelis besitzen europäische Pässe, sagt Segev. Viele glauben zudem nicht mehr, dass es eine friedliche Lösung im Konflikt mit den Palästinensern geben kann. Dennoch bleiben sie in Israel. „Der Staat Israel ist eine Normalität geworden. Auch ich bin froh, dass ich in einem Land geboren wurde, in dem ich bleiben konnte. Emigration ist eine furchtbar schwere Erfahrung“, sagt Segev.

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Großes Interesse: Bei Tom Segevs Vortrag in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung blieb kein Platz frei

Der 63-jährige zählt zu einer Generation von israelischen Historikern, die darum bemüht ist, einen möglichst klaren Blick auf die Anfangszeit des israelischen Staates zu bekommen, frei von Mythen. Darum dreht sich auch sein neues Buch. „Bis zu den 80er Jahren gab es gar keine israelische Geschichtsschreibung, diese wurde erst durch die Öffnung der Archive möglich“, sagt er in Berlin. Besonders beschäftigt hat ihn die Situation der Araber im jungen israelischen Staat: „Durch den Holocaust ist Israel weniger europäisch geworden, als es sich die Zionisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhofft hatten. Stattdessen kamen mehr Juden aus den arabischen Ländern, die sehr schwer zu integrieren waren.“ Segev spricht von „kulturellem Rassismus“ und demonstriert auch diesen mit menschlichen Schicksalen. So berichtet er von der israelischen Praxis, Einwanderer aus den arabischen Staaten jahrelang in Zeltlagern wohnen zu lassen, während Einwanderer aus Polen in Häusern und Hotels untergebracht wurden.

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Tom Segev

„Die Regierung Ben Gurions hatte nur sehr wenig Verstand für den einzelnen Menschen“, ist sich Segev sicher. Die Tatsache, dass diese Regierung offensichtlich viele Geheimnisse vor der Bevölkerung hatte, mache die Historiker seiner Generation misstrauisch: „Das führte uns auch zu der wichtigsten aller Fragen: Wie kam das palästinensische Problem zustande?“ In den nun öffentlichen Dokumenten gebe es auch Hinweise darauf, dass die arabische Seite teilweise nicht ganz so verhandlungsunwillig war, wie es von Israel dargestellt wurde. Auf der anderen Seite ist sich Segev sicher, dass bis 1967 keine Chance für den Frieden im Nahen Osten versäumt wurde. Im Gespräch mit Prof. Dr. Hanns Jürgen Küsters, dem Leiter des Referats Zeitgeschichte der Konrad-Adenauer-Stiftung, sagt der Autor: „Der Krieg von 1948 war nicht zu vermeiden. Das ist eher eine interne Frage, eine Frage der Beziehung zwischen Regierung und Volk. Ben Gurion war sehr autoritär.“

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Tom Segev mit Prof. Dr. Hanns Jürgen Küsters, dem Leiter des Referats Zeitgeschichte der Konrad-Adenauer-Stiftung (Foto: Oliver Ernst)

Man müsse dem ersten Premierminister des Staates Israel zugute halten, dass er sich zumindest darum bemüht hat, die Araber zu verstehen. Seine Fremdheit zu ihnen habe er aber nie überwunden und wahrscheinlich auch nicht an Frieden geglaubt. „Ben Gurion würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass Teile des Abiturs in Israel heute auf arabisch oder russisch gemacht werden können“, meint Segev.

Trotz dieser kleinen Zeichen glaubt Segev nicht an einen gemeinsamen Staat von Israelis und Palästinensern: „Die binationale Idee ist furchtbar schön und humanistisch, aber die meisten wollen sie nicht.“ Stattdessen plädiert er dafür, den Palästinensern einen eigenen Staat zu geben und sie damit Erfahrungen sammeln zu lassen. Davor stehe allerdings noch das tiefe Misstrauen zwischen beiden Seiten. Segev: „Das geht auf 1918 zurück, das wird wohl nicht bis zum Ende des Jahres aus der Welt geschafft sein, wie es sich George W. Bush wünscht.“

Vorstellbar sei aber ein besseres Konfliktmanagement, immerhin 70 Prozent der Israelis könnten sich Verhandlungen mit der Hamas vorstellen: „Eine pragmatische Verhandlung zwischen Feinden, so unerhört wäre das nicht.“

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