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„Darauf zu hoffen, dass der IS verschwindet, wäre naiv“

Die „schwarze Macht“ schrumpft, doch sie bleibt gefährlich.

Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) dominiert nicht erst seit den Anschlägen von Paris und Brüssel die Schlagzeilen. Bereits zuvor machte sie mit brutalen Morden, Folter, Entführungen und Erpressungen im Irak, Syrien und Libyen auf sich aufmerksam. Dabei blieb und bleibt der IS für Außenstehende wie für Kenner gleichermaßen eine rätselhafte Organisation.

Christoph Reuter, mehrfach ausgezeichneter Top-Journalist im Diensten des Spiegels, zählt zu den letzten westlichen Journalisten, die noch direkt aus Syrien und dem Nordirak berichten. Er hat nun versucht, Licht ins Dunkle zu bringen. In seinem Buch „Die schwarze Macht“ beschreibt er detailliert und kenntnisreich, wie es dem IS gelingen konnte, sich wie „ein unterirdisches Pilzgeflecht“ in der Region auszubreiten.

Phase I: Geheimdienst leistet Geburtshilfe

Wenn man so will, war der Geburtshelfer für den IS Paul Bremer. Im Jahr 2003 löste der damalige Zivilverwalter für den Irak in dem besiegten Land per Dekret Armee und Geheimdienste auf. Für Reuter eine „unfassbar politische Fehlentscheidung“. Im selben Moment schuf er sich „200.000 Todfeinde“, aus der sich wenig später die Führungsspitze des IS rekrutierte – mit dabei: Haji Bakr, früherer Geheimdienstoberst. Bakr mutierte bald zum strategischen Kopf der Organisation. Er war es, der sich ihren Bauplan und ihre DNA ausdachte, die – anders als viele denken – nichts Religiöses in sich trägt. Bakr schuf vielmehr ein perfides System der Überwachung und paranoider Kontrolle. Jeder bespitzelt jeden, niemanden wird vertraut. Informationen werden gesammelt, um Menschen gefügig zu machen und zu erpressen.

kas.de/Islamismus: In einem neuen Online-Portal bieten wir Informationen über die politische Ideologie des Islamismus an. In Zeiten, in denen Zivilisten weltweit immer wieder Opfer von Anschlägen werden, die von den Drahtziehern selbst mit der Religion des Islam begründet werden, ist es umso wichtiger genau hinzusehen und zu trennen – zwischen einem friedlich gelebten Islam im Privaten und Islamismus als eine Form von politischer Ideologie, die die demokratische Grundordnung ablehnt und eine Islamisierung von Gesellschaft und Staat anstrebt.

Phase II: Die „diskrete Phase“

Das System funktioniert. Bereits im Jahr 2009 ist u.a. die irakische Millionenmetropole Mossul fest in der Hand des IS. Kaufleute werden erpresst, ganze Gewerbezweige können sich nicht mehr sicher fühlen. Die „Kriegskasse für den Tag X“ füllt sich. Auf fünfzehn bis dreißig Millionen US-Dollar schätzt Reuter die Beute. Noch aber befindet sich der IS in seiner „diskreten Phase“. Sie besteht aus einem anarchischen Miteinander in unterschiedlichen Staaten, ohne das der IS selber – auch nicht namentlich – in Erscheinung tritt. Doch nicht mehr lange.

Phase III: Der Eroberungsfeldzug beginnt

Ab dem Frühjahr 2013 ändert sich die Strategie. Mit ninjaähnlichen Operationen wird gewaltsam Ort für Ort eingenommen. Vermutlich sind es stets dieselben 200 Kämpfer, die dabei zum Einsatz kommen. Weil sie stets schwarze Masken tragen, sind sie nicht wiederzuerkennen. Die Opfer aber haben den Eindruck es mit einer riesigen Armee zu tun zu haben. Die eroberten Gebiete werden ausgepresst. Um Zerstörung und Massenmord geht es dabei nur am Rande.

2016: Der Niedergang?

Heute, nach massiven Luftschlägen einer internationalen Allianz, ist der IS geschwächt. Die Terrororganisation verliert Städte, Territorium und Führungskräfte. „Darauf zu hoffen, dass er verschwindet, ist allerdings naiv“, warnt Reuter. Er ist sich sicher, dass wenn irgendwann die Verhältnisse wieder günstiger sind, der IS zuschlagen und expandieren wird. Erst Recht, solange die Konflikte in Syrien und Libyen nicht geklärt sind. Solange braucht die Führungsriege der schwarzen Macht sich wohl keine Nachwuchssorgen zu machen...

Das Buch „Die schwarze Macht“ von Christoph Reuter erschien bei der Deutschen Verlags-Anstalt München (2015). Es ist für rund €20 im Buchhandel erhältlich.

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

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erscheinungsort

Berlin Deutschland