Veranstaltungsberichte

#DemocraciaVirtual

von Friedrich Christian Matthäus , Gregory Ryan
Südbrasilien: Porto Alegre
Am 15. August 2014 veranstaltete die KAS die fünfte Veranstaltung aus der Reihe „Democracia Virtual” in Porto Alegre, Rio Grande do Sul. Das Event fand in Kooperation mit der ESPM-Universität sowie dem Verband Brasilianischer Studenten der Internationalen Beziehungen statt. Das zentrale Thema der Veranstaltung war die Auswirkung der Sozialen Medien auf die Zivilgesellschaft und die politische Kultur des Landes.

Als Teil ihrer Veranstaltungen mit Fokus auf Virtuelle Demokratie fuhr die KAS die Diskussionen über Soziale Medien, Bürgerbeteiligung und Staatsoffenheit fort.

Als erster Redner ergriff Fabro Streibel, Professor der Kommunikationswissenschaften an der ESPM-Universität in Rio de Janeiro und Politischer Berater der brasilianischen Regierung zu Angelegenheiten des Offenen Virtuellen Staats, das Wort.

Fabro argumentierte, dass die Regierung „sexy“ werden müsse, da sich die Bevölkerung so leidenschaftlicher und ausführlicher an der Politik beteiligen würde. Er sagte, dass die Regierung traditionell gesehen ein hoch institutionalisiertes Unternehmen sei und nicht unbedingt kompatibel mit dem dynamischen Wandel des Internets sei und häufig unfähig und unflexibel auf die Nachfrage der Menschen reagiere. Die Regierung könne jedoch nicht so fortfahren und diese Dynamiken ignorieren, sondern müsse sich diesen Entwicklungen anpassen, um den an sie herangetragenenen Wünschen gerecht werden zu können. Der Weg nach vorne, so schlug Fabro vor, bedeute, nach Inspirationen für die bestehenden cyberspacebasierten Prozesse zu suchen. Fabro schlug vier mögliche Vorgehensweisen als Ausgangspunkt vor: das Konzept heutiger mobiler Dating-Apps, Crowd-Intelligence, Gamification-Apps und den Multistakeholder-Prozess.

Die sogenannten Dating-Apps bietetn potenziellen Nutzern die Möglichkeit, darüber zu entscheiden, ob sie an einer Unterhaltung interessiert sind oder nicht. In Anlehnung daran schlug Fabro vor, dass Regierungen ihren Bürgern durch gezielte Applikationen ebenso ermöglichen sollten, sich zwischen abwechslungsreichen Themen bezüglich bestimmter politischer Fragestellungen entscheiden und aussprechen zu können. Crowd-Intelligence Apps stellten möglicherweise eine Methode dar, neue Lösungsansätze für politische lokale Fragen hervorzubringen. Auf der anderen Seite könnten Gamification-Apps eine größere Beteiligung der Gesellschaft an öffentlichen Diskussionen hervorrufen, indem der Nutzer wie im Videospiel für bestimmte Leistungen belohnt würde, während Mehrspieler-Modi die Verhandlungen innerhalb der Zivilgesellschaft, an Hochschulen, im privaten Sektor oder gar von Regierungen simulieren könnten. In Fabros Augen könnte sich die Regierung durch diese alternativen Programme und Methoden der breiten Öffentlichkeit zuwenden und diese in der Folge stärker mit einbeziehen.

Den zweiten Vortrag hielt Ana Simão, Professorin für Internationale Beziehungen an der ESPM-Universität. Ana präsentierte eine kritische Analyse der möglichen bevorstehenden Veränderungsprozesse innerhalb des Internets. Sie bezifferte die Anzahl der Internetnutzer in Brasilien auf 50%. So stamme der Großteil der Internetnutzer aus wohlhabenderen sozialen Schichten, wohingegen viele Leute aus prekären Verhältnissen nach wie vor ohne Internetzugang seien. Dies habe zur Folge, dass das Internet somit teilweise nur von einem Teil der Bevölkerung genutzt werde und daher auf Grund des expliziten Ausschlusses einiger Bürger durchaus ein gewisses Gefahrenpotenzial enthalte. Bevor dieses Ungleichgewicht nicht beseitigt sei, könne das Internet auch keine traditionelle Form der Beteiligung repräsentieren. Weiterhin haben Studien gezeigt, dass Brasilianer in der Regel eher über einen geringes Sozialkapital verfügten, was im Umkehrschluss bedeute, dass sie innerhalb ihrer Gemeinden weder einander noch ihrer eigenen Regierung Vertrauen schenkten. Dadurch scheine es für jegliche Art von Netzwerken nicht einfach, diese Hindernisse zu überbrücken – weder im realen noch im virtuellen Leben. Ana resümierte, Brasilien habe noch einige Hürden im Hinblick auf seine digitalen Sozialstrukturen zu meistern und dafür zu sorgen, die Nutzerzahl und die Möglichkeiten für aktive Internetnutzer auszuweiten.

Gustavo Diniz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Igarapé-Institut, einem brasilianischen Think Tank, eröffnete das zweite Panel: Er gab einen Überblick über den Verlauf der brasilianischen Demonstrationen des Jahres 2013. Er postulierte, während die Regierung begriffen habe, universellere öffentliche Dienstleistungen zu erbringen, weitete sie gleichzeitig subtil ihre Fähigkeiten virtueller Kontrolle und Repression aus. Das offensichtlichste Produkt dieser Entwicklung sei die Ausweitung der Brasilianischen Geheimdienstagentur ABIN sowie die Stärkung der Schlagkraft der Cyberverteidigungseinheit CDCiber. Brasilien besitze so die Möglichkeit, sich im Cyberspace vernetzende Gruppierungen zu überwachen und einzelne Personen zu identifizieren. Durch den kürzlich erlassenen „Marco Civil“, ein Gesetzespacket zur Internetüberwachung, hätten öffentliche Institutionen die Voraussetzungen zur Verfolgung auch potentieller staatsfeindlicher Aktivitäten geschaffen.

Hugo Suppo, Professor für Geschichte der Internationalen Beziehungen an der Staatlichen Universität Rio de Janeiros (UERJ), verglich die geschichtliche Entwicklung der Virtuellen Demokratie mit einer Genealogie der Entwicklung der Informationsgesellschaft. Hugos zentrales Argument war, dass das Internet lediglich ein weiterer evolutionärer Schritt aller Kommunikationsmittel sei. Vor dem Auftreten dieses Mediums, habe die Druckpresse auf ähnliche Weise die Gesellschaft und die Politik revolutioniert, später sei dies nochmal den Medien Radio und Fernsehen ebenfalls gelungen. Das eigetlich revolutionär neue sei hingegen, dass die Macht der Informationen soweit stets in den Händen einiger weniger lagen; das Internet habe dieses Monopol aufgeweicht und Informationsbeschaffung gleicher werden lassen – oder anders ausgedrückt: nun könne ein jeder Informationen generieren und verbreiten. Tortzdem gelte auch hier die alte Regel, dass die Wahrnehmung von Informationen das Produkt verschiedener Prozesse und Einflussfaktoren sei und deshalb diejenigen mit mehr Kapital und daraus resultierender Schlagkraft bestünden. Außerdem habe die Informationslandschaft durch die explosionsartige Zunahme potentieller Schreiberinnen und Schreiber an Übersichtlichkeit verloren – Komplexität kompliziere den Informationsverlauf.

Die Veranstaltung war die erste „Virtuelle Demokratie“ im Süden Brasiliens und wurde von Marketingstudenten und der Internationale Beziehungen-Studentenschaft besucht. Die Diskussion wird wie gewohnt online weitergeführt; die Hashtags #KAS und #DemocraciaVirtual dienen in den Sozialen Medien als Dreh-und Angelpunkt.

Externe Linktipps

Democracia Virtual - Porto Alegre

Über diese Reihe

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