Veranstaltungsberichte

„Die ‚Fassenacht‘ ist humorloser als der Bundestag.“

Bericht über die Jahresabschlussveranstaltung „Anekdoten und Erinnerungen zweier politischer Leben“ des Bildungsforums Saarland der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) e.V.

„Ich sehne mich nach den Typen wie Franz-Josef Strauß oder Herbert Wehner zurück, bei denen die Fetzen flogen, wenn sie die Rostra des alten Bundestages im beschaulichen Bonn betraten“, schreibt Dr. h.c. Johannes Gerster in dem Vorwort seines neuen Buches „Typen und Mythen. Von Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner bis heute“. Dem Vorsitzenden des Kuratoriums der Israelstiftung in Deutschland und Bundestagsabgeordneten a.D. ist die die heutige Politik „zu glatt, zu verwechselbar, zu wenig originell“. Gerster hat im Laufe seines Lebens die politischen Größen vergangener Tage wie z.B. Willy Brandt, Helmut Schmidt, Heiner Geißler und Helmut Kohl kennengelernt und war Zeuge legendärer Redeschlachten. In seinem Buch geht er auf diese Begegnungen ein und erzählt Anekdoten über diese unverwechselbaren Typen. Im Rahmen unserer Jahresabschlussveranstaltung „Anekdoten und Erinnerungen zweier politischer Leben“ vom 04. Dezember 2017 hatten unsere Freunde des Politischen Bildungsforums Saarland der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) e.V. die Gelegenheit, den spannenden Einblicken von Gerster persönlich zu folgen. Gerster berichtete u.a. von seiner Fahrt in der 1. Klasse mit der chinesischen Staatsbahn nach China zur Pflege kultureller Beziehungen mit China im Jahr 1986, einem witzigen Briefwechsel mit Annemarie Renger während ihrer Zeit als Bundestagspräsidentin, seinem ersten Aufeinandertreffen mit Franz-Josef Strauß und seinem ambivalenten Verhältnis zu Helmut Kohl. Gerster gab zu, dass er panische Angst vor Kohl hatte, aber betonte auch: "Kohl hatte viele Fehler. Aber Deutschland kann froh sein, dass er regierte, vor allem mit Blick auf die deutsche Wiedervereinigung.“ Gersters Mainzer Mundwerk und trockener Humor bei seinen Ausführungen sorgte für einen heiteren und kurzweiligen Abend. Die Jahresabschlussveranstaltung fand im Dialog mit dem zweiten Gast des Abends statt: dem Saarländer Werner Schreiber. Als Minister a.D. und Vorsitzender des Arbeitnehmer-Zentrums Königswinter hielt auch er nicht weniger Erinnerungen für die Zuschauer bereit. Er erzählte u.a. davon, wie er in der Zeit Kohls vom Saarländischen Landtag in den Bundestag kam und wie im Bundestag getrickst wurde, aber wie auch er selbst trickste. Zum Abschluss stellten sich Schreiber und Gerster den Fragen der begeisterten Zuschauer, die den Bezug zur heutigen Zeit herstellten und Fragen zur Glyphosat-Affäre sowie zur Regierungsbildung stellten.

Als Moderator führte Prof. Axel Buchholz, Honorarprofessor und Journalist des Saarländischen Rundfunks, durch den Abend und öffnete einige Schlösser des Gedächtnispalasts beider ehemaligen Politiker. Dabei wollte er es genau wissen: „Gerster, haben Sie eigentlich durch das Buch viele Freunde verloren?“ Worauf Gerster gewohnt schlagfertig und mit einem zwinkernden Auge antwortete: „Die ‚Fassenacht‘ ist humorloser als der Bundestag."

Über diese Reihe

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