Veranstaltungsberichte

"Die Tagesordnung"

Nationalsozialistische Machtpolitik und die Annexion Österreichs
Am 9. September stellte der französische Autor und Gewinner des Literaturpreises „Prix Goncourt“ Eric Vuillard sein Werk „Die Tagesordnung“ in der Villa Quandt in Potsdam vor. Ein Bericht von Kaya-Katharina Van der Wyst (Praktikantin im Politischen Bildungsforum Brandenburg)

Regelmäßig veranstaltet das Brandenburger Literaturbüro in Zusammenarbeit mit dem Politischen Bildungsforum Brandenburg der Konrad-Adenauer-Stiftung Lesungen an verschiedenen Orten im Bundesland. So fand in diesem Rahmen am Sonntagmorgen des 9. September eine Matinee in der Villa Quandt in Potsdam statt. Im Mittelpunkt stand der Roman „Die Tagesordnung“ des französischen Autors Eric Vuillard, der sein Buch selbst vorstellte. Moderiert wurde die Veranstaltung von Knut Elstermann, während der Dolmetscher Johannes Honigmann, der auf Literatur und Theaterwerke spezialisiert ist, übersetzte. Der Schauspieler Frank Arnold trug den mehr als 60 Gästen aus der deutschen Fassung des Buches vor.

Die Matinee begann mit einem Grußwort des Freundeskreises Potsdam-Versailles, welcher sich für die Städtepartnerschaft zwischen diesen beiden Städten engagiert. Anschließend wurde der renommierte Autor Eric Vuillard vorgestellt, welcher als einer der wichtigsten französischen Autoren der Gegenwart gilt. In seinen Erzählungen macht er die Geschichte greifbar, indem er sie neu erzählt. Damit hat der in Lyon geborene Schriftsteller ein neues Genre begründet. Für das in der Lesung vorgestellte Werk „Die Tagesordnung“ erhielt er im Jahr 2017 den „Prix Goncourt“, welcher als der bedeutendste Literaturpreis Frankreichs gilt. Sein Roman betrachtet die Zeit des Nationalsozialismus aus einer anderen, einer erzählerischen Perspektive, welche den Eindruck vermittelt, man wäre selbst bei den beschriebenen, geheimen Treffen anwesend.

Zunächst schilderte Vuillard seine Arbeitsweise: er wolle die Thematik zunächst so weit wie möglich selbst verstehen, so tauche er in ihre Welt ein, bevor er das Schreiben beginnt. Manchmal, so der Autor, entdecke er bereits Gelesenes wieder neu, nehme einige Sätze anders wahr. So werden aus Schilderungen, die ihm vorher unscheinbar erschienen, neue Schwerpunkte, welche später der Detailliertheit nützen. In seinen Werken gelinge es Vuillard, keine Person als Protagonisten zu benötigen, da er die Geschichte selbst zum Protagonisten mache, so der Moderator Elstermann. So bringe Vuillard „die Geschichte zum sprechen“.

In den ersten beiden der von Arnold gelesenen Abschnitte, zwischen denen nochmals ein Gespräch mit dem Autor stattfand, geht es um ein Treffen zwischen Adolf Hitler und dem österreichischen Kanzler Kurt Schuschnigg auf dem Berghof. Dieses Treffen brachte das Berchtesgadener Abkommen hervor, welches die endgültige Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich ermöglichte. Eindrucksvoll las Arnold aus dem Werk vor, das in diesen Ausschnitten auch auf den Memoiren Schuschniggs basiert. Während dieser in der Erzählung bereits bei der Ankunft das Gefühl empfindet, in der Falle zu sitzen, wirft Hitler ihm vor, die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich vermieden zu haben. Indem er diesem Vorwurf entgegnen will, fühlt er sich so, als sei „sein Gedächtnis, die Welt und auch Österreich leer“ und so endet Schuschnigg eher im Fauxpas. Ihm werden Maßnahmen und Forderungen auferlegt, die schließlich zum Verlust der Souveränität Österreichs führen. Die detaillierte Beschreibung Vuillards und die lebendige Vortragsweise Arnolds ermöglichten es dem Publikum, dieses Treffen mitzuerleben.

Im Anschluss daran, erklärte der Autor, wie hoch die Anteile an Fiktion in seinen Werken sind und inwieweit er sich auf die historische Realität bezieht. Vuillard versicherte, dass die Dialoge nicht erfunden seien, sondern dass er sich auf Memoiren und weitere historische Quellen stütze. So handele es sich zwar weiterhin um einen Roman und nicht um ein wissenschaftliches Werk, trotzdem habe er den Anspruch, die historischen Geschehnisse so nah an der Realität wie möglich zu vermitteln. Vollständige Objektivität zu wahren, sei ohnehin unmöglich, wenn es sich um vergangene Ereignisse handele, so verändere sich auch das Wissen mit der zeitlichen Distanz, was die Geschichtswissenschaft immer berücksichtigen müsse. Elstermann betonte darüber hinaus die Bedeutung der poetischen Passagen im Buch. An dieser Stelle erinnerte der Autor daran, dass der Preis für diese detailreichen Beschreibungen, welche die Facetten der Geschichte zeigen sollen, die Neutralität sei.

Nach dem zweiten Teil der Lesung, der auf die taktischen Züge vor der Unterzeichnung des Abkommens einging, sprach Elstermann die Aktualität des Buches an, das zeige, „wie schnell Gesellschaften kippen könnten“. Vuillard stimmte ihm dabei zu, so würden sich die gesellschaftlich relevanten Aspekte mit der Zeit ändern, die Entwicklungen seien aber ähnlich und auch das Verhalten in der Politik agierender Personen sei wiederzuerkennen. Für eine derartige Literaturform sei es sowieso nötig, einen Zusammenhang zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart herzustellen, so der Autor. Der Moderator Elstermann sagte am Ende des Gesprächs, Katastrophen kämen oft auf leisen Sohlen, dieses Buch ließe es aber zu, die Schritte in die Katastrophe wahrzunehmen.

Zum Abschluss las Arnold aus den letzten Seiten des Buches, welche die mehr als 1700 Selbstmorde in Österreich in der Woche vor dem Referendum zur Annexion des Landes an das Deutsche Reich im Jahr 1938 zum Thema haben. So hieß es zu dieser Zeit in der Presse, dass die Selbsttötungen „aus unbekanntem Grund“ vollzogen worden seien. Allerdings scheinen die Suizid begehenden Personen geahnt zu haben, was in der nächsten Zeit passieren würde. Ihr Schritt veranschaulicht nach Auffassung des Autors, was sie empfänden und was im Grunde bereits vor der Aneignung des Gebietes durch die Nationalsozialisten dort angekommen sei: der Hass.

Die Matinee ermöglichte es, einerseits einen spannenden Einblick in das Buch zu erlangen, aber auch mehr über die besondere Arbeitsweise des Autors und seiner Art, Geschichte zu erschließen, zu erfahren.

Ansprechpartner

Stephan Georg Raabe

Stephan Georg Raabe bild

Landesbeauftragter für Brandenburg und Leiter des Politischen Bildungsforums Brandenburg

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