Veranstaltungsberichte

„Es gibt kein Unternehmer-Gen“

von Maximilian Reiber
7. Hauptstadtforum der Wirtschaftsjunioren und der Konrad-Adenauer-Stiftung
Seit einigen Jahren nimmt die Anzahl der Unternehmensgründungen in Deutschland pro Jahr ab. Trotz anhaltend guter Konjunktur wollen sich immer weniger Menschen mit einem eigenen Unternehmen selbstständig machen. Was heute durch immer neue Beschäftigungsrekorde am Arbeitsmarkt ausgeglichen wird, könnte morgen zum Problem für die Soziale Marktwirtschaft werden. Wie man dem entgegenwirken kann, diskutierten Experten im Forum der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Anabel Ternès ist sich sicher, dass schon in der Schule Gründerkompetenzen vermittelt werden müssen. Die Diplom-Pädagogin ist selbst Gründerin und setzt sich für die Vermittlung von digitalen Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen ein. „Die Schüler müssen niederschwellig abgeholt werden. Das fängt schon beim Verkauf von Weihnachtskarten an“, sagt sie.

Politik und Unternehmen in der Pflicht

Die Vermittlung von unternehmerischen Fähigkeiten wie Management, Kreativität und individuelles Lernen sei fest im Lehrplan verankert, berichtet Hildegard Bentele, die Bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Allerdings hätten Lehrer oft keine Berührungspunkte mit dem Unternehmertum. „Hier müssen Lehrer gezielt fortgebildet und an das Thema herangeführt werden.“

Kristine Lütke, die Bundesvorsitzende der Wirtschaftsjunioren Deutschland, sieht zudem die Unternehmen in der Pflicht, sich mehr in den Schulen zu engagieren. „Lehrer haben heute wahnsinnig viele Aufgaben zu erfüllen und sind auf Hilfe von außen angewiesen“, sagt sie. Darüber hinaus müsse sich etwas an der Einstellung von Schulleitern und Lehrern zu Initiativen der Unternehmen ändern. „Die Offenheit der Schulen gegenüber von Unternehmen initiierten Projekten ist sehr unterschiedlich“, bestätigt Anabel Ternès aus eigener Erfahrung. Oft seien leider nur einzelne Lehrer an Kooperationen interessiert.

Mehr Freiräume für unternehmerische Projekte

Laut einer Umfrage ist der öffentliche Dienst der beliebteste Arbeitgeber bei Schulabgängern, gefolgt von den großen Automobilkonzernen. Selbst ein Unternehmen gründen, wollen dagegen nur die wenigsten Jugendlichen. Kein Wunder, sagt der Schülerfirmencoach Frank Zelazny. „Die Schulen bereiten die Kinder auf ein Angestelltendasein vor.“ Er schlägt vor, mehr Freiräume im Unterricht zu schaffen, um unternehmerische Projekte durchzuführen.

Zelazny selbst hat mit einer Schülergruppe die Firma FairWear gegründet - als Reaktion auf den Zusammensturz einer Textilfabrik in Bangladesch. FairWear importiert nachhaltig und fair produzierte Kleidung aus Entwicklungsländern und verkauft diese in Deutschland. „Schüler sollen mit Hilfestellung eigene Handlungsperspektiven entwickeln“, sagt er. Dabei sei der geschützte Raum der Schule ideal, da dort auch Scheitern möglich ist.

Gesamtkonzept für digitale Lernformen

Alle Teilnehmer der Diskussionsrunde sind sich einig, dass die Schüler besser auf den digitalen Wandel vorbereitet werden müssen. „Durch den Bildungsföderalismus gibt es momentan keinen deutschlandweiten Blick auf das Thema“, sagt Lütke. „Wir müssen ein Gesamtkonzept entwickeln, wie digitale Lernformen in die Schulen kommen.“

Digitale Angebote in der Schule seien eine gute und wichtige Ergänzung, betont Tim Fahrendorff, der für die Weiterbildungsplattform Career Foundry arbeitet. „Wenn Kinder und Jugendliche den richtigen Umgang mit elektronischen Geräten erlernen, werden wiederum unternehmerische Schlüsselkompetenzen wie Flexibilität, Eigenverantwortung und Selbstorganisation gefördert.

Daher appelliert Kristine Lütke an Bildungspolitiker, mehr Freiräume für unternehmerische Projekte und digitale Bildung im Schulalltag zu schaffen. Ein Unternehmergen gäbe es nämlich nicht. Unternehmergeist dagegen könne jeder erlangen. Und den gelte es nun, durch neue Konzepte zu fördern.

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7. Hauptstadtforum

Über diese Reihe

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