Veranstaltungsberichte

„Es ist möglich, dass der Kuchen für alle wächst.“

von Georg S. Schneider
Deutschland. Das nächste Kapitel - Mit Vertrauen in die Zukunft
Generationengerechtigkeit: Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit der deutschen Sozialsysteme – sofern innovative Reformbereitschaft, zeitgemäße Flexibilisierungsbemühungen und solidarischer Gemeinsinn nicht nachlassen.

Eine spontane Programmänderung wurde von den Gästen verständnisvoll hingenommen: Der frisch gekürte Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW, Karl-Josef Laumann musste sich aufgrund der ersten Kabinettssitzung der neu gewählten Landesregierung entschuldigen lassen. Spontan eingesprungen ist Dr. Alexander Spermann, Arbeitsmarktexperte, Buchautor und Privatdozent an der Universität Freiburg.

Die gegenwärtige ökonomische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland gibt Anlass, mit Vertrauen in die Zukunft zu blicken: Die Zahl der Erwerbstätigen ist auf Rekordniveau, der Haushalt ausgeglichen, die Investitionen in Bildung und Forschung sind höher denn je. Wir leben in einem wohlhabenden Land mit Sozialsystemen, welche nicht nur zu den leistungsfähigsten weltweit zählen, sondern auch allen hilfsbedürftigen Menschen offenstehen.

Gleichwohl sind ebenfalls wirtschaftliche und soziale Herausforderungen erkennbar, deren Auswirkungen man ernstnehmen muss – oder deren Folgen man sogar bereits heute spüren kann. Dazu gehört das weite Feld der Generationengerechtigkeit, das uns zum Beispiel in den Aspekten der Pflege, des Rentensystems und der Bildungschancen unmittelbar betrifft.

Diese drei Schlüsselbegriffe erläuterte Dr. Alexander Spermann, Arbeitsmarktexperte, Buchautor und Privatdozent an der Universität Freiburg. Es seien durch die Reformen der vergangenen Jahre schon Schritte in die richtige Richtung erfolgt. Allerdings dürften Reformbereitschaft und Flexibilisierungsstreben nicht nachlassen. Durch eine Anhebung der Beschäftigungsquote im Alter, durch stärkere Partizipation von Frauen am Arbeitsmarkt – erleichtert durch zeitgemäßere Arbeitszeitmodelle -, durch lebenslange Fortbildung und Fachkräftezuwanderung habe die deutsche Wirtschaft die Chance, auf die Herausforderungen der Generationengerechtigkeit mit eigenem Wachstum zu reagieren. Der Digitalisierung komme bei dem Fortschritt im Bereich von Pflege und Bildung erhebliche Bedeutung zu. Man müsse sie dabei mit Blick auf den Menschen als unterstützend, aber nicht als ersetzend begreifen. Die Erfahrung der vergangenen Jahre habe gezeigt: Reformen und Flexibilisierung zogen keine Verteilungskämpfe nach sich, sondern eine zuvor kaum für möglich gehaltene Beschäftigungsquote. „Es ist möglich, dass der Kuchen für alle wächst.“

Ulrich Hamacher, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Bonn und Region, unterstrich die Warnung vor einer künstlich verschärften Konfliktlinie zwischen den Generationen. Staat, Parteien, Kirchen und Sozialverbände sollten sich nicht zaghaft die Frage stellen, ob man Generationengerechtigkeit verwirklichen könne, sondern wie dies gelänge. Dabei müsse man sich ggf. aus dem alten Denken befreien und heiße Eisen anpacken, also zum Beispiel die Frage nach einem Zuwanderungsgesetz mit Blick auf die Erfordernisse des Wirtschaftens und der Nächstenliebe offen und ergebnisorientiert stellen.

Dr. Hubertus Hille, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg, verwies in diesem Zusammenhang auf notwendige Anstrengungen im Bereich der Bildung. An den Fähigkeiten des Einzelnen und am Bedarf des Arbeitsmarktes orientiert, müsse es eine frühzeitige und begleitende Beratung für Nachwuchskräfte geben, um z.B. nach Rückschlägen in Schule, Studium oder Ausbildung ein „relaunch your career“ zur ermöglichen – so der Name eines schon bestehenden Programms aus dem Bereich der IHK. Der Druck des Wandels auf dem Arbeitsmarkt und der partielle Fachkräftemangel hätten auf Seiten der Wirtschaft Anstoß zu neuen Initiativen gegeben. Gleichwohl sei auch der Staat gefragt, deutschen Unternehmen über ein moderates Steuer- und Abgabensystem einen Bestand in Zeiten der Globalisierung zu ermöglichen.

Dr. Claudia Lücking-Michel MdB, Mitglied in den Ausschüssen für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung sowie Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, unterstrich die Verantwortung eines jeden einzelnen – nicht zuletzt bei der Bewältigung der Fragen der Generationengerechtigkeit. Der Staat könne – und solle – letztlich nur den Rahmen des Handels geben. Gerade im Bereich der Pflege und Bildung bleibe die natürliche Umgebung, das menschliche Miteinander eine entscheidende Grundlage. Um dies in Zeiten wachsender Mobilität und reduzierter Geburtenzahlen gewährleisten zu können, müsse man gerade die sozialen Berufe aufwerten, finanziell und durch begleitende Programme: „Es muss uns etwas wert sein!“ Dort, wo Menschen Verantwortung für andere übernehmen, sollten sie auch selbst mehr Unterstützung und Anerkennung für ihre Arbeit bekommen. Es sei daher erfreulich, dass der Etat der Bundesregierung auf dem Gebiet der Bildung und Forschung auf über siebzehn Milliarden Euro gestiegen sei – ein Schritt in die richtige Richtung. Anstatt einzelne Bildungswege wie Berufsausbildung und Studium gegeneinander auszuspielen, müsse man beide stärken und Wechselmöglichkeiten erleichtern. Auch hier werde man sehen, dass mehr Investitionen in die Zukunft das Potential entfalten könnten, allen zu dienen – und in der Diskussion um die Generationengerechtigkeit die fehlgeleitete Scheinlogik des gegenseitigen Wegnehmens zu durchbrechen.

Über diese Reihe

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