Veranstaltungsberichte

„Fahrt am Ereignishorizont entlang“

von Stephanie Becker

Durs Grünbein in der Lesungsreihe der KAS und der Universität Bonn

Was das Politische des literarischen Schreibens ist, wie der Dichter mit der Zeitgeschichte umgeht, warum es den „Vers als Taucher“ gibt – und was die drei Großbuchstaben im DHL-Tower bedeuten. Um diese Fragen ging es bei der Veranstaltung mit Durs Grünbein, der am 30. Juni 2011 auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Universität Bonn in der seit 2009 gemeinsam betreuten Lesungsreihe las. Das Interesse war so groß, dass das Publikum in den großen Hörsaal I, den alten Theatersaal der Universität, umziehen musste.

Der Rektor der Universität Bonn Prof. Dr. Jürgen Fohrmann betonte eingangs, wie wichtig es sei, Gegenwartsliteratur und die „Gegenwärtigkeit der Literatur“ stärker in der universitären Lehre zu berücksichtigen. Die Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung bedeute in diesem Sinne eine fruchtbare Verschränkung von Wissenschaft und Gesellschaft.

Der Hauptabteilungsleiter Begabtenförderung und Kultur der Konrad-Adenauer-Stiftung Prof. Dr. Günther Rüther stellte den 1962 in Dresden geborenen Durs Grünbein als vielschichtigen und enzyklopädischen Autor vor. Grünbeins Schaffen sei vor allem von seinem Interesse an den Naturwissenschaften und der Kunst des Gesprächs geprägt. So stehe Grünbein auch im Dialog mit der Philosophie, der Kunst und mit der Gegenwart.

Diese thematische Breite und Vielfältigkeit offenbarten sich in der Lesung Grünbeins. Die Reise, auf die er die Zuhörer mit seinem neuen römischen Zeichenbuch „Aroma“ entführte, war nicht allein ein einfacher touristischer Ausflug nach Rom, sondern zugleich eine Reise durch die Zeiten. Dabei zählt nicht nur der Blick aus der Gegenwart in die etwa architektonisch immer noch präsente Vergangenheit. Auch folgt sein Gedichtzyklus dem Jahreslauf. Auf die schnellen lebendigen Verse des Frühjahrs folgt die schwüle Trägheit des Sommers. Geschickt präsentierte Grünbein in der Lesung einzelne Gedichte, ordnete diese jedoch für die Zuhörer in den Gesamtzusammenhang seines Gedichtzyklus „Aroma - Ein römisches Zeichenbuch“ ein. Denn gleich dem namengebenden Zeichenbuch enthält der Band eine Vielzahl von Eindrücken aus Grünbeins Zeit als Stipendiat der Villa Massimo in der ewigen Stadt. Momentaufnahmen, die er gleich einem literarischen Foto in Verse gießt.

Nach der Lesung diskutierte Grünbein in anregender Atmosphäre mit Prof. Dr. Kerstin Stüssel (Germanistin an der Universität Bonn) und Prof. Dr. Michael Braun (Referatsleiter Literatur der Konrad-Adenauer-Stiftung) über sein Werk. Auf Brauns Frage, wie der Vers als „Taucher“ den Dichter „in die Tiefe“ ziehen könne, antwortete Grünbein, dass Dichtung durch Zeit und Raum segeln könne. Wenige Zeilen könnten räumliche und zeitliche Distanzen überwinden. Ohne Vorwissen, so Braun, könne man manchmal die sehr anspruchsvollen Gedichte Grünbeins nicht verstehen. Darauf erwiderte der Dichter, dass ein gutes Gedicht in seinen Augen eine „benutzerfreundliche Oberfläche“ haben solle. Jedoch müsste es auch immer Sümpfe geben, in denen man versinke, denn offene Fragen regten zum Nachdenken und zu einer näheren Beschäftigung mit der Materie an.

Kerstin Stüssels Frage nach der Bedeutung des Lichtes konzentrierte Grünbein auf das jahrtausendealte Motiv der Morgenröte, das noch die Bolschewisten immer wieder neu besetzt hätten. Für ihn sei zunächst diese verklärte Vorstellung der Morgenröte prägend gewesen, dann seien die „Grautöne, morgens“ immer stärker hervorgetreten. Je enger das Gefängnis DDR für ihn wurde, desto grauer wurde die Morgenröte.

Auf die Frage Brauns, was Politik in der Lyrik zu suchen beziehungsweise was Lyrik mit Politik zu tun habe, führte Grünbein aus, dass er sich selbst nicht als politischen Menschen wahrnehme. Nach der Erfahrung der sozialistischen Diktatur habe er eine innere Abwehrhaltung gegenüber allem Politischen. Jedoch könnte man genau diese Gegenhaltung auch wieder als politisch bezeichnen, weshalb er als Privatmann dann vielleicht doch wieder ein politischer Mensch sei. Abschließend bat Stüssel um die Erläuterung einer Metapher, wonach nur, wer dichte, seine Seele fotografieren könne. Grünbein erklärte, dass ein Gedicht nicht nur aus einfachen Worten und Versen bestehe, sondern aus Assoziationen. Somit sei ein Gedicht eine „Komposition komplexer Bewusstseinszustände“.

Auch das Publikum ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, den Dichter zu befragen: sei es, was für ihn „Macht“ bedeute, oder was er denke, wenn er Bücher signiere. Und auch die „DHL“-Frage blieb nicht in der Luft hängen. Nachdem im Publikum vermutet wurde „dauert halt länger“, übermittelte der Leiter des Literaturbüros NRW aus dem Publikum die Lösung: Adrian Dalsey, Larry Hillblom und Robert Lynn hießen die Gründer des 1969 gegründeten Paket- und Brief-Express-Dienstes, der seit 2002 als DHL International GmbH zum Konzern der Deutschen Post AG gehört. Manchmal braucht man doch Dichter, um den einfachen Dingen des Lebens auf die Spur zu kommen.

Stephanie Bongartz M.A.

Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

Projekt Neue Fördermaßnahmen

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Über diese Reihe

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Sankt Augustin Deutschland