Veranstaltungsberichte

„Strategie zu Luft und Mobilisierung zu Land“

von David Brähler
Zweiter Tag der Parteienberatung zu politischer Kommunikation in Guatemala
Die Partei Primero Justicia ist die stärkste politische Kraft in Venezuela, die es mit dem autokratischen Regime von Nicolas Maduro aufnimmt. Juan Antonio Galíndez, selbst seit Jahren in der Partei engagiert, vermittelte am zweiten Tag der Beratung für Politiker und Kommunikationsleute der Parteien PUSC (Costa Rica), PDC (El Salvador), TODOS (Guatemala) und UDC (Nicaragua) Grundzüge eines erfolgreichen Wahlkampfs und vor allem für den Aufbau und die Stärkung von Oppositionsparteien.

In den 17 Jahren seit ihrer Gründung habe die Partei Primero Justicia ein ausgeklügeltes System der Wähleransprache entwickelt. Sie bestehe aus der Entwicklung einer Strategie „in der Luft“, d.h. aus der Vogelperspektive, und aus dem Nahkontakt „zu Land“ mit den Menschen. Auf unzähligen kleinen Treffen in den entlegensten Dörfern des Landes sammle die Partei seit Jahren die Kontaktdaten tausender Sympathisanten, um sie über eine eigene Datenbank regelmäßig zu informieren. Über eine eigene App, die jedes Parteimitglied benutze, würden neue Interessenten in die Datenbank eingegeben, was eine enorme Reichweite der Botschaft demokratischer Werte gegen den Machtmissbrauch der chavistischen Regierung ermögliche. „Für uns ist das ganze Jahr Wahlkampf. Wir nennen diese Arbeit ‚Aktivismus‘ mit seinen unzähligen Versammlungen und Hausbesuchen unserer Mitglieder“, so Galíndez.

Da die Wählerdaten in Venezuela öffentlich seien, würden sie intern mit den eigenen gesammelten Daten zusammengeführt, so dass ein komplettes Profil der Sympathisanten und Mitglieder entstehe. „Nutzt ein Interessent E-Mail, so senden wir ihm eine E-Mail und laden ihn zu einer Versammlung ein. Nutzt ein anderer WhatsApp, bekommt er einen Glückwunsch zum Geburtstag von unserem Präsidentschaftskandidaten“, erklärte Galíndez. Die Kommunikationsstruktur umfasse auch ein Call Center, um auf Fragen zu antworten und die Leute noch mehr in die Arbeit der Partei einzubinden.

Mit dem Slogan „Die Kraft des Wandels bist du“ lancierte Primero Justicia im Wahlkampf 2015 eine neue Welle von Events im ganzen Land, um Sympathisanten zu gewinnen. Das Wahlergebnis mit 66 von 120 gewonnenen Abgeordnetensitzen kann sich sehen lassen.

„Wir haben nicht nachgelassen, unsere Botschaft ‚Venezuela will den Wandel‘ unablässig zu wiederholen“, so Galíndez. Je nach Region und gesellschaftlicher Schicht hätten die Politiker und Mitglieder ihre Botschaft angepasst, um die Leute zu erreichen.

Für den konkreten Wahlkampf startete die Partei die eigentliche „Mobilisierung“. Über eine eigene Webseite seien alle Anhänger aufgerufen worden „zu mobilisieren, zu verteidigen und zu multiplizieren“. Dahinter habe sich die wichtige Aufgabe verborgen, landesweit Wahlbeobachter zu schulen und zu stellen, um vor Ort, in strategisch zugeschnittenen Zonen, für Primero Justicia zu werben und die Sauberkeit der Wahl zu kontrollieren. „Der erste Schritt, die Einteilung in Zonen, nutzt die Ortskenntnis der eigenen Mitglieder, um jeden Nachbarn am Wahltag zu mobilisieren“, so Galíndez.

Leider gebe es in den meisten lateinamerikanischen Ländern den schlechten Brauch Wahlstimmen zu kaufen. Die Wähler erwarteten geradezu, welche Partei das höchste Angebot abgebe, um schließlich für diese Partei an die Urne zu treten. „Angesichts des mit scheinbar unendlichen Geldmitteln ausgestatteten Regierungsapparates haben wir uns von Anfang an dafür entschieden, anstatt des Geldbeutels die Herzen mit einer klaren und glaubhaften Botschaft zu gewinnen“, so der Venezolaner. Mithilfe der Fallstudie zu der Nachwuchspolitikern Maríalbert Barrios, die in den Wahlen 2015 als jüngste Abgeordnete in das Parlament einzog, unterstrich Galíndez die Kraft einer überzeugenden Botschaft und eines unermüdlichen, direkten Kontakts mit den Menschen.

Während der Simulation eines sogenannten „warrooms“ als Strategiezentrum entwarfen die Teilnehmer in Gruppen eine Strategie für eine Stichwahl in einem städtischen Gebiet.

Am Nachmittag nahmen die argentinischen Berater Augusto und Maximo Reina mit dem Thema „Refraiming“ den roten Faden des Vortages auf. Dabei gehe es darum, den Bildausschnitt der Wirklichkeit, den etwa ein Interviewer mit seiner Frage festlege, aufzubrechen und mit der Antwort einen anderen, eigenen Rahmen der Wirklichkeit festzulegen. Anhand von zahlreichen Beispielen und einer Gruppenübung lernten die Politiker und Kommunikationsleute zwischen der Metaebene „Narrativ“, der Zwischenebene „Botschaft“ und konkreten Wahlkampfslogan und –phrasen zu unterscheiden.

In einer Abschlussübung galt es, eine klare Botschaft mit effektiven öffentlichen Aktionen zu unterlegen, um die eigene Botschaft nachdrücklich medial zu platzieren.

Über diese Reihe

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