Veranstaltungsberichte

1918–2018: Horizonte einer europäischen Zeitreise

von Judith Michel
1918, in dem Jahr, in dem der Erste Weltkrieg endete, starb der bedeutende deutsch-jüdische Philosoph und Aufklärer Hermann Cohen. Gemeinsam mit der Hermann-Cohen-Akademie für Religion, Wissenschaft und Kunst nahm die Konrad-Adenauer-Stiftung das Jubiläum zum Anlass, den herausragenden Denker zu würdigen. Ganz im Sinne Cohens wurde während der Tagung die Bedeutung der jüdisch-christlichen Tradition für die europäische Identität diskutiert und nach den Lehren dieser Traditionen für die Gegenwart gefragt.

In seiner Begrüßung wies PD Dr. Matthias Oppermann, der Leiter der Abteilung Zeitgeschichte der Konrad-Adenauer-Stiftung, auf die Bedeutung der Philosophie Hermann Cohens hin und zitierte dabei den Namensgeber der Stiftung selbst: „Wer unsere besondere Verpflichtung gegenüber den Juden und dem Staat Israel verleugnen will, ist historisch und moralisch, aber auch politisch blind. Der weiß nichts von der jahrhundertelangen deutsch-jüdischen Geschichte und nichts von den reichen Beiträgen, die von den Juden zur deutschen Kultur und Wissenschaft geleistet worden sind. Er begreift nicht die Schwere der Verbrechen des nationalsozialistischen Massenmords an den Juden“ – so schrieb Adenauer 1966 in einem Beitrag für die „Politische Meinung“. In diesem Sinne sei zu fragen: „Was sind die ideen- und religionsgeschichtlichen Grundlagen Europas und welche Rolle spielen sie in einer Zeit, in der das Modell der liberalen Demokratie zusehends unter Druck gerät?“

Prof. Dr. Dr. h.c. Eveline Goodman-Thau, die Gründerin und Direktorin der Hermann-Cohen-Akademie für Religion, Wissenschaft und Kunst (Buchen/Odenwald) führte in das Thema ein und skizzierte die Grundzüge von Cohens Denken. Cohen war ein Verfechter des Gedankens einer deutsch-jüdischen Symbiose und dachte in seinem umfangreichen Werk Kants Philosophie neu. Goodman-Thau betonte insbesondere die jüdischen Grundlagen von Cohens Philosophie und empfahl, um diese nachzuvollziehen, die Lektüre seiner 1919 posthum erschienener Schrift „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“.

Zwar wurde der neukantianische Vernunftoptimismus des Philosophen durch den Holocaust schwer erschüttert, umso mehr seien wir jedoch angesichts der gegenwärtigen Krisensymptome gefordert, dieses Erbe neu ins Bewusstsein zu rufen und zu diskutieren.

Was hält uns in Europa zusammen?

Die Teilnehmer befassten sich zunächst mit der Frage, welche Ideen zur Einigung Europas im 20. Jahrhundert beigetragen haben. Oppermann zeichnete unterschiedliche frühe Impulse der europäischen Integration am Beispiel der Europapolitik des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle und von Bundeskanzler Konrad Adenauer nach. Er betonte, dass Europa sowohl eine Werte- als auch eine Interessengemeinschaft sei: „Wer heute sagt, die EU sei nie eine Wertegemeinschaft, sondern immer nur auf Interessen gegründet gewesen, hat die Komplexität der frühen Impulse zur europäischen Integration nicht verstanden. Und wer der Ansicht ist, so etwas wie nationale Interessen dürfe es nicht mehr geben, könnte naiv sein.“ Insgesamt erfordere die Europapolitik, so Oppermann, eine gewisse operative Flexibilität.

Basierend auf den philosophischen Ansätzen des jüdischen Philosophen Hans Jonas skizzierte PD Dr. Jürgen Nielsen-Sikora (Universität Siegen) Ansätze, mit denen den Herausforderungen begegnet werden könne, mit denen Europa heute konfrontiert sei. Antworten seien im Makrobereich – auf Regierungsebene – und im Mikrobereich – bei der Kindererziehung und im Bildungssystem – zu finden. Für eine Überwindung der aktuellen Krise und als Mittel zur Abwehr populistischer Tendenzen empfahl Nielsen-Sikora die Rückkehr zu mehr Rationalität und Dialogbereitschaft in der öffentlichen Debatte.

Was treibt uns in Europa auseinander?

Ausführlich wurden dann die Fliehkräfte in Europa diskutiert. Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig (Universität Passau) widmete sich den ideellen Grundlagen des europäischen politischen Denkens. Zahlreiche Probleme in der europäischen Geschichte der letzten 100 Jahre seien darauf zurückzuführen, dass der Liberalismus mit den zentralen Werten Freiheit und Gleichheit einen Widerspruch in sich berge, den sich Sozialismus und Nationalismus zu Nutze gemacht hätten. Heute habe der Sozialismus an Bedeutung verloren. Die Rechtspopulisten propagierten nun Nationalismus als vermeintliche Antwort auf die in Europa existierende Angst vor Steuerungsverlust.

Prof. Dr. Manfred Görtemaker (Universität Potsdam) argumentierte, die Erfahrung zweier Weltkriege sei die Voraussetzung dafür gewesen, um nach 1945 das Projekt der europäischen Integration auf die Spur zu bringen. Nun bestehe die Herausforderung, die jüngere Generation, die diese Kriegserfahrungen nicht teile, für die europäische Zusammenarbeit neu zu motivieren. Als aktuelles Problem identifizierte Görtemaker einen „Imperial Overstretch“ der Europäischen Union, denn bei der EU-Osterweiterung nach 1990 seien wirtschaftliche und politische Stabilitätskriterien nicht hinreichend angewandt worden. Die Euro-, Wirtschafts- und Migrationskrise überforderten außerdem zunehmend die Mitgliedsstaaten, was zu Furcht vor Kontrollverlust und zu einer Veränderung der Parteienlandschaften geführt habe.

Alan Posener (DIE WELT/Berlin) machte Deutschland und Russland als „Problemkinder“ Europas aus. Helmut Kohl sei der letzte Kanzler gewesen, der nach der Devise „Europa zuerst“ gehandelt habe. Heute sei Deutschland mehr als alle anderen gefordert, den Nationalismus zu überwinden.

Auch Prof. Dr. Michael Stürmer (ebenfalls DIE WELT/Berlin) zeichnete ein pessimistisches Zukunftsbild. Gefahren sah er von den „langen Wellen“ der Geschichte ausgehen, hierzu zählten Völkerwanderungen, Ungleichgewichte der Generationen in industriellen Demokratien und der Klimawandel. Ebenso besorgniserregend seien die „kurzen Wellen“, die durch den Verfall der westlichen Demokratie und die Verführung durch Autokratien ausgingen, durch Großmachtkriege vom Baltikum bis zum Südchinesischen Meer, Hybridkriege unterhalb der nuklearen Schwelle, den fehlenden Wille der USA, Führung zu übernehmen, und die Tatsache, dass heute die technischen Möglichkeiten größer seien als die moralischen Fähigkeiten. „Alle Entwicklungen sind besorgniserregend wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit“, lautete Stürmers Resümee.

Balance zwischen nationaler Identität und europäischer Tradition

Als Lösung für die Krise des Liberalismus in Europa schlug Görtemaker mehr Subsidiarität und die Rückkehr zu den Prinzipien einer wählerbasierten Demokratie vor. Die Geschichte der europäischen Integration nach 1945 sei eine Geschichte sich abwechselnder Krisen gewesen. Gegenwärtig bestehe die Aufgabe darin, die nationale Identität zu pflegen, ohne die europäische Tradition aufzugeben.

Diese Ansicht vertrat auch Zehnpfennig, die darüber hinaus eine Nachrüstung des Liberalismus anmahnte. Bei der Frage danach, was Freiheit bedeute und wo sie eingeschränkt werden müsse, dürfe die Interpretationshoheit nicht den Gegnern des Liberalismus überlassen werden. Stattdessen gehe es darum, „aus dem reichen Schatz der christlich-jüdischen Tradition Europas zu schöpfen“.

Über diese Reihe

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