Veranstaltungsberichte

70 JAHRE ISRAEL. DER BEITRAG DER HOLOCAUSTÜBERLEBENDEN BEIM AUFBAU DES JÜDISCHEN STAATES

Vortrag und Gespräch zum DenkTag 2018

Am 23. Januar lud das Politische Bildungsforum Thüringen der Konrad-Adenauer-Stiftung anlässlich des 70-jährigen Bestehens Israels und des DenkTages zur Veranstaltung mit dem Titel „70 Jahre Israel – Der Beitrag der Holocaustüberlebenden beim Aufbau des jüdischen Staates“. Geladen waren Prof. Dr. Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Yair Even, Gesandter und Berater für Innenpolitik der Botschaft Israel in Berlin und Marion Walsmann, Schirmherrin des Denktags und Mitglieder der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag.

In ihren Begrüßungen verwiesen Prof. Dr. Reinhard Schramm und Daniel Braun auf die Bedeutung der aktuellen Gedenktage als Mahnung daran, dass Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen inakzeptabel sei und man gegen Rassismus und Antisemitismus ein Zeichen setzen müsse. Auch verwiesen beide Redner darauf, dass die Erinnerungskultur, die von manchen Politikern stark kritisiert wird, gerade wegen des Mahncharakters aber auch wegen der Tatsache, dass Zeitzeugen des Holocausts bald nicht mehr gehört werden können, aufrechterhalten werden muss.

Vortrag Yair Even

In seinem Vortrag verwies Even zunächst ebenfalls auf die zahlreichen Gedenktage der kommenden Zeit, mahnte aber auch an, dass in Israel jeder Tag ein Gedenktag an den Holocaust sei. Ihn beschäftigen dabei vor allem vier Fragen, die er im Rahmen seines Vortrags abhandelte ehe er demonstrierte wie Holocaustüberlebende zum Staatsaufbau in Israel beitrugen.

Die erste Frage behandelte den Aspekt der Täterschaft beim Holocaust. Diese Frage sei leicht zu beantworten. Es handle sich um Nazi-Deutschland.

Die schwierigere Frage war jedoch weshalb der Holocaust nicht verhindert wurde. Diese Frage ist besonders im täglichen Denken der Juden in Israel verankert, denn die Befreiung der Konzentrationslager, wie beispielsweise Ausschwitz, waren keine spezielle Operation zur Befreiung von Juden aus dem Holocaust, sondern eher ein zufälliges Ereignis im Kriegsgeschehen gewesen. Even führte hier an, dass es fast so scheint als wären die Konzentrationslager als Ziel des Kriegsgeschehens vermieden worden, während ansonsten alle Kriegsparteien zum gegenseitigen Ziel wurden.

Als weitere Fragen warf Even auf, wie mit Holocaustleugnern beziehungsweise Personen, die den Holocaust vergessen wollen, umgegangen werden soll. Hier findet er klare Worte. Er betonte, dass das Holocaustgedenken nicht aufgegeben werden dürfe. In diesem Kontext dürfe auch das Mahnmal in Berlin nicht als Schande verstanden werden. In diesem Zusammenhang unterstrich er die besonderen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel.

Schließlich kam Even auf die Staatsaufbau Israels zu sprechen. Er nutze dafür die Metapher von zwei Zügen, die signifikant am Aufbau des Staates beteiligt waren. Einerseits ist hier die zionistische Bewegung zu nennen, die den ersten Zug ausmachte. Dieser sei jedoch zu langsam gewesen, sodass Israel nicht rechtzeitig gegründet wurde, um den Holocaust zu verhindern bzw. es nicht als Zufluchtsort für die jüdische Bevölkerung dienen konnte. Der zweite Zug besteht aus den vielen Zügen, die von den Konzentrationslagern nach Israel führten, d.h. die Züge der Holocaustüberlebenden.

Die Bedeutung der Holocaustüberlebenden zeige sich besonders in der Einwanderung in Israel. Diese spiegle sich in zwei großen Einwanderungswellen wieder. Direkt nach dem Krieg zwischen 1945 und 1947 wanderten 70.000 Menschen nach Israel ein. Es handelte sich dabei hauptsächlich um diejenigen, die es vor dem Holocaust nicht mehr schaffen konnten. Diese Einwanderungswelle bestand mehrheitlich aus jungen Männern, die sich gut integrierten. Die zweite Einwanderungswelle zwischen 1948 und 1951 bestand aus 280.000 Menschen, welche mit ihrem militärischen Einsatz (etwa 50 % der israelischen Truppen) einen großen Beitrag zum israelischen Unabhängigkeitskrieg leisteten. Zwischen 1952 und 1959 wanderten viele Juden aus arabischen Ländern ein, die ohne Wissen bzw. persönliches Erleben des europäischen Holocaust waren. Diese unterschiedlichen kollektiven Gedächtnisse wurde die Grundlage für die Entwicklung der israelischen Kultur und Identität. Ab den 1960er Jahren, maßgeblich beeinflusst durch den Eichmann-Prozess kam es zu einem Wandel vom kollektiven zum individuellen Schicksal, denn hier erzählen im Prozess Individuen von ihrem Leiden und trugen stark zur heutigen kollektiven Erinnerung Israels bei. Yair Even zeigte im Anschluss eine Auswahl wichtiger israelischer Persönlichkeiten aus allen Gesellschaftsbereichen, die als Überlebende, großen Anteil und Einfluß bei der Entwicklung des Staates Israel hatten.

So etwa Aharon Barak, der das Verständnis von Recht und Gerechtigkeit in Israel, vor allem in seiner Position als Vorsitzender des obersten Gerichtshofes Israels, formte. Aber auch an den Friedensverhandlungen beteiligt war. Avraham Hershko wurde als Biochemiker nicht nur mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, sondern wurde auch Mentor vieler Nachwuchswissenschaftler. Anita Shapira ist Historikerin und beschreibt die Geschichte der zionistischen Bewegung und somit die Geschichte Israels. Ganz besonders hebt er jedoch Ephraim Kishon, Satiriker, hervor, der mit seinem Humor, vielen Menschen Lachen brachten, obwohl er selbst eigentlich keinen Anlass dazu hatte.

Seinen Vortrag beschloss Even mit treffenden Worten zu den Holocaustüberlebenden „Von Überlebenden zu Rettern, von Obdachlosen zu Hausbesitzern, von denen, die die Welt verloren haben zu Erbauern einer neuen Welt.“

Diskussion

In der anschließenden Diskussion verwies Marion Walsmann (MdL) darauf, dass um und in Israel kein Frieden herrsche und auch hierzulande durch den neuen Antisemitismus Juden Gefahr drohe. Entsprechend stellt sie an Even gerichtet die Frage ob denn eine friedliche Lösung in Sicht komme. Even unterstrich, dass er dies grundsätzlich für möglich halte, dies jedoch mit der Klärung einiger Fragen einhergehen müsse. So etwa die Frage, welche Art von Staat Israel angeboten wird. Dabei betonte er aber, dass der Vorstoß durch US-Präsident Trump und dessen Vize-Präsident Pence zur Hauptstadt- und Friedensprozessfrage, endlich wieder einen Impuls gegeben habe und davon auszugehen ist, dass dies kein Alleingang der Trump-Administration sei, sondern es vorher Konsultationen mit anderen arabischen Staaten gegeben hätte. In diesem Zusammenhang verwies er auf die Position Israels und der überwiegenden Mehrheit aller Juden, dass Jerusalem Hauptstadt des Staates der Juden sei und dies bereits seit 3.000 Jahren. In einem Exkurs erläuterte er die Genese der Begriffe Palästina, Judäa und wie ihre Etablierung des Begriffs Palästina durch die Römer mit Beginn der jüdischen Diaspora, die Erinnerung an die jüdische Kultur und Heimstatt vergessen machen sollte. Zum Nahostkonflikt und dem Verhältnis zur arabischen Bevölkerung in Israel befragt äußerte Even, dass wenn man Araber fragen würde vom Maghreb bis Indien, wo sie leben wollten, dass die meisten sagen würden, in Israel, da Israel als Demokratie auch Arabern Freiheit zusichert. Extremste Ausprägung dessen sei, dass sogar ein Vertreter der Muslimbruderschaft als arabischer Abgeordneter in der Knesset sitzt, der offen das Existenzrecht Israels in Frage stellt.

Auch die Position Israels zum Iran und dem Nuklearabkommen wurde aufgeworfen. Hier betonte Even, dass Israel den Iran als Bedrohung empfindet und das Abkommen kein historisches Ergebnis darstellt, da der Iran an einer Atombombe arbeite. Israel habe hier auf ein „final status“-Abkommen gehofft. Bei allen Verhandlungen ist für Israel entscheidend, dass das Existenzrecht Israels voll umfänglich anerkannt wird, was leider weder durch die Palästinenser gegeben sei, noch bei einer Vielzahl der Nachbarn.

Der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Prof. Reinhard Schramm betonte, befragt nach seiner Identität und Verhältnis zu Israel, dass für alle Juden weltweit die Existenz des Staates wie eine Rückversicherung und mögliche Neue Heimat sein könne, wenn der Antisemitismus, egal ob rechts- oder linksextremistisch oder islamistisch motiviert, wieder Juden in ihrer Existenz außerhalb Israels bedroht sind. Daher fühlen sich Juden, egal ob sie deutscher, französischer oder ungarischer Nationalität sind, dem Staat Israel verbunden.

Nach mehr als 3 Stunden endete die Veranstaltung mit einem großen Dank an die Dolmetscherin Dr. Viola Klein, die Yair Evens Vortrag und Redebeiträge vom Englischen ins Deutsche übertrug.

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.