Veranstaltungsberichte

Ängste verlieren: Fremde zu Bekannten machen

von Julia Rieger
Hotline für besorgte Bürger – Antworten vom Asylbewerber ihres Vertrauens – Lesung mit Ali Can beim Campfire Festival
Besorgte Bürger gibt es inzwischen auf allen Seiten: die, die sich um Integration sorgen und die, die sich um einen Rechtsruck sorgen. Wie können die Menschen ins Gespräch kommen? Und wie können wir mit diesem breiten Meinungsspektrum umgehen?

Darüber hat Ali Can im Rahmen des Campfire-Festivals auf einer Open Air Lesung gesprochen. Eröffnet wird die Lesung von Moderatorin Michaela Rensing, die den „Asylbewerber des Vertrauens“ als eine Geheimwaffe bei einer neuen Veranstaltungsreihe der Konrad-Adenauer-Stiftung vorstellt. Dabei sollen die Menschen auf der Straße ihren eigenen Integrationsmix zusammenstellen und über das Thema ins Gespräch kommen – und Ali schaffe es, mit Respekt und Wertschätzung zuzuhören.

„Nur du entscheidest, was dich definiert“

Bevor Ali Can aus seinem Buch „Hotline für besorgte Bürger“ liest, eröffnen drei Poeten den Abend. Ihre Texte drehen sich um Europa und Integration – mal wird die Person Europa angesprochen, ihr Potenzial zu entfalten, mal geht es um eine Motto-Party, bei der alle als Länder verkleidet kommen und am Ende ihre Kleider tauschen und sich durchmischen. Doch es wird auch aktuell: Die Ereignisse in Chemnitz prägen den Text von Max Gebhard, der seinen Beitrag nutzt, um seine Meinung klar zu machen: „Das Gegenteil von Rechtextremismus ist nicht links, sondern nicht rechtsextremistisch.“

Was wir wegen Schubladen nicht sehen

Ali Can beginnt seine Lesung nicht mit besorgten Bürgen, die sich vor Migration fürchten, sondern mit zwei Geschichten von Lehrerinnen, die Intensivklassen mit Geflüchteten betreuen. Eine der Lehrerinnen hat ihm von einem Schüler erzählt, der ihr durch seine Größe und sein Aussehen auffiel: „Wäre ich ihm nachts auf der Straße begegnet, ich hätte die Straßenseite gewechselt. Ich konnte mich nicht gegen diesen ersten Gedanken wehren.“ Als sie ihn kennenlernt, ändert sich ihr Bild: Obwohl sich das Aussehen nicht geändert habe, sehe sie ihn nun anders: „Wie viele sehen wir nicht, weil unser Kopfkino unbewusst in Gang gesetzt wird?“

„Was steckt hinter der Parole?“

Auch Ali Can hat als Jugendlicher Ausgrenzungserfahrungen gemacht, die er in einem Gedicht verarbeitet hat. Er beschreibt die Klischees, an die er sich anpassen soll und die Vorurteile, die er nicht erfüllt. Als er das Gedicht schrieb, sei er voller Zorn gewesen. Ausgrenzungen und besorgten Bürgern begegnet er mit wertschätzender Kommunikation. „Es ist nicht immer leicht, mit einem politisch andersdenkenden Menschen zu reden, aber ich höre zu und stelle offene Rückfragen. Ich will die Menschen nicht in eine Ecke stellen.“ Es gehe nicht darum, wer die Rechten seien, sondern um eine Kommunikation von Mensch zu Mensch.

Zusammenkommen bei Waffel und Falafel

Am Ende stellt Ali Can einen Lösungsansatz vor: Um die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, sind offene Kommunikationsräume wichtig. Schulen sollten zum Beispiel nachmittags öffnen, genau wie Gemeindehäuser, denn oft verschwindet die Angst, wenn aus Fremden Bekannte werden. Auch Nachbarschaftsfeste helfen dabei: „Die Kinder spielen dann eh schon längst miteinander und bieten den Eltern dadurch einen Gesprächseinstieg. Die Sprache der Menschlichkeit braucht mehr Menschlichkeit als Sprache.“ Doch er sieht auch die Probleme. Die Ereignisse von Chemnitz seien eine Zäsur für people of colour: „Besorgte Bürger sind jetzt auch die, die Angst vor Hass haben.“

„Jeder muss seinen Beitrag leisten, jetzt ist die Zeit, etwas zu tun.“

Wenn etwas wie in Chemnitz geschehe, hätten viele Menschen zuerst das Gefühl, sie müssten beschützt werden. Der #metwo, unter dem Betroffene von Rassismuserfahrungen berichten, und eine neue Bewegung zeigen: „Wir sind selbst eine Autorität, wir haben eine Stimme.“ Empowerment sei aber von allen Teilen der Gesellschaft gefragt. "Es ist unsere Verantwortung, Widerstand gegen Rechtsextremismus zu leisten."

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