Veranstaltungsberichte

Der 9. November 1938. Beginn des Holocaust

Rede von Prof. em. Dr. iur. Ingo Müller am 09. November 2018 im Landtag von Sachsen-Anhalt anlässlich der Ausstellungseröffnung "Justiz im Nationalsozialismus: Über Verbrechen im Namen des Deutschen Volkes"

Prof. Dr. Ingo Müller


Der 9. November 1938. Beginn des Holocaust


Sehr geehrte Frau Präsidentin Brakebusch,

sehr geehrte Frau Ministerin Keding,

verehrte Damen und Herren,


ich danke für die Einladung nach Magdeburg und für die Ehre, an diesem geschichtsträchtigen Datum hier sprechen zu dürfen, zumal sich dieses Jahr die runden Gedenktage häufen. Da ist zunächst das 10-jährige Bestehen der Ausstellung Justiz im Nationalsozialismus, die ab heute wieder in Magdeburg zu sehen ist. Hier wurde sie, allerdings im Landgericht, 2008 auch zum ersten Mal gezeigt. Es gibt einige Ausstellungen zu diesem Thema, aber diese hier ist die lebendigste und dynamischste. Sie wandert und wird für jeden Ort, wo sie gezeigt wird, um einige Tafeln mit lokalen Bezügen ergänzt. Sowohl in der Anlage wie auch in der Rezeption wendet sie sich nicht nur an Juristen, sondern an eine breite Öffentlichkeit, stößt dort auch auf großes Interesse und löst erstaunliche Aktivitäten aus. In Stendal entstand zu ihr ein Theaterstück[1] und hier die verblüffende szenische Lesung[2], auch ein Stück Theater. Die Ausstellung wurde bereits an 30 verschiedenen Stationen gezeigt, allein an 20 Gerichten in Sachsen-Anhalt, einmal auch an der „Botschaft“ Sachsen-Anhalts in Brüssel, und dabei ist sie zu der gewaltigen Größe von 141 Tafeln angewachsen, 89 zu bestimmten Themen und 52 mit Biographien, meist von Opfern der NS-Verbrechen. Von den Tafel werden, da man sonst wohl von der Informationsfülle erschlagen würde, immer nur etwa 40 gezeigt. Ich wünsche der Ausstellung auch hier einen regen Besucherstrom und darüber hinaus, dass sie noch lange weiter wandert, denn wenn sie zur Ruhe käme verlöre sie die ihr eigene Dynamik.


Der 9. November hätte eigentlich das Zeug zum Nationalfeiertag der Deutschen, mehr als jedes andere Datum. Heute vor hundert Jahren endete die Monarchie, die während des Ersten Weltkriegs zur Militärdiktatur mutiert war. An diesem Tag begann mit der Ausrufung der Republik die Geschichte der Demokratie in Deutschland, gleich zweimal: im Westen Berlins rief Philipp Scheidemann gegen 14 Uhr von einem Balkon des Reichstags die Republik aus. Er erklärte den 9. November zum „Ehrentag für immer in der deutschen Geschichte. Es lebe die deutsche Republik“. In der Mitte Berlins erklärte Karl Liebknecht zwei Stunden später im Lustgarten vor dem Portal IV des Stadtschlosses Deutschland zur „freien sozialistischen Republik. Hoch die Freiheit und das Glück und der Frieden!“


Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt war, berief sich jeder der beiden Staaten auf die auf seinem Territorium stattgefundene Proklamation, jeweils unter Diffamierung der anderen Ausrufung als „Verrat“ beziehungsweise „Forderung nach sowjetischer Diktatur“. Obwohl die Kontroverse spätestens durch ein wiederum am 9. November einundsiebzig Jahre später, 1989, stattgefundenes ebenfalls sehr freudiges Ereignis eigentlich hätte erledigt sein müssen, streiten die Historiker nach wie vor über die zwei Ereignisse vom 9. November 1918. Festzuhalten bleibt jedoch für beide, dass sie den Grund legten für eine parlamentarische Demokratie, für den modernen Rechtsstaat und Sozialstaat mit Frauenwahlrecht, Betriebsverfassung und Mitbestimmung in der Wirtschaft. Damals entstand das moderne, aufgeklärte Deutschland mit Bauhaus und Frauenrechten.


Dass der 9. November trotzdem keine freudigen Gefühle auslöst, sondern eher bedrückende Erinnerungen, liegt an Hitlers Fixierung auf dieses Datum als Tag des „Novemberverrats“. Exakt fünf Jahre danach versuchte er von München aus den Umsturz und nachdem dieser Staatsstreich kläglich gescheitert war, traf er sich alljährlich zum 9. November mit seinen treuesten Anhängern im Münchener Bürgerbräukeller, dem Ort, wo er 1923 die aus „Novemberverbrechern“ bestehende Reichsregierung für abgesetzt erklärt hatte, um der heroischen Erhebung am 9. November 1923 zu gedenken. 1938 wäre ihm das fast zum Verhängnis geworden. Der schwäbische Tischlergeselle Georg Elser hatte nämlich ein Attentat vorbereitet: in wochenlanger Nachtarbeit hatte er einen Sprengsatz mit Zeitschaltuhr in einer Säule nahe Hitlers Stammplatz im Bierkeller montiert. Nur die Tatsache, dass Hitler früher als sonst –offenbar wegen der geplanten Pogrome – das Treffen verließ, rettete ihm damals das Leben.


Nicht zufällig wurde gerade am 9. November 1938 eine Zäsur in der Verfolgung der Juden eingeleitet. Die fünf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft bis dahin, waren eine lange Reihe von Diskriminierungen, Demütigungen, Entwürdigungen und Entrechtungen der Deutschen jüdischen Glaubens. Der Historiker Joseph Walk hat in seinem Standardwerk "Das Sonderrecht für Juden im NS-Staat“ akribisch alle Gesetze, Verordnungen, Erlasse und Rundverfügungen aus den Gesetz- und Verordnungsblättern der Länder und des Reichs aufgelistet. Er ist dabei auf 1.992 Gesetze und gesetzesähnliche Rechtsgrundlagen gestoßen. Sie reichten vom Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 bis zu den drei Nürnberger Gesetzen mit den zahlreichen Verordnungen, die zu ihnen ergingen. Aber am 9. November 1938 bekam die Judenverfolgung eine neue Qualität.


Unter der Überschrift „Der Holocaust begann im November 1938“ beschreibt der langjährige Direktor des Zentrums für Antisemitismus-Forschung, Wolfgang Benz, den Novemberpogrom als ein Ritual öffentlicher Demütigung, als inszenierte Entwürdigung einer Minderheit.


Die Ereignisse, welche die Nazis „Reichskristallnacht“ nannten, werden heute von Politikern und Medien gern etwas unreflektiert „Reichspogromnacht“ genannt, womit, wie Benz treffend schreibt, das Geschehen verniedlicht und die Opfer verhöhnt werden. Denn das pompöse Präfix „Reichs“ wurde im Dritten Reich inflationär zur Bedeutungserhöhung von Personen (Reichsjuristenführer, Reichsbischof, Reichsfortmeister), Orten (Reichsehrenmal, Reichsautobahn, Reichsmütterschule) oder Veranstaltungen ( Reichskleidersammlung, Reichsjugendspiele) benutzt und vom Volksmund gern karikiert, wie bei der Schauspielerin Christina Söderbaum als „Reichswasserleiche“. Die Bezeichnung „Kristallnacht“, die angeblich vom Berliner Volksmund geprägt wurde, ist dagegen international, vor allem im englischen Sprachraum gebräuchlich und eine große Gemeinschaftsausstellung zweier Berliner Gedenkstätten in der Topographie des Terrors heißt auch „Kristallnacht – Antijüdischer Terror 1938“.


Die Süddeutsche Zeitung riet, auch nicht von Pogrom zu reden, da dieser Begriff spontane Gewaltausbrüche gegen Teile der Bevölkerung kennzeichne, wohingegen es sich 1938 um eine zentral gesteuerte Aktion der NSDAP gehandelt habe. Das ist zwar richtig, beschreibt aber nur die halbe Wahrheit und kennzeichnet nur eine bestimmte Phase der Erinnerungsgeschichte, die im Hinblick auf die Kristallnacht einen regelrechten Slalom gegangen ist.


In der unmittelbaren Nachkriegszeit galt es erst einmal, die Propagandalüge der Nazis von der spontanen Aktion der Bevölkerung aus Empörung über den „feigen Mord des Weltjudentums an dem deutschen Diplomaten vom Rath“ zu widerlegen. Mit zahlreichen Aktenfunden konnte belegt werden, dass die Parteizentrale das Attentat des jungen jüdischen Polen Herschel Grynspan zu Pass kam und wie sie es, passenderweise am 9. November, zum Anlass für minutiös geplante und straff organisierte Aktionen überall im mittlerweile „Großdeutschen Reich“ gegen die Juden nahm.


Grynspan war 1921 als Sohn polnischer Juden in Hannover geboren. Schon 1935 hatte er die ausweglose Situation der Juden in Deutschland erkannt und war nach Frankreich emigriert. Im Herbst 1938 erfuhr er, dass seine Eltern Opfer der „Polenaktion“ geworden waren. Damals verhaftete man in Deutschland rund 17.000 polnische Staatsbürger jüdischen Glaubens, um sie über die Grenze nach Polen abzuschieben. Die Gestapo ging dabei äußerst brutal vor und die Aktion, die vor aller Augen geschah, fand den Beifall der zahlreichen Zuschauer. Der inzwischen 17-jährige Grynspan besorgte sich einen Revolver und ging am 7. November zur deutschen Botschaft, um die Behandlung seiner Eltern zu rächen. Dort traf er eher zufällig auf den Legationssekretär – posthum zum Legationsrat beförderten - Ernst vom Rath und erschoss ihn.


Bald konnte freilich bewiesen werden, dass die Pogrome von der Partei unter Führung des Reichspropagandaministers und Gauleiters von Berlin, Joseph Goebbels, gesteuert waren. Er hatte am frühen Abend des 9. November den Tod von Raths bekannt gegeben und in einer Hetzrede „spontane Vergeltungsmaßnahmen des Volkes“ gegen die Juden zunächst nur „in Kurhessen und Magdeburg-Anhalt“ angekündigt. Als klar war, dass die angebliche Volksempörung zentral gesteuert war, setzte sich die Erinnerungs-Version durch, die der nationalkonservative Historiker Hans-Joachim Schoeps (Jahrgang 1909) in seinen Memoiren so beschreibt: „überall sah ich nur schweigende Menschen stehen, die in die Flammen starrten. Manche hatten Tränen in den Augen, manche die Fäuste in der Tasche geballt. Das war das wirkliche Volk von Berlin“. Mit solchen beschönigenden Erinnerungen ging jahrzehntelang die Verharmlosung des Geschehens einher. Sie war die Konsequenz eines Geschichtsbilds, das unterstellte, Hitler und seine Umgebung hätten Macht über das völlig unschuldige Volk gewonnen und es ins Verderben gerissen und zur Erinnerung an die Kristallnacht gehörte die Illusion, die Mehrheit der Deutschen habe die Gewalt gegen die Juden missbilligt.


Als vor 30 Jahren der eher konservative Bundestagspräsident Philipp Jenninger in seiner Gedenkrede zum 50. Jubiläum der, wie sie damals noch genannt wurde, Reichskristallnacht, erstmals versuchte, mit dieser Lebenslüge aufzuräumen und darstellte, wie begeistert die Volksgenossen 1938 von Hitler waren, unterstellten ihm vorrangig die Grünen in der ahnungslosen Selbstgewissheit spätgeborener Moralisten, Jenninger sei vom „politischen Triumphzug Hitlers“ begeistert gewesen und mache sich die judenfeindlichen Urteile, die er zitiert hatte, zu eigen. Dass Jenninger aussprach, dass „eine große Mehrheit der Deutschen sich mit (Hitler) und seiner Politik identifizierte“ widersprach dem Weltbild seiner Kritiker. „Sie Altnazi! Wie kommen Sie dazu, darüber zu reden. Hören Sie auf!“ musste er sich anhören. Für eine, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb, „ gescheite, politisch korrekte Rede über Fragen, wie es in Deutschland zur Hitlerei und zur Judenverfolgung kommen konnte“. Ignaz Bubis sah in Jenningers Rede eine „durchaus zutreffende Beschreibung des Mitläufertums“. Über ihren Charakter kann sich jeder informieren, sie steht im Internet.


Jenninger fühlte sich zu Recht missverstanden und trat tiefverletzt von seinem Amt zurück. Dabei war das einzige, was man ihm vorwerfen konnte, entgegen dem damaligen Zeitgeist, Dinge ausgesprochen zu haben, die heute zum historischen Allgemeingut zählen. Die Verdrängung der Tatsache, dass der Pogrom des 9. November von großen Teilen der Bevölkerung unterstützt wurde, war lange auch mit einer Manipulation der Fakten verbunden. Stets war die Rede von 270 zerstörten Synagogen und 91 Todesopfern. Dagegen gehen neuere Forschungen inzwischen von 1.400 Gotteshäusern und mindestens 1.500 Menschenleben aus, die damals zerstört wurden.


Auch die damaligen Reaktionen der Bevölkerung lesen sich heute ganz anders. Ernst Guenter Fontheim Jahrgang 1922, damals Schüler am religiösen Adass-Jisroel-Gymnasium, erinnert sich an eingeworfene Scheiben, einen jüdische Geschäfte plündernden Mob und vor der brennenden Synagoge in der Berliner Fasanenstraße eine pöbelnde Menschenmenge aus der heraus Hetzrufe ertönten, wie „raus mit den Juden“.


Plündernde Horden zogen durch die Städte, darunter zahlreiche Jugendliche, die von ihren HJ-Führern und wohl auch von ihren Lehrern aufgefordert worden waren, sich an den Ausschreitungen zu beteiligen. Der Historiker Raphael Gross, Direktor des Deutschen Historischen Museums, beschreibt in seinem Buch „November 1938. Die Katastrophe vor der Katastrophe“ wie zahlreiche Frauen „systematisch raubend durch die Straßen zogen“. Die größte jiddische Tageszeitung der USA, „Der Forwarts“, schrieb in einer Reportage am 12. November 1938 von einem „wirklichen Freudentag für die deutschen Kinder“: „Sie sind mitgelaufen mit den Großen und haben mitgeholfen beim Zerstören und beim Plündern. Die Kinder haben es sich wohlgehen lassen bei den jüdischen Süßigkeitsgeschäften. Sie sind in die Geschäfte hineingelaufen und haben paketweise Schokolade und andere Süßigkeiten mitgenommen … wo man ging und stand, sah man Kinder, deren Gesichter vollgeschmiert waren mit Schokolade“. Sie haben sich auch Spielzeuggeschäfte vorgenommen. „In der Berliner Friedrichstraße schlugen die Kinder ein Schaufenster ein und holten … das Spielzeug von den Podesten“. Aber nicht nur jüdische Geschäfte wurden zerstört und geplündert, sondern auch tausende von Juden bewohnte Wohnungen und es waren nicht nur marodierende Horden von SA-Männern, die sie vandalisierten. Das Arzt-Ehepaar Singer aus dem oberschlesischen Städtchen Neisse hatte schon die Praxis verkauft und bereitete seine Auswanderung vor. Charlotte Singer beschrieb später in ihren Erinnerungen, wie sie am 10. November erwachte, „weil Scheiben klirrten und Menschen johlten“. Die Tür zu ihrem Zimmer wurde aufgerissen und sie starrte fassungslos auf die Besucher. Immer hatte sie gedacht, für solche Ausschreitungen „geben Neisser … sich nicht her! Aber der Mann, der da in der Tür stand, war nicht nur ein Neisser, sondern ein Patient, Sohn eine braven Handwerkers, der manchen Auftrag von uns gesehen hatte. Mit ein paar wohlgezielten Schlägen seiner Axt waren in wenigen Sekunden die Möbel zerschlagen, der Schreibtisch umgekippt, die Tinte lief über den Teppich, „anzünden müsste man die Bude“, rief er jemandem im Treppenhaus zu.“


Immerhin kamen die Singers mit dem Leben davon, über 1.000 ihrer Glaubensbrüder jedoch nicht. Im ganzen Reich wurden mehr als 30.000 Juden inhaftiert, rund ein Fünftel der damals noch in Deutschland lebenden. Allein aus Berlin wurden 12.000 ins Konzentrationslager Oranienburg/Sachsenhausen und aus Magdeburg 113 jüdische Männer nach Buchenwald verschleppt. Die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen waren wenige Wochen zuvor erheblich ausgebaut worden, offenbar, um zehntausende Juden zu internieren, was auch dafür spricht, dass das Pariser Attentat nur ein Vorwand für die von langer Hand vorbereitete Aktion war. Viele überlebten die Lagerhaft nicht und etliche starben dort an den Misshandlungen.

Wieso hat sich nicht die Bevölkerung vor ihre jüdischen Mitbürger gestellt und warum war die Empathie für die Juden so gering? Der Potsdamer Historiker Julius H. Schoeps, Gründer des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien, im Exil geborener Sohn des eingangs zitierten Hans-Joachim Schoeps, meint, darüber seien die Historiker noch immer uneins. Möglich, dass mancher empört war, über das, was sich vor aller Augen abspielte, aber um diese Zeit wagte fast niemand mehr, sich gegen das Regime und gegen seine Mitbürger zu stellen. Zumal die Kirchen sich zu den Vorgängen nicht äußerten, und einige Kirchenmänner sie sogar begrüßten. Der Thüringer Landesbischof Martin Sasse verschickte nach den Pogromen einige Passagen aus Martin Luthers Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ an seine Amtsbrüder mit dem Kommentar „Martin Luther und die Juden: Weg mit Ihnen“ und er nannte es die Erfüllung lang gehegter Wünsche: „Am 10. November 1938, zu Luthers Geburtstag brennen die Synagogen“.


Allein in Berlin fielen in der Pogromnacht nicht nur die 14 Berliner Gemeindesynagogen Brandstiftern zum Opfer, 11 wurden vollständig niedergebrannt, sondern auch viele Privat- und Vereinssynagogen. In Sachsen- Anhalt wurden 16 jüdische Gotteshäuser vollständig zerstört. Dass die Silhouette Berlins heute noch von der goldenen Kuppel der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße überstrahlt wird, verdanken wir dem Vorsteher des 16. Berliner Polizeireviers, Wilhelm Krützfeld. Er hat in der Kristallnacht mit gezogener Pistole brandschatzende SA-Männer von der Neuen Synagoge vertrieben und die Feuerwache angewiesen, den gelegten Brand zu löschen. Später warnten er und sein Untergebener Otto Bellgardt jüdische Bürger, die auf den in seinem Revier eingegangenen Verhaftungslisten standen.


Der Holocaust, der Massenmord am jüdischen Volk, war schließlich die letzte Etappe eines langen Weges nach Auschwitz, Majdanek und Treblinka. Er begann schon 1933, bekam aber 1938 mit den zahlreichen Verwüstungen und Morden eine neue Qualität. Daher kann man, wie Wolfgang Benz, Julius Schoeps und Andreas Nachama, Leiter der Topographie des Terrors, es tun, den Novemberpogrom 1938 als Beginn des Holocaust ansehen. Und perfiderweise machte sich das NS-Regime dabei große Teile, wenn nicht die Mehrheit des deutschen Volkes zu Komplizen. Dass zu diesem Datum etwas Neues, Unheimliches geschehen war, wurde allgemein, bei Tätern wie bei Opfern registriert. Bis dahin nannte man es „Auswanderung“, wenn Juden Deutschland verließen, von da an „Flucht“. Zehntausende jüdischer Kinder wurden in einer Ahnung von dem, was noch kommen würde, aus Deutschland, dem 1938 „angeschlossenen“ Österreich, 1939 auch aus der von Deutschland besetzen Tschechoslowakei sowie aus Polen und dem Freistaat Danzig nach Großbritannien geschickt. Die meisten sahen ihre Eltern nie wieder.


Je mehr Volksgenossen in die Verbrechen integriert wurden und je bedingungsloser sie zu dem Regime standen, desto schwerer wurde es dem Einzelnen, sich dem System zu verweigern, sich womöglich sogar dagegen aufzulehnen.


Und doch gab es mehr Widerstand als damals oder nach dem Ende der Nazi-Herrschaft bekannt wurde. Der heimliche Widerstand wurde ähnlich tabuisiert wie die begeisterte Beteiligung an Pogrom und Beraubung der Juden. Daher soll er hier ebenso gewürdigt werden, wie die Komplizenschaft der vielen.


Auch noch nach dem Krieg galten Antifaschisten lange als Verräter an der deutschen Sache, Kinder von Widerständlern berichten, wie sie in der Schule als „Verräterkinder“ beschimpft wurden. Man tat auch nach dem Krieg gut daran, Widerstand gegen das Dritte Reich für sich zu behalten. Allzu deutlich hätte man damit die Ausreden der Mitmacher widerlegt, man sei gezwungen gewesen, mitzumachen. Schließlich war das erste Gesetzesvorhaben des 1949 gewählten Bundestages eine Amnestie für diverse Straftaten der Umbruchzeit, vor allem, wie in der Gesetzes-Debatte mehrfach erwähnt wurde, für Straftaten in der Kristallnacht.


Und als sich die Anerkennung des Widerstands langsam durchgesetzt hatte, war die Ehrung der Widerständler stark vom Systemgegensatz beider deutscher Staaten bestimmt. Westdeutsche Bibliotheken sind voller Literatur über konservative Widerstandskreise, vor allem die Offizierserhebung am 20. Juli 1944. Der Widerstand der sogenannten kleinen Leute hatte es in der Bundesrepublik schwerer, Hermann Weinkauff, erster Präsident des Bundesgerichtshof, hielt gar nur „Amtsträger“ für widerstandsberechtigt, „die Staatsbürger dürfen dem nicht vorgreifen“. Dem mutigen Tischlergesellen Georg Elser, der 1938 ganz allein das nur knapp fehlgeschlagene Attentat auf Hitler verübt hatte, wird bis heute die Anerkennung verweigert, und dem luxemburgischen Theologiestudenten Maurice Bavaud, der ein Attentat auf Hitler nur geplant hatte, sprach ein bundesdeutsches Gericht posthum sogar die bürgerlichen Ehrenrechte ab. Dagegen feierte man in der DDR fast ausschließlich den heroischen antifaschistischen Kampf der Kommunisten. Beider deutscher Staaten Gedenken diente nicht nur dem jeweiligen gesellschaftlichen Interesse, sondern entlastete auch die Mehrheit der Mitmacher. Das Scheitern aller großen Widerstandsaktionen, insbesondere aller Attentate auf Hitler, schien doch die Behauptung zu belegen, dass jeder Widerstand zwecklos gewesen sei.


Die Vereinigung beider deutscher Staaten führte nicht nur zum Verlust ihrer jeweiligen Feindbilder, sondern ließ auch beider Mythen verblassen. Das vereinigte Deutschland hat einen anderen Blick auf die Vergangenheit gewonnen als DDR und BRD, und andere Helden.


Eine neue Erinnerungs- und Gedenkkultur entwickelte sich, und der Blick wurde frei für tausendfach erfolgreichen Widerstand gegen die Nazi-Diktatur: den der Helfer und Retter. Der Berliner Senat hatte sie auf Initiative des unvergessenen Senators Joachim Lipschitz, zwar schon einmal 1958 bis 1966 als „unbesungene Helden“ geehrt, damals allerdings ohne nennenswerten Widerhall. Heute nennt man sie meist Stille Helden. Still, weil sie damals zwangläufig im Verborgenen wirkten, aber auch später still blieben. In der Nachkriegszeit blieben sie unbekannt, machten von ihrem Heldentum kein Aufhebens, sei es, weil sie zu bescheiden waren, sei es, weil sie negative Reaktionen aus der auch nach dem Krieg weiter bestehenden Volksgemeinschaft fürchteten.


Das waren oft einfache Leute, nicht selten Außenseiter der Gesellschaft, bisweilen auch scheinbare Exponenten des Systems. Die Schriftstellerin Inge Deutschkron verdankt ihr Überleben einer Bordellbetreiberin und ihren Huren. Aber auch der Leibarzt Rudolf Hess’, der 1943 vom Volksgerichtshof hingerichtete Georg Groscurth, hatte zusammen mit Robert Havemann eine Organisation zur Rettung Verfolgter mit dem sinnigen Namen Europäische Union gegründet. Da war die Ärztin Maria Gräfin Maltzahn, eine Trinkerin, der man wegen Morphinsucht die Approbation entzog, und der SS-Mann Kurt Gerstein, der dort Karriere machte, um gegen die Vernichtung des jüdischen Volkes zu kämpfen. Der Wehrmachtsmajor Karl Plagge, eingeschriebenes NSDAP-Mitglied, rettete als Leiter des Heereskraftfuhrparks in Wilna 250 Juden das Leben, indem er vorzugsweise sie beschäftigte und ihnen dabei zur Flucht verhalf. Der Wehrmachtsfeldwebel Anton Schmid, der über dreihundert Juden aus dem Getto von Wilna schleuste, ihnen damit das Leben rettete aber seines dafür verlor. Es gab die schon erwähnten Polizeibeamten Bellgardt und Krützfeld, die später ihr Herrschaftswissen nutzten, gefährdete Juden zu warnen, oder den Judenreferenten der deutschen Verwaltung in den besetzten Niederlanden, Hans-Georg Calmeyer, der mit tausendfachen Falschbeurkundungen und Urkundenfälschungen mehr als 3.700 holländische Juden gerettet hat. Und natürlich gab es den inzwischen bekanntesten, den Bonvivant, Schürzenjäger und raffgierigen Nazi, Oskar Schindler, der in Wirklichkeit Leben und Freiheit riskierte sowie sein ganzes Vermögen aufwandte, um „seine“ Juden zu retten.


Mit Ehrungen konnten sie in der Nachkriegszeit in keinem deutschen Staat rechnen, außer mit der Dankbarkeit und Unterstützung der von ihnen Geretteten. Die meisten sind im Nachkriegsdeutschland gescheitert. Schindler starb verarmt, Calmeyer wurde depressiv, weil er darunter litt, nur ein Bruchteil der bei ihm durchlaufenden Juden gerettet zu haben. Eine der seltenen Ausnahmen ist Berthold Beitz, der ähnlich Schindler viele Juden vor dem Tod bewahrte und später als Generalbevollmächtigter der Firma Krupp zum mächtigsten Wirtschaftsführer Nachkriegsdeutschlands aufstieg. Er verschwieg seine Heldentaten, sie wurden erst bekannt, als er 1973 in Israel als Gerechter unter den Völkern geehrt wurde und wahrscheinlich tat er gut daran, womöglich hätte ihn das sonst seine Karriere gekostet.


Auch die zeitgeschichtliche Forschung interessierte sich wenig für die Retter, und meist wurde deren stilles Heldentum nur durch Zufall bekannt, oft erst nachdem sie die Gedenkstätte Jad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt hatte. Dort fragte man nicht nach Reputation und Heroismus, sondern nach Mitmenschlichkeit und Humanität. Inzwischen gelten dort 450 Deutsche als Gerechte, 450 von insgesamt rund 10.000.


Neben diesen bekannten gab es noch Tausende unbekannt gebliebene Helfer und Retter. Der Schriftsteller Peter Schneider hat in seinem Buch „Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen“ die Rettung des Musikers und Dirigenten Konrad Latte beschrieben und dabei entdeckt, dass dieser nur einer von über 2.000 untergetauchter Juden in Berlin war, neuere Erhebungen gehen sogar von 4.000 aus, und dass es eine ganze Armee der Anständigen gegeben haben muss, die aus der Volksgemeinschaft ausscherte und unter Lebensgefahr Juden vor ihren Schergen rettete, denn die Versorgung mit rationierten Lebensmitteln, die Unterbringung in wechselnden Verstecken, die Tarnung und Versorgung mit falschen Papieren erforderte oft fünf bis zehn Helfer und Eingeweihte pro Untergetauchtem. Der bereits mehrfach erwähnte Wolfgang Benz hat 1997 am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, eine Datenbank zu ihrer Erfassung eingerichtet.


Die meisten dieser Helden werden aber wohl unentdeckt bleiben, nachdem die Geretteten, die Zeugnis ablegen könnten, gestorben sind, die Helfer und Retter sowieso. Doch sie verdienen vor allen anderen unser Gedenken, denn ihre Taten könnten, eher als Stauffenbergs Bombe, ein moralisches Gegengewicht bilden zur Mehrheit der Deutschen, die sich am 9. November 1938 zu Komplizen des Unrechtssystems machten.


Die stillen Helden haben bewiesen, dass Widerstand gegen Unmenschlichkeit nie sinnlos ist und auch in ausweglosen Lagen erfolgreich sein kann. Schließlich können sie uns Nachgeborenen helfen, in Erinnerung an den Holocaust nicht in Depression zu verfallen, sondern vielleicht sogar dieser dunklen Geschichte einen Hoffnungsschimmer abzugewinnen.







Literatur:

- Wolfgang Benz, Gewalt im November 1938. Die „Reichskristallnacht“ Initial zu Holocaust, 2018

- Julius H. Schoeps, Düstere Vorahnungen. Deutschlands Juden am Vorabend der Katastrophe, 2018

- Raphael Gross, November 1938. Die Katastrophe vor der Katastrophe, 2013

- Der Tagesspiegel, „80 Jahre Novemberterror. Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Juden in

Deutschland“, Beilage zur Ausgabe vom 7. November 2018 mit Beiträgen von Julius H. Schoeps,

Andreas Nachama, Rolf Brockschmidt und Peter Steinbach.

- Kurt R. Grossmann, Die unbesungenen Helden. Menschen in Deutschlands dunklen Tagen, 1957

- Eric Silver, Sie waren stille Helden. Männer und Frauen, die Juden vor den Nazis retteten, 1992

- Inge Deutschkron, Sie blieben im Schatten. Ein Denkmal für „stille Helden“, 1996

- Wolfgang Benz (Hrsg.), Überleben im Dritten Reich. Juden im Untergrund und ihre Helfer, 2003


[1] „Unkraut vergeht nicht“ – Theater der Altmark Stendal, Skript: Thilo Reffert, Inszenierung Hannes Hametner, gespielt von Bernd Marquardt, Frederike Duggen, David Prosenc und Andreas Schirra.

[2] „Im Frühling hat man keine Lust zum Sterben“ – Lesung aus dem Schriftverkehr von zum Tode verurteilten Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges in Halle hingerichtet wurden. – Lesung: Julia Raab, Halle (Saale), Dramaturgie: Sandra Bringer, Halle (Saale)

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