Veranstaltungsberichte

Der Jugend eine Zukunft bieten

von Sebastian Pfülb, Rahma Janetzke
In einer zunehmend globalisierten Weltwirtschaft verbindet Europa und den Golf nicht nur der Wunsch nach einer Intensivierung der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, sondern beide Regionen stehen auch vor arbeitsmarktpolitischen Herausforderungen, die Raum für vergleichbare Lösungsansätze bieten.

Auch wenn Saudi-Arabien in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals mit seinem Ölreichtum assoziiert wird, so steht das Land auf der arabischen Halbinsel mit einer rasant wachsenden Bevölkerung, die sich bis 2050 knapp verdoppeln soll, sowie einem fallenden Ölpreis vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Denn noch immer machen die Einnahmen aus dem Ölgeschäft knapp 80% der Staatseinnahmen aus und auch der privatwirtschaftliche Sektor ist auf fossile Rohstoffe fokussiert. Eine Mehrzahl von Jobs wird von Gastarbeitern ausgeübt - trotz einer Jugendarbeitslosigkeit von über 30%. Seit einigen Jahren treibt die saudische Regierung daher Reformen voran, um seine Wirtschaftsstrukturen zu diversifizieren und die einheimische Jugend stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren. In Europa, auf der anderen Seite, hat die globale Finanzkrise eine ganze Generation vor eine unsichere wirtschaftliche Zukunft gestellt. Auch hier suchen Politiker und Experten neue, innovative Wege, um junge Menschen besser auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten und ihnen eine nachhaltigere wirtschaftliche Perspektive zu verschaffen.

Vor diesem Hintergrund veranstaltete das Regionalprogramm Golf-Staaten der Kornad-Adenauer-Stiftung in Kooperation mit der Deutschen Botschaft Riad und dem Generalkonsulat Djidda zwei Podiumsdiskussionen mit dem Titel „Promoting Career Opportunities for Young Professionals in Europe and the Gulf“. Ziel der Gespräche war es, den wirtschaftspolitischen Dialog und Austausch von Ideen zwischen jungen Führungskräften aus Europa und dem Golf zu fördern, was sich auch in den Profilen der teilnehmenden Panellisten spiegelte.

Den zwei deutschen Diskutanten Christian Wewezow, Managing Partner der mittelständischen Unternehmensberatung Clockwise Consulting, und Mala Ullal, Gründerin und Geschäftsführerin der interkulturellen Leadership-Beratung Vervelan, standen als Gesprächspartner profilierte saudische Führungskräfte aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft gegenüber: Jamal Kishi, Managing Director, Chief Country Officer und CEO bei Deutsche Securities, und Sarah Al Ayed, Gründerin der saudischen PR Agentur TRACCS, in Riad sowie Dr. Shadi Fouad Khawandanah, Aufsichtsratsvorsitzender der Special Direction Group, und Samar Fatany, Kolumnistin bei der Saudi Gazette, in Djidda. Auch die Moderation wurde – ganz im Sinne gemeinschaftlicher Lösungen – in Riad vom deutschen Botschafter in Saudi-Arabien, Boris Ruge, und in Djidda von der stellvertretenden Vorsitzenden der Jeddah Chamber of Commerce and Industry, Dr. Lama Suleiman, übernommen. Denn auch wenn die Ursachen der wirtschaftspolitischen Herausforderungen in beiden Regionen unterschiedlich sind, so lassen sich dennoch vergleichbare Lösungsansätze finden, wie die Diskussion zeigte.

Die Grundpfeiler einer systematisch wachsenden Ökonomie sei ein Bildungssystem, das die notwendigen Fachkräfte und wirtschaftspolitischen Strukturen hervorbringe, die Unternehmen zum Investieren anregen, darin waren sich die Panellisten aus Saudi-Arabien und Deutschland bereits zu Beginn der Diskussion einig. Um die notwendigen ordnungspolitischen Rahmenbedingungen und Strukturen zu schaffen, damit Potenziale stärker genutzt werden könnten, solle der bereits vorhandene Fokus auf die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMUs) ausgebaut werden, auf denen auch der Erfolg des deutschen Wirtschaftsmodells ruhe. Ebenso gehe es darum, sich den kreativen Unternehmergeist der gut ausgebildeten Jugend zu Nutze zu machen und neue Wege zu finden, ihnen die notwendige Unterstützung und Motivation mit auf den Weg in die Selbstständigkeit zu geben. Ein erster Schritt in die richtige Richtung sei in diesem Zusammenhang die auf Initiative des saudischen Königs Salman angeschobene Einrichtung einer eigenständigen Aufsichts- und Fördereinrichtung für die Entwicklung des KMU-Sektors.

In Bezug auf Deutschland wiesen die zwei deutschen Diskutanten darauf hin, dass auch im deutschen Wirtschaftsmodell noch zahlreiche Herausforderungen für KMUs und Start-Ups angegangen werden müssten. So scheue die junge Generation nach wie vor das Risiko, das Familienunternehmen zu übernehmen oder gar ein neues Unternehmen zu gründen. Ebenso sei für viele deutsche KMUs der Wettbewerb mit großen Unternehmen oft schwierig, da diese im Vergleich leichter an Finanzmittel kämen und außerdem über ein besseres Netzwerk und mehr Partner verfügten. Auch bei der Personalgewinnung könnten in Deutschland große Unternehmen oftmals eine stärkere Anziehungskraft für junge Talente entwickeln – ein Faktor, der auch von den saudischen Panellisten genannt wurde.

Denn langfristige Personalbindung sei eine der Hauptherausforderungen in der saudischen Privatwirtschaft, stimmten diese zu. Oftmals würden Angestellte schon für eine marginal bessere Bezahlung ihren Arbeitgeber wechseln, weshalb viele Betriebe auch davor zurückschrecken würden, mehr in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren. Wichtig sei daher insbesondere für kleinere Unternehmen, dass sie eine positive Unternehmenskultur entwickeln, die ihren Mitarbeitern Stolz und Würde vermittelt und so auch eine intrinsische Motivation und Identifikationsmöglichkeit bietet. Auch augenscheinliche Kleinigkeiten, wie beispielsweise eine stets pünktliche Auszahlung der Gehälter, vertraglich festgelegte Aufstiegsperspektiven gekoppelt an Leistungsziele und ein gleichermaßen respektvoller Umgangston von der Sekretärin bis zum CEO könnten KMUs helfen, sich gegen die großen Konkurrenten durchzusetzen. Im saudischen Kontext sollte man sich daher besonders an der staatlichen Ölfirma ARAMCO orientieren, die auf diesem Wege zum beliebtesten privaten Arbeitergeber im Land avanciert sei.

Daher sei auch die Bedeutung von betrieblicher Teilhabe nicht zu unterschätzen. Mitarbeiter sollten nicht das Gefühl haben, lediglich Entscheidungen auszuführen, sondern auch proaktiv in die Entscheidungsfindung eingebunden werden. Genauso wichtig sei es auch, eine ehrliche Diskussion über Stärken, Schwächen und Interessen mit seinen Mitarbeitern zu führen, um Frustration vorzubeugen. Darüber hinaus hätten deutsche KMUs sehr gute Erfahrungen mit Mentorenprogrammen gemacht, welche den Mitarbeitern Orientierung, Motivation und eine persönliche Bindung ans Unternehmen bieten würden.

Ebenso müsste mehr investiert werden, um neue Talente zu schaffen und zu fördern, damit die Nationalisierung oder „Saudisierung“ des Arbeitsmarktes auch wirklich langfristig Früchte tragen könne. Entwicklungsbedarf bestehe bei berufsbezogenen Trainings- und Fortbildungsmöglichkeiten jenseits der traditionell akademischen Ausbildung an den Universitäten. Beispielsweise bietet hier das deutsche duale Ausbildungssystem eine Vielzahl von Möglichkeiten, die beispielsweise in Form einer Mercedes-Ausbildungsstätte bereits in Saudi-Arabien Anklang gefunden haben. Auch das Konzept von Praktika sei ausbaufähig, um jungen Menschen früh Einblicke in mögliche Berufsfelder zu gewähren und ihnen ein Verständnis für die praktischen Anforderungen der Berufswelt zu vermitteln.

Neue Talente schaffen und Potenziale einer Gesellschaft zu nutzen hieße schlussendlich aber auch, dass Frauen stärker in den Arbeitsmarkt eingebunden werden müssten und anzuerkennen, dass Diversität am Arbeitsplatz den essentiellen Nährboden für Innovation und Erfolg biete. Auch im konservativen Saudi-Arabien gäbe es viele innovative Ansätze und Raum, Frauen stärker in Betriebe zu integrieren, wie beispielsweise Heimarbeit, Videokonferenzen und eigenständige Filialen von und für Frauen.

Die Bedeutung dieses Themas wurde auch von dem fast zeitgleichen Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der auf die Frauenförderung spezialisierten Initiative „Glowork“ unterstrichen. Um langfristig das Potenzial der saudischen Frauen noch besser ausschöpfen zu können, müssten allerdings mehr Anreize für Arbeitgeber geschaffen werden, um den entsprechenden Willen und Flexibilität im Betriebsablauf zu zeigen, die innovative Lösungen zur Frauenförderung in Saudi-Arabien benötigten.

Abschließend, so resümierten die Panellisten, könne festgehalten werden, dass es zwar erste Erfolgsmodelle und Projekte sowohl in Deutschland als auch Saudi-Arabien gäbe, dass aber für einen weitreichenden und nachhaltigen Erfolg in beiden Regionen noch viel getan werden müsse. Umso wichtiger sei es daher, den Dialog und die Kooperation zwischen Deutschland und Saudi-Arabien in diesem Bereich auch zukünftig weiter zu stärken.

Die Veranstaltungen in Riad und Djidda waren der zweite von der Konrad-Adenauer-Stiftung mitveranstaltete deutsch-saudische Dialog. Unter den renommierten Gästen aus Politik und Wirtschaft befand sich auch Dr. Ahmed Kattan, der stellvertretende Arbeitsminister des Königreichs. Durch den Dialog erhofft sich die Konrad-Adenauer-Stiftung eine Vertiefung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen deutschen und saudischen Akteuren in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Ansprechpartner

Dr. Manuel Schubert

Dr

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Jordanien Jordanien