Veranstaltungsberichte

Die iranische Frau in Dichtung und Gegenwart

von Oliver Ernst
Vor elf Jahren wurde vom thüringischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel in der Goethestadt Weimar das Goethe-Hafis-Denkmal eingeweiht. Seit drei Jahren wird am 12. Oktober der Hafis-Gedenktag begangen, um das literarisch-kulturelle Erbe zu würdigen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung gestaltet diesen Tag mit einem kulturell-politischen deutsch-iranischen Dialog, der einen Brückenschlag zwischen dem dichterischen Werk des 14. Jahrhunderts und der iranischen Gegenwart wagt.

In ihrem Grußwort erinnerte die Bundestagsabgeordnete Michaela Noll, stellvertretende Vorsitzende der deutsch-iranischen Parlamentariergruppe, an die Realität der iranischen Frauen im 21. Jahrhundert:

„In diesem Jahr stehen die Frauen im Iran im Mittelpunkt des Gedenktages. Sie prägen heute mehr und mehr das kulturelle Leben und die Bildungslandschaft im Iran. An den Universitäten gibt es mittlerweile mehr Studentinnen als Studenten, die Iranerinnen sind immer gebildeter. Eine weibliche Elite formt sich, sie will und kann viel bewegen. Dennoch müssen Frauen im Iran für ihre Gleichberechtigung immer noch hart kämpfen und sich gegen Widerstände religiösen und politischen Ursprungs durchsetzen. Die Rolle der Frau im Iran ist also ein spannendes, aber auch sehr sensibles Thema.“

Auch Ruprecht Polenz, der im Deutschen Bundestag den Auswärtigen Ausschuss leitet und auf zahlreichen Reisen den Iran von innen kennen gelernt hat, betonte in seinem Grußwort die aktuellen Probleme, die die Frauen im Iran haben:

„Im Alltag müssen sich Irans Frauen den von Männern diktierten Bekleidungsvorschriften – und auch deren Durchsetzungspraktiken unterwerfen. Frauen sind nicht gleichgestellt, sondern nicht zuletzt nach dem iranisch-islamischem Recht benachteiligt. Für Frauen gilt, was im Übrigen für alle Menschen im Iran gilt: Die allgemeinen Menschenrechte werden mannigfaltig missachtet.“

Doch blickte Polenz durchaus optimistisch nach vorne: „Das Durchschnittsalter im Iran beträgt 27 Jahre, ein Viertel der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt. Es ist unwahrscheinlich, dass sich diese jungen Menschen, die über die internationalen Kommunikationswege alternative Gesellschaftsformen vor Augen haben, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten mit den gegenwärtigen Verhältnissen kommentarlos arrangieren. Frauen machen die Hälfte der iranischen Gesellschaft aus. Man kann ihnen zutrauen, dass von ihnen in Zukunft der größte Veränderungsdruck ausgeht.“

Fünf von diesen im Iran studierten und heute in Deutschland lebenden, lehrenden oder promovierenden iranischen Frauen referierten und diskutierten auf dem Panel. Mit dabei war zudem Dr. Silvia Tellenbach vom Max-Planck-Institut für Strafrecht.

Den poetischen Einstieg in den Abend gestaltete Dr. Fereshte Hedjazi mit ihrem Vortrag über die Frau im Werk von Hafis. Sie unterrichtet an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster Persisch und bringt ihre Studenten schon in frühen Semestern in Kontakt mit der Dichtung von Hafis. Damit öffnet sie ihnen ein Fenster in eine dichterische Welt, die selbst Goethe für unvergleichbar erachtete, wie sie in ihrem Vortrag mit einem Goethezitat erläuterte:

„Hafis, dir sich gleichzustellen, welch ein Wahn!“

Hafis ist nach Hedjazi stark von den Sufis, den iranischen Mystikern geprägt, die die bereits von Platon überlieferte „Philosophie der Liebe“ vertraten:

„Einige Sufis waren der Meinung, dass zunächst die Erkenntnis der materiellen Schönheit, d.h. die empirische Liebe erforderlich ist, um die zweite Art der Liebe erfahren zu können. Mit anderen Worten: die Liebe zu irdischen Schönheiten bringt den Menschen zur geistigen/göttlichen Liebe.“

Hedjazi trug zahlreiche Gedichte aus dem Diwan auf persisch und deutsch vor. In einem besonders schönen 14-zeiligen Ghasal-Gedicht besingt Hafis seine Liebe zu einer Frau:

So herrlich deine Gestalt,

So fein deine Glieder,

Deine Liebkosungen erfreuen mein Herz.

Einem frischen Rosenblatt

Gleicht deine Erscheinung,

Wie die Zypresse

Lieblich von Kopf bis Fuß.

Süß ist deine Zärtlichkeit

Schön deine Augen, die Brauen, dein Wesen.

Im Rosengarten meiner Fantasie,

Strahlt deiner Schöneheit Zauber,

Und mein Herz wird erquickt vom Dufte deiner Locken.

In der Wüste des Begehrens lauert manche Gefahr

Hafis durchstreift verliebt, hofft auf dein Erbarmen.

Einen weiten Weg mussten die iranischen Frauen seit dem 14. Jahrhundert gehen, in dem Hafis ihnen ein Denkmal gesetzt hatte. Heute setzen sie sich selbst in ihrem dichterischen Werk mit ihrer eigenen Realität auseinander. Die iranische Literaturwissenschaftlerin Somaiyeh Mohammadi stellte in ihrem Vortrag die Problematisierung von Weiblichkeitsbildern in der deutschsprachigen Erzählliteratur von Autorinnen persischer Herkunft vor. Während bei Hafis die Liebe bzw. die Trennung vom Geliebten Ursache für Leid ist, ist bei den iranischstämmigen Autorinnen unserer Zeit eher ihre gesellschaftliche Situation Auslöser von Leid, wie Mohammadi schilderte:

„Für mich ist bemerkenswert, dass einige Autorinnen auch in ihrer neuen Welt (Deutschland) nach einer globalen Schwesterlichkeit suchen und nach wie vor eine von Männern dominierte Welt schildern, in der die Frauen, unabhängig vom Herkunftsland, zu leiden haben.“

Exemplarisch stellte KAS-Stipendiatin Mohammadi die beiden in Deutschland vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichneten Autorinnen Fahimeh Farsaieh und Sudabeh Mohafez vor.

In dem „ersten Einbürgerungsroman“ Deutschlands „Eines Dienstags beschloss meine Mutter Deutsche zu werden“ von Farsaieh kämpft die ihrem Mann nach Deutschland gefolgte Hauptfigur „nicht nur für ihren Platz in der deutschen Kultur, sondern auch für ihren Platz als eine freie Frau in der Familie. Ihr Mann behält in seiner neuen Heimat seinen traditionalistisch autoritären Charakter, dem sie sich in jeder Einzelentscheidung beugen soll, damit seine darauf gründende Ehre nicht verletzt wird.“ Die Frau, die im Iran als Gymnasiallehrerin gearbeitet hatte, ist auch in Deutschland „zwischen Tradition und Moderne gefangen und versucht mit allen Kräften eigenständige Ziele zu erreichen, was in bestimmten Situationen auch zur Vernachlässigung der Familie führt. Die Romanautorin kritisiert weder, noch verherrlicht sie diese Situation“, erläuterte Mohammadi.

In der Erzählung „Vor Allahs Thron“ aus ihrem Erzählband „Wüstenhimmel Sternenland“ schlägt die wie Farsaieh in Teheran geborene Autorin Sudabeh Mohafez eine Brücke zwischen der Situation einer im Iran lebenden deutsche und iranischen Frau. „Die Autorin löst anhand dieser Geschichte die Stereotypen und Rollenvorbilder aus beiden Kulturkreisen auf, indem die arme Frau aus dem Orient, die Frau aus dem Okzident zu retten versucht. Die Rolle unterdrückter Frauen in einer von Männern dominierten Welt scheint also zur universellen Bürde der Frauen zu werden, die unabhängig von den kulturellen Rahmenbedingungen ist, allerdings in unterschiedlichen Formen ihren Ausdruck findet“, sagte Mohammadi mit Blick auf die von beiden Autorinnen thematisierten typischen und fest verankerten Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern.

Mohammadi resümmierte: „Es scheint ein Anliegen von Autorinnen persischer Herkunft zu sein, mit literarischer Arbeit Vorurteile über kulturelle Eigenarten aus dem Weg zu räumen, differenzierte Sichtweisen zu eröffnen, gespeist von bikulturellen Erfahrungen, in der Hoffnung, auf übergreifende Elemente des Weiblichen zu stoßen.“

Von der literarischen Reflexion der Situation der iranischen Frau zum Kommentar des iranischen Strafrechts war es an dem Abend nur ein kurzer Schritt, den Dr. Silvia Tellenbach vom Freiburger Max-Planck-Institut für Strafrecht tat. Sie stellte unter anderem die Themen der Strafmündigkeit, der unterschiedlichen Behandlung von Frauen bei Zeugenaussagen und die sexuelle Selbstbestimmung in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen.

Schon mit neun Jahren werden Mädchen im Iran voll strafmündig, Jungen dagegen mit 15 Jahren. Für Tellenbach ist dies in dieser Form ein weltweit einmaliger Fall von geschlechtlicher Unterscheidung bei der Strafmündigkeit.

Auge um Auge, Zahn um Zahn – selbst dieser vormoderne rechtliche Grundsatz gilt im Iran noch, aber auch hierbei werden Frauen kurioserweise benachteiligt. Tellenbach schilderte den auch in Deutschland bekannten Fall einer durch ein Säureattentat schwer entstellten und erblindeten jungen Iranerin, die ihren Peiniger ebenfalls blenden wollte und dieses Recht vom iranischen Gericht auch zugesprochen bekam. Allerdings hätte sie dem Täter bei Vollzug dieser Strafe ein halbes Blutgeld zahlen müssen, was bei einem männlichen Opfer nicht der Fall gewesen wäre.

Nur im Bereich der Kfz-Versicherung wird die Blutgeldregel seit dem Jahr 2008 von den Versicherungen geschlechtsneutral behandelt.

Das von Tellenbach beschriebene „düstere Kapitel der Moderne“, die Ungleichbehandlung der Frauen im iranischen Strafrecht, betrifft auch den Bereich der Zeugenaussagen: Bei manchen Straftaten seien Zeugenaussagen von Frauen nicht, oder nur zu 50 Prozent zugelassen.

Grausame Strafen, wie die bei Ehebruch vorgesehene Steinigung, werden im Iran immer noch verhängt, dabei ist ihre Abschaffung seit dem Jahr 2002 vorgesehen. Laut Tellenbach handelt es sich hierbei um eine Entwicklung der „frühen islamischen Rechtswissenschaft, die eine Abschaffung dieser Strafe eigentlich erleichtert.

Auch im Beweisrecht ist „die Beweissituation für Frauen miserabel“ schilderte Tellenbach: Den Tatbestand der „Vergewaltigung in der Ehe, auch in Europa erst seit 30 Jahren eingeführt, gibt es im Iran noch nicht.

Rechtsanwältin Dr. Hale Enayati befasste sich in ihrem Referat mit der Frauenbewegung in der Islamischen Republik Iran, die ihre historischen Wurzeln schon im Jahre 1852 hat. Für die Rechtfertigung der gesellschaftlichen und politischen Benachteiligung der Frauen werden laut Enayati Koransuren angeführt, die die Überlegenheit des Mannes beschreiben. Auf diese Weise wird auch die Unterordnung der Frauen begründet, die beispielsweise eine Eignung als Richterin oder Regierende ausschließen soll.

Doch auch in der Islamischen Republik Iran hat sich seit Beginn der 90er Jahre ein „islamischer Feminismus“ entwickelt, dessen Sprachrohr die Zeitschrift Zanan (Frauen) war, bis ihr die Lizenz im Jahre 2008 entzogen wurde.

Enayati schilderte, wie wichtig Zanan für die Thematisierung von vielen frauenrechtlichen Fragen im Iran war.

Ein großer Schritt nach vorne für die iranischen Frauen war die „1 Millionen Unterschriftenkampagne“ für Frauenrechte, die von der iranischen Frauenbewegung seit dem Jahr 2006 durchgeführt wurde. Enayati verwies darauf, dass das Ziel, innerhalb von zwei Jahren die gewünschte Anzahl von Unterschriften zu sammeln nicht erreicht werden konnte. Aus Angst vor Repressionen verweigerten viele Frauen die Unterschrift. Die Kampagne ist zwar verboten und wird öffentlich nicht mehr durchgeführt, aber im Internet läuft sie dennoch weiter.

Immerhin wurde laut Enayati durch die Kampagne das geplante Eheschutzgesetz verhindert, das für Männer eine unkompliziertere Zweitehe ermöglichen sollte. Auch gegen eine striktere Geschlechtertrennung an den Universitäten wurde in jüngster Zeit von der iranischen Frauenbewegung Widerstand geleistet. Für die Frauen, die heute 60 Prozent der Studentinnen stellen, hätte diese Separation in den Hörsälen sehr negative Auswirkungen gehabt.

Maede Soltani, Tochter des im Iran inhaftierten Träger des Nürnberger Menschenrechtspreises Abdolfatah Soltani schilderte sehr anschaulich Szenen aus dem Leben junger iranischer Frauen. Die ersten 24 Jahre ihres Lebens hat sie im Iran verbracht und war selbst Zeugin von „Abschreckungsmaßnahmen“ der iranischen Behörden, die die jungen Iraner zu einem an die Normen der Islamischen Republik angepassten Verhalten zwingen wollen.

In der Bevölkerung hat sich trotz der brutalen Niederschlagung der Studentenproteste im Jahre 1999 eine Kultur des zivilen Widerstandes entwickelt, die auch stark durch die Beteiligung von Frauen geprägt ist. Frauen waren es laut Soltani auch, die dazu beigetragen haben, dass die Proteste der Millionen Anhänger der grünen Reformbewegung von 2009 weitgehend friedlich blieben und der Konflikt zwischen Bevölkerung und Regierung nicht eskalierte. Heute bestimmen Fraueninitiativen wie die „Mütter des Friedens“ und die „Mütter in Trauer“ den Protest gegen die Behördenwillkür. Von den Müttern, die sich für die Freilassung von Verhafteten Reformkräften engagieren wurden inzwischen selbst ungefähr 100 festgenommen.

Hafis, der große Dichter, würde er heute nicht die Tapferkeit dieser friedlichen und freiheitsliebenden iranischen Frauen preisen?

Im Anschluss an die Referate entwickelte sich eine sehr engagierte Diskussion, Insbesondere Themen wie das Blutgeld und die Steinigung, die Unterstützung der Frauenbewegung durch die iranischen Männer und die Frage, ob Kritik am Iran nicht mit der Kritik am Islam gleichzusetzen sei, wurden besprochen.

Wie im vergangenen Jahr, so sorgte auch diesmal die Theologin Dr. Fatemeh Rahmati als Moderatorin für eine engagierte Diskussion auf dem Panel und mit dem Auditorium.

Ansprechpartner

Dr. Oliver Ernst

Dr

Referent Demokratie und Menschenrechte

Oliver.Ernst@kas.de +49 30 26996-3385 +49 30 26996-3563

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