Veranstaltungsberichte

Die Jugend gemeinsam für die Zukunft rüsten

von Peter Sendrowicz, Rahma Janetzke

Fachkonferenz mit Nachwuchskräften

Wege zu einer praxisnäheren Ausbildung, ein einfacherer Einstieg in den Arbeitsmarkt und Möglichkeiten zur Förderung von Frauen in der Wirtschaft: Teilnehmer aus Deutschland und dem Golf diskutieren die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zukunftsperspektiven der Jugend.

Auf der interregionalen Fachkonferenz zum Thema Developing Future Leaders – Prospects for an Empowered Youth in Europe and the Gulf kamen Sachverständige und junge Führungskräfte aus sechs Golf-Staaten und Deutschland für zwei Tage in Doha, Katar, zum Expertenaustausch zusammen. Die Stiftung bot den Konferenzteilnehmern in Zusammenarbeit mit dem Gulf Studies Center an der Qatar University die Plattform, um ihnen am Herzen liegende Themen aus einer überregionalen Perspektive zu erörtern.

Jede Generation und Region bringt ihre eigenen jungen Helden hervor. Diese Führungspersönlichkeiten bringen einzigartige und wertvolle Ideen und Impulse in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur ein. Die Förderung der nächsten Generation junger Führungskräfte in einer immer komplexer werdenden Welt ist daher auch in Europa und dem Arabischen Golf von besonderer Relevanz. In beiden Regionen teilt man die Sorge um eine verlorene Generation angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit – liegt es doch den Ländern beider Regionen sehr daran, solide Grundlagen für eine erfolgreiche und leidenschaftliche Berufstätigkeit zu schaffen – frei nach dem Motto “we cannot always build the future for our youth, but we can build our youth for the future” (Franklin D. Roosevelt).

In ihrer vielbeachteten Rede vor Arbeitsmarktexperten, Diplomaten, Entscheidungsträgern und Journalisten zu Beginn der Konferenz rief Ihre Exzellenz, Dr. Sharifa Al Yahyai, Ministerin a.D. für Soziale Entwicklung im Sultanat Oman und Gastprofessorin an der Sultan Qaboos University in Maskat, Oman, so dann die anwesenden Studenten auf, stets die Herausforderung auf ihrem Weg in die Zukunft zu suchen und nicht davor zu scheuen, die eigene Komfortzone zu verlassen. Die von der älteren Generation oft angeprangerte mangelnde Erfahrung junger Nachwuchskräfte solle diesen vielmehr als Motivation dienen, unermüdlich Erfahrung zu sammeln. Nur so könnten junge Menschen dem Hindernis fehlender Seniorität auf ihrem Weg in die Führungsriegen selbstbewusst begegnen. Alter sei nicht ausschlaggebend, um Leader zu werden, sondern die persönliche Einstellung, so Ihre Exzellenz. Der Wille zur Entwicklung ihres Landes, ihrer Region und der Welt beizutragen sei der Charakterzug, welcher eine Führungspersönlichkeit auszeichne.

Dr. Al Yahyai betonte außerdem, dass Frauen in diesem Prozess eine besondere Rolle zukomme, seien sie doch die Heldinnen der ersten Stunde bei der Geburt ihrer Kinder. Sie sollten sich ihres Wertes, eine Frau zu sein, bewusst sein. Natürlich gebe es aber neben der persönlichen Einstellung und dem eigenen Führungswillen weitere Hürden, die es besonders für Frauen zu überwinden gilt. Solche Barrieren seien dann oftmals struktureller Art. Dr. Al Yahyai hob beispielsweise hervor, dass die Kluft zwischen männlichen und weiblichen Führungskräften mitunter darauf zurückzuführen sei, dass es nicht genügend Frauen gebe, die an der Ausarbeitung der Rechtsvorschriften zur Beschäftigung von Frauen beteiligt sind. Ein Missstand, welchen die Politik, das Rechtswesen und die Gesellschaft nur gemeinsam als Ganzes beheben könnten.

Der deutsche Eröffnungsredner, Christian Wewezow, Bundesvorsitzender 2014 der Wirtschaftsjunioren Deutschland e.V. und Managing Partner bei Clockwise Consulting, fand anschließend ebenso Beifall vor dem zum Großteil europäisch-arabischen Publikum für seine Ausführungen und Insider-Erfahrungen zum Thema Developing Future Leaders. In der Förderung junger Nachwuchskräfte bestehe, laut Wewezow, die beste Investition in unsere Zukunft. Wewezow, selbst junger und engagierter Unternehmer, sieht die Wirtschaftsjunioren, den größten Verband von jungen Unternehmern und Führungskräften in Deutschland, denen er dieses Jahr vorstand, und sich selbst in der Verantwortung zur gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen, ganz in der Tradition des „Ehrbaren Kaufmanns“. Als junge Wirtschaftskräfte sei es ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen ein persönliches Anliegen, den unternehmerischen Geist der jungen Generation zu fördern. Diese habe innovative Ideen, welche oftmals als Lösungen für die zukünftigen Herausforderungen und die alten Probleme unserer Gesellschaften dienen können.

Einen Schlüssel dazu sieht Wewezow in der Diversifizierung der Belegschaften von Unternehmen und Institutionen, um die Nachhaltigkeit der nationalen, regionalen und globalen Wirtschaft sicher zu stellen. Das deutsche Wirtschaftsmodell sei dabei sicherlich nicht die einzige Lösung in der Welt, dennoch lohne es sich einen Blick auf das deutsche capacity-building Format zu werfen. Gleichzeitig freue er sich, im Austausch mit den arabischen Kollegen zu erfahren, welche Maßnahmen sie ergreifen, um ihre Jugend für den Arbeitsmarkt und das Unternehmertum zu wappnen. Im Dialog von der Expertise des anderen zu lernen, das sei seine Erwartung, mit welcher er zu dieser interregionalen Fachkonferenz angereist sei.

Die Teilnehmer aus den Golf-Staaten und Deutschland teilten anschließend die Meinung, dass Erziehung und Ausbildung der entscheidende erste Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen Zukunft seien. Umso mehr Verantwortung würde auf den Schultern der Ausbildenden lasten, welche damit betraut sind, ihre Studenten und Auszubildenden mit den notwendigen Fähigkeiten auszustatten, um sich in der globalisierten Welt behaupten zu können. Von großer Bedeutung seien dabei Kooperationen zwischen den Bildungseinrichtungen und der freien Wirtschaft. Nur so ließen sich Lehrpläne gestalten, die den Herausforderungen des Berufslebens entsprechen und Diskrepanzen zwischen den erworbenen Kompetenzen arbeitssuchender Berufseinsteiger und den Anforderungen des Arbeitsmarktes vermeiden.

In diesem Zusammenhang traf beim arabischen Publikum das duale Ausbildungssystem in Deutschland auf großes Interesse. iMOVE, eine Initiative vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zur Internationalisierung deutscher Aus- und Weiterbildungsdienstleistungen, stellte die in Deutschland häufigste Ausbildungsform vor und teilte seine Expertise beispielsweise mit Berufsausbildungsexperten des omanischen Arbeitsministeriums. Aus Erfahrung letzterer sei ein wichtiger Aspekt in der Ausbildungsförderung eine vorangesetzte solide Ausbildung der Mentoren, die jungen Menschen auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt beratend zur Seite stehen.

Dass es dennoch keine leichte Aufgabe sei, den Sprung vom Hörsaal auf die Karriereleiter ohne Anlaufschwierigkeiten zu schaffen, dem stimmten die Konferenzteilnehmer angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa und im Golf gleichermaßen zu. Am Arabischen Golf ist die Beteiligung lokaler Arbeitskräfte in der freien Wirtschaft äußerst niedrig. Aufgrund relativ starker finanzieller Sicherheit und Unterstützung vonseiten der Familie fehlt es überwiegend an Motivation und der Notwendigkeit einem Beruf nachzugehen, wenn es nicht gerade um den äußerst lukrativen öffentlichen Sektor geht. In Europa haben junge potentielle Arbeitskräfte mit befristeten Verträgen und der Präferenz unter Arbeitgebern zur Einstellung erfahrenerer Mitarbeiter zu kämpfen. Das Phänomen der Jugendarbeitslosigkeit existiert also sowohl in Europa als auch im Golf, die Ursachen dafür sind jedoch verschieden.

Einen Lösungsansatz für das Problem der Jugendarbeitslosigkeit im Golf sieht Dr. Al Yahyai in einer engeren Kooperation zwischen den Regierungen und dem Unternehmertum wie es bspw. in Deutschland der Fall sei. Zwar hätte das Sultanat Oman als eines der ersten Länder am Golf begonnen, seine eigene Bevölkerung in den Arbeitsmarkt zu integrieren, doch 20 Jahre später bleibt die Bilanz ernüchternd: 85% der Arbeitnehmer im privaten Sektor seien weiterhin internationale Gastarbeiter, was die Arbeitslosenzahl der Einheimischen auf einem hohen Niveau hält. Dies ist ein in den Golf-Staaten weit verbreitetes Phänomen.

Doch wo liegt die Wurzel des Problems? Ist es eine unmotivierte Golf-Jugend, welche sich gänzlich auf Vater Staat und die Familie als Fördersystem verlässt oder sind es strukturelle Probleme im Arbeitsmarktsystem der Golf-Staaten? An dieser Stelle gingen die Meinungen im Plenum auseinander. Einig war man sich wiederum darüber, dass die Jugend sowohl in Europa und dem Golf gefragt ist, eigene Initiativen zu ergreifen und daher ein Unternehmertum im wahrsten Sinne des Wortes unentbehrlich ist. Die Jugend könne aber damit unterstützt werden, dass ihr die verschiedenen Möglichkeiten, in welchen sie aktiv werden kann, von Mentoren aufgezeigt werden und so ihr Bewusstsein für die Vielfalt an Tätigkeitsfeldern geschärft wird.

Um Vielfalt ging es auch, als die erheblichen wirtschaftlichen Vorteile einer bunten, sprich vielfältigen Belegschaft diskutiert wurden. In diesem Kontext kamen insbesondere die positiven Auswirkungen von weiblichen Mitarbeiterinnen und Frauen in Führungspositionen zur Sprache. Diese würden sich in Entscheidungsfindungsprozessen und in der konstruktiven Problemlösung widerspiegeln. Arabische und deutsche Expertinnen kamen zu dem Schluss, dass die vielen sehr gut ausgebildeten Frauen vergebene Entwicklungschancen für die Länder beider Regionen wären, wenn sie nicht nachhaltig in die entsprechenden Arbeitsmärkte integriert werden und ihnen Führungspositionen zum Großteil verwehrt blieben.

Nachdem bereits extensiv über Nachwuchskräfte aus beiden Regionen diskutiert worden war, sollten vier Vertreter ihrer Generation selbst zur Sprache kommen und ihre Sicht der Dinge schildern. Damit bot sich ihnen die Gelegenheit, ihre jungen, innovativen Ideen auf die langjährige Erfahrung der etablierten Rangälteren treffen zu lassen, im Sinne eines Dialogs zwischen den Regionen und Generationen. Die Antworten auf die Frage, wie sie die Wirtschafts- und Politiksphären wahrnehmen, deren Erbe sie im Begriff sind anzutreten, fielen unterschiedlich aus: für einen Startup-Unternehmer aus Deutschland ist das Unternehmertum der Weg um die Gesellschaft nach seinen Kräften und Möglichkeiten mitzugestalten, während eine junge Anwältin aus dem Golf in der Politik und im Rechtswesen die Chance sieht, langfristig etwas zu verändern.

Auf diesen Erkenntnissen basierend lässt sich festhalten, dass zur Förderung der jungen Generation sowohl die Jugend selbst und ihre Initiativbereitschaft als auch Staat und Wirtschaft gefragt sind, um Anreize zu schaffen und die institutionellen Strukturen so weiterzuentwickeln, dass sie den jungen Nachwuchskräften nicht im Wege stehen. In Europa wie am Arabischen Golf scheint es ein steter Balanceakt zu bleiben zwischen der Notwendigkeit, den Nachwuchs in die Verantwortung für sich selbst und die Gesellschaft zu ziehen und der Freiheit, welche die sich profilierende Generation benötigt, um ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektiven selbst auszuloten.

Dieses breite Feld an relevanten Themen zu diskutieren sowie Wissen und Erfahrung im Bereich Jugend und Arbeitsmarkt auszutauschen stand im Fokus der interregionalen Fachkonferenz zwischen der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Gulf Studies Center der Qatar University - die bereits dritte Kooperation zwischen beiden Institutionen.

Ansprechpartner

Dr. Manuel Schubert

Dr

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Jordanien Jordanien