Veranstaltungsberichte

Digital-Dialog zwischen Utopie und Dystopie

von David Gregosz
Ambitionen asiatischer Volkswirtschaften sind immens
Das Silicon Valley entwickelte sich in den beiden vergangenen Dekaden zum Gravitationszentrum für Software- und IT-Firmen, die durch digitale Innovationen und Geschäftsmodelle weitreichende gesellschaftliche Veränderungen vorangetrieben haben. Vielversprechende ökonomische Aussichten lassen auch asiatische Volkswirtschaften mit großen Schritten und festem politischem Willen in die digitale Zukunft schreiten. In Asien werden digitale Technologien als Gelegenheit gesehen, Entwicklung zu beschleunigen. Mancherorts werden sie auch als Instrument staatlicher Repression und Überwachung eingesetzt.

In asiatischen Mega-Städten lassen sich digitale Trends quasi im Brennglas betrachten und ermöglichen Beobachtern eine praktische Auseinandersetzung mit der digitalen Zukunft. Daher führte das KAS-Regionalprogramm „Politikdialog Asien“ der Konrad-Adenauer-Stiftung Digitalexperten aus Asien und Deutschland in Tokio zusammen. Zwei Tage lang diskutierten sie in der Hauptstadt der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt über absehbare Technologieschübe, die Zukunft der Arbeit und angemessene Digitalstrategien in vernetzten Gesellschaften.

Im Zentrum der Tagung stand die Frage, inwieweit Roboter oder digitale Technologien die menschliche Arbeitskraft ersetzen können. Kann das Unternehmen der Zukunft mit vernetzten, sich selbst regulierenden Maschinen, Geräten und Produkten ohne Menschen auskommen? Welche politischen und gesellschaftlichen Implikationen sind damit verbunden? Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit solchen Fragestellungen konnten sich die Teilnehmer vor Ort bei Firmen- und Universitätsbesuchen einen praktischen Eindruck über autonome Systeme und den Stand der Robotik machen. In Europa vergisst man leicht, dass die meisten Internetnutzer in den heterogenen Volkswirtschaften Asiens zuhause sind und deren Risikoneigung bzw. Internetaffinität zumeist höher ausgeprägt sind. Bringt man dies in Verbindung mit der massiven Förderung von technologischen Durchbrüchen bei „Internet-of-Things“-Anwendungen, bei Cloud-Technologien, Künstlicher Intelligenz oder Robotik wird deutlich, warum Asien eine der dynamischsten Weltregionen mit erheblichem Disruptionspotenzial ist. In diversen Regierungsprogrammen (Japans „Gesellschaft 5.0“, Singapurs „Smart-Nation-Initiative“) oder Industriestrategien („Made in China 2025“) verdeutlichen asiatische Staaten zudem ihren Anspruch auf Technologieführerschaft und den Willen die digitale Transformation zu nutzen und entscheidend zu prägen. Der rasche Ausbau der physischen Infrastruktur ist dabei eine selbstverständliche Aufgabe, die anders als in Deutschland, mit erheblichen Finanzmitteln angegangen wird, ohne das Thema „Digitalisierung“ darauf zu reduzieren.

Herausgearbeitet wurde während der Diskussionen, dass die digitale Revolution insbesondere Arbeitsmärkte in Schwellen- und Entwicklungsländern mit ihrem Fokus auf verarbeitendes, arbeitsintensives Gewerbe bzw. den Agrarsektor erheblich treffen könnte. Eine Tatsache, die in der internationalen „Future-of-work“-Debatte bislang unzureichend beleuchtet sei. Zwar prophezeien namhafte Studien ebenfalls in Industrieländern ein erhebliches Rationalisierungspotenzial, da die fortschreitende Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz auch Tätigkeiten, die eine hohe Qualifikation (Ärzte, Juristen) erfordern, umfasst. Hier könne man mit Reformen der Bildungs-, Steuer- bzw. Sozialsysteme bevorstehende Veränderungen aber besser abfedern.

Eine wesentliche Schlussfolgerung der Tagung war, dass Digitalisierung nicht notwendigerweise weniger Arbeit schaffe, sondern andere Arbeitsformen und Arbeitsplatzanforderungen erzeuge. Die fundamentalen Veränderungen der Arbeitswelt können positiv begleitet werden, sofern der politische Wille mit klarer strategischer Ausrichtung und eine grundsätzliche Offenheit im Hinblick auf die Digitalisierung die Politik leite. Eine ganzheitliche Digitalstrategie umfasst daher

  • die sukzessive Ertüchtigung der physischen Infrastruktur,
  • die Definition von strategischen Zukunftsfeldern,
  • die Sicherstellung der digitale Teilhabe,
  • die Entwicklung innovativer, lebenslanger Bildungsangebote sowie die Vermittlung digitaler Kompetenzen,
  • die Überprüfung bestehender Sozial- bzw. Steuersysteme und Arbeitsmarktpolitiken,
  • das Vorantreiben digitaler Verwaltungsstrukturen,
  • die Sicherstellung von Datensouveränität sowie die
  • Anpassung des regulatorischen Rahmens an das digitale Zeitalter.
Hier könne Deutschland von konkreten best-practice-Beispielen in Asien lernen. Dies gelte auch für die Bereitstellung eines adäquaten regulatorischen Rahmens und der notwendigen physischen Infrastruktur. Entscheidender wird allerdings seien, ob es gelingt die Bevölkerung für technologische Veränderungen zu begeistern bzw. mitzunehmen, um eine Spaltung der Gesellschaft in „Onliner“ und „Nonliner“ zu verhindern.

Über diese Reihe

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