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Veranstaltungsberichte

„Es war einmal Andreotti“

von Silke Schmitt

Buchpräsentation in Bologna mit Dr. Hans-Gert Pöttering

Als Politiker hat Giulio Andreotti Italien ein gefühltes Jahrhundert geprägt – so der Tenor der Diskussion über das Buch „C’era una volta Andreotti“ „Es war einmal Andreotti“ am 4. Mai 2019 in Bologna. Dr. Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlaments a.D. und Pierferdinando Casini, Präsident der italienischen Abgeordnetenkammer a.D., diskutierten gemeinsam mit dem Journalisten und Autor des Buches, Massimo Franco, und dem Direktor des der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera in Bologna, Armando Nanni, in dem ehemaligen Universitätsgebäude Palazzo dell’Archiginnasio.

Die vielzitierte Aussage Giulio Andreottis, die deutsche Wiedervereinigung könne einen Pangermanismus zur Folge haben, habe Andreotti selbst später bedauert, so Franco. Als Kind seiner Zeit, habe er damals die außenpolitische Linie des Vatikans vertreten. Er sei – wie auch der damalige Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli, regelrecht  „auf Kalter Krieg programmiert gewesen“, so Massimo Franco. „Sie waren Kinder einer rigoros  bipolaren Zeit. Das Ende der Democrazia Cristiana und der UDSSR war für sie ein Sprung ins Dunkle – ebenso wie die Wiedervereinigung“, so Franco.

Dr. Hans-Gert Pöttering erinnerte daran, dass er als junger Abgeordneter im Europaparlament bei einem Besuch Giulio Andreottis Ende der 80er Jahre um eine Minute Redezeit bat: „Ich nutzte die Zeit um ihm zu sagen, dass es in Europa keinen Pangermanismus und keinen Panslavismus gebe. Aber es gebe in Europa das Bestreben nach Freiheit und Demokratie. Und dafür treten wir ein“. Andreotti sei eine „Persönlichkeit des Status quo“ gewesen, so Pöttering, ein „sehr vorsichtiger Mensch“. Er sei dazu bereit gewesen, den Status quo zu akzeptieren. „Das ist ein Gedanke, der für mich nicht akzeptabel war“, so Pöttering.

Heute müsse man die Analyse der Persönlichkeit Andreottis in einen größeren Zusammenhang stellen, so Pöttering, um aus der Geschichte zu lernen. Andreotti sei ein großer Gegner der extremen Rechten gewesen und das mache ihn sehr sympathisch, so Pöttering. „Der zunehmende Nationalismus in Europa ist eine große Gefahr. Wir müssen alles tun, um Rechts- wie Linksextremismus mit aller Kraft zu bekämpfen und uns als Europäer fühlen“. Die Geschichtsvermittlung an Schulen sei daher von unermesslichem Wert. Auch ein Besuch im Haus der europäischen Geschichte in Brüssel, sollte daher auf dem Lehrplan stehen.  

Das Buch von Massimo Franco erscheint zum 100. Geburtstag, den Giulio Andreotti am 14. Januar 2019 gefeiert hätte. Von der verfassungsgebenden Versammlung 1946 – Giulio Andreotti war damals 27 Jahre alt – bis zu seinem Tod am 6. Mai 2013 mit 94 Jahren, hat keiner die politische Bühne in Italien so maßgeblich geprägt wie er. Er hat, so Massimo Franco, „zwei Weltkriege, sieben Päpste, die Monarchie, den Faschismus sowie die erste und die zweite Republik in Italien erlebt. Außerdem hat er sechs Prozesse, angeklagt wegen Verstrickungen mit der Mafia und wegen Mordes, überlebt“.

Über diese Reihe

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