Veranstaltungsberichte

Herr Wang ist gestorben

Lesung und Buchvorstellung mit dem Autor Stefan Schomann im Rahmen der Ausstellung „Vom ersten jüdischen Ghetto in Venedig zum letzten jüdischen Ghetto in Schanghai“.

"Herr Wang ist gestorben." Mit diesem Satz begann der Autor Stefan Schomann aus seinem neusten Buch „China - Streifzüge durch ein Weltreich“ zu lesen. Der chinesische Herr Wang war Zeitzeuge von einer schier unglaublichen Geschichte. Fernab der Heimat, im exotischen China, konnten sich 18 000 Juden aus Europa vor der NS-Diktatur retten und überlebten den Holocaust.

Stefan Schomann, Autor und Journalist, bringt diese Episode der Geschichte in seinen Büchern „Letzte Zuflucht Schanghai“ und „China - Streifzüge durch ein Weltreich“ ebenfalls zu Tage. Die Tragik wird schnell greifbar. Nachdem viele Länder während der Herrschaft der Nationalsozialisten ihre Grenzen geschlossen haben, nutzten einige Juden eine administrative Lücke im Fernen Osten. Nach einer langen Schiffsreise angekommen fanden sich viele der Exilanten in dem Elendsviertel Hongkou wieder, das, wie Schomann beschreibt: „ein Moloch am anderen Ende der Welt, Gangsterstadt und Sündenpfuhl zugleich“ sei. Provisorische Unterkünfte inmitten von Ruinen, extreme Klimaverhältnisse und katastrophale hygienische Bedingungen verstärken diesen Eindruck und verbanden diesen Rettungsort mit einem harten Überlebenskampf. In kürzester Zeit beginnt das Viertel sich zu wandeln, europäische Architektur prägt das Stadtbild, Wiener Cafés mit kostspieligem Apfelstrudel und Schokolade aus Hilfspaketen bringen die entfernte Heimat etwas näher. „Ein chinesisches Schtetl“, wie Schomann es nennt.

Nur zaghaft haben Einheimische und Migranten Kontakte untereinander, zu groß sind die eigenen Sorgen und die kulturellen Unterschiede. Doch genau diese Umstände vereinen den Wiener Juden Robert Reuven Sokal und die Chinesin Julie Chenchu Yang. Eine Liebesgeschichte voller Dramatik und Abenteuern beginnt. Julie kommt aus einer großen und betuchten Arztfamilie, die den Ausländer Robert äußerst kritisch begutachten und sich gegen die Verbindung aussprechen. Doch trotz aller Widrigkeiten heiraten die Beiden und finden zusammen eine neue Heimat- in den USA. Viele der Emigranten folgen Ihnen, 1949 verließen sie Shanghai um nach Israel, den USA, oder vereinzelt auch zurück in die Heimat zu gehen. Zurück blieb aber der ehemalige Nachbar Herr Wang und erzählte unermüdlich die Geschichten.

Die historisch authentischen Bauten in Hongkou weichen heute zunehmend den modernen Wolkenkratzern und der „Spagat zwischen Gegenwart und Historie“ wird immer breiter. Und Herr Wang, der alteingesessene Chinese, den man immer rief, wenn Touristen nach den unglaublichen Geschichten des Shanghaier Schtetls fragten, ist nun auch gestorben.

Bereitgestellt von

Bildungsforum Berlin

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

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erscheinungsort

Berlin Deutschland