Veranstaltungsberichte

Labor der Moderne und Krisenszenario

von Andre Kagelmann, Vytene Muschick

Die Konrad-Adenauer-Stiftung tagt mit europäischen Germanisten über die Weimarer Medienrepublik

Innovationsquelle und Experimentallabor der Moderne oder zwischen Rechts und Links zerriebene Demokratiebaustelle: Der Blick auf die Weimarer Republik ist lange Zeit von 1933 aus, vom Scheitern der Demokratie und der Machtübernahme der Nationalsozialisten geprägt worden. Es geht aber auch anders als gemeinhin üblich. So versuchten die aus zwölf europäischen Ländern zusammengekommenen Germanistinn/en auf der diesjährigen Berliner Europatagung der Konrad-Adenauer-Stiftung die Geschichte der Weimarer Republik nicht nur von ihrem Ende her zu denken, sondern auch von ihrer Offenheit aus.

Es ging also um die Möglichkeiten und Chancen der jungen, aus dem verlorenen Krieg entstandenen Mediendemokratie, um ihre Risiken und Gefährdungen. Dabei standen neben dem historisch-gesellschaftlichen Kontext, neben der Bedeutung des Ersten Weltkriegs für das Entstehen und Zerfallen der Weimarer Republik auch grundsätzliche Fragen im Mittelpunkt: nach dem Verhältnis von Kunst und Politik, nach der Bedeutung von Autorschaft, nach dem Verhältnis von Fakten und Fiktionalität, Masse und Individuum sowie nach der Entstehung der Populärkultur.

Nach einem Grußwort von Dr. Susanna Schmidt, der Leiterin Begabtenförderung und Kultur der KAS und einer Einführung von Prof. Dr. Michael Braun, dem Leiter des Referats Literatur, sprachen Prof. Dr. Sabina Becker (Freiburg) und Prof. Dr. Helmuth Kiesel (Heidelberg) auf dem Podium über die Weimarer Medienrepublik als Krisenzeit und Zukunftswerkstatt. Sie vermittelten einen luziden Eindruck von der Mannigfaltigkeit dieser Epoche in ihrer politischen, sozial-gesellschaftlichen und eben auch ästhetischen Spektralität, und zwar sowohl im Kontext der Krisen der umgebenden europäischen Länder, der rasanten Urbanisierung der Städte, dem Aufblühen der neuen Medien sowie der ökonomischen Verwerfungen der Zeit. Dem Publikum wurden zwei aktuelle Forschungsergebnisse zu diesem Thema vorgestellt: der 2017 im C.H. Beck Verlag erschienene Band „Geschichte der deutschsprachigen Literatur von 1918 bis 1933“ von Helmuth Kiesel und der im Oktober 2018 bei wbg Academic erscheinende Band von Sabina Becker „Experiment Weimar: Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918-1933“.

Die Sicht von außen

Die erste Tagungssektion, die drei zwischen Germanophilie und -phobie oszillierende europäische Perspektiven auf die Weimarer Republik entwarf, wurde eröffnet mit dem Vortrag von Prof. Dr. Frank Finlay (Leeds), der Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933“ in den Blick nahm. Mit der Devise “History does not repeat, but it does instruct” (Timothy Snyder) betonte Finlay nicht nur die diagnostische, sondern auch die prognostische Hellsichtigkeit der Aufzeichnungen Haffners, der immer wieder Alltagsphänomene, in denen sich psychologische Zeitströmungen manifestierten, analysierte und seinem Publikum Geschichte als erzählte Literatur darbot. Dazu gehöre insbesondere das von Haffner schon früh reflektierte Entstehen eines ‚braunen Idioms‘, einer Sprache der Unmenschlichkeit, die zusehends in die Anschauungen immer größerer Teile der Gesellschaft der Weimarer Republik einsickerte und das politisch-soziale Klima vergiftete.

Im Anschluss daran stellte Prof. Dr. Peter Hanenberg (Lissabon) den portugiesischen Schriftsteller Aquilino Ribeiro vor. Dessen Reisebericht aus dem Nachkriegsdeutschland des Jahres 1920, der 1935 unter dem Titel „Alemanha ensanguentada“ veröffentlicht wurde (deutsch 1997 u.d.T. „Deutschland 1920“), ist die poetische aufgeladene Autopsie einer vom ökonomischen und moralischen Verfall gezeichneten Gesellschaft. Dabei verstand Ribeiro den Krieg nicht im Geist Heraklits als Vater aller Dinge, sondern betrachtete ihn als Vater eines neuen Krieges, den er, angesichts der von ihm beschriebenen Lage Deutschlands, geradezu mit Notwendigkeit kommen fürchtete.

Zum Abschluss der Sektion perspektivierte Prof. Dr. Christoph Parry (Vaasa) die Weimarer Republik aus der Sicht finnischer Zeitgenossen. Überraschend war, insbesondere vor dem Hintergrund der vorangegangenen Vorträge, die positive Perspektivierung des Untersuchungszeitraums, geprägt durch die eigenen, von einem zwar kurzem, aber brutalen Bürgerkrieg nach der Unabhängigkeit von Russland (1917) geprägten Erfahrungen. In der Folge entwickelte Parry ein Panorama literarischer Strömungen der Zeit, dass er dann auf die Reiseberichte von Olavi Paavolainen engführte, der Berlin 1930, also in einem Abstand von nur zehn Jahren zu Ribeiro, als „Europas modernste Stadt“ bezeichnete.

Wie alles begann

Die zweite Tagungssektion wurde eröffnet von einem fulminanten Vortrag von Prof. Dr. Oliver Jahraus (München), der an den Beispielen von Alfred Döblin und Theodor Plievier das Schreiben in und über die Republik – unter dem Topos der Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens – illlustrierte. Dabei ging es nicht nur um die Frage, wie Geschichte konstruiert wird, sondern auch um die narrativen Muster des Erzählens von Geschichte(n). Plieviers Zugriff charakterisierte Jahraus als phänomengebundene Darstellung kontingenter Situationsfragmente, die auf übergreifende Sinnzusammenhänge verzichte. Im Gegensatz dazu konturierte er Döblins Roman-Tetralogie „November 1918“ als Werk eines Dichters, der zumindest unter seinen Romanfiguren Zusammenhänge stifte, die über die prinzipielle Offenheit der Situation hinausgehen.

Daran anschließend deutete Prof. Dr. Vahidin Preljevic (Sarajevo) den Typus des historischen Romans zunächst grundlegend als literarischen Antwortversuch auf politisch-gesellschaftliche Umbruchsituationen. Im Anschluss an eine Poetik der Stelle, einem close reading einer Passage aus der Einleitung von Musils Riesenfragment „Der Mann ohne Eigenschaften“, deren Unfallmotiv er als Deutungsmuster für den Ersten Weltkrieg las, nahm Preljevic das Œuvre des weitgehend vergessenen Schriftstellers Ernst Sommer in den Blick, fokussiert auf seine beiden großen historischen Romane „Die Templer“ (1935) und „Botschaft aus Granada“ (1937).

Den dritten und letzten Beitrag der Sektion bildete der Vortrag von Prof. Dr. Stefan Neuhaus (Koblenz-Landau), der die Weimarer Republik nicht (primär) als scheiterndes Demokratieexperiment, sondern als Laboratorium der Medien(post)moderne deutete und Veränderungen in Literaturbetrieb und Literatur nachspürte. Dabei sah er im Anschluss an Foucault die Moderne als Zeitraum der Entfesselung zuvor eingehegter psychologischer Potenziale, die das Spektrum des Ästhetischen erweiterten. Dies illustrierte er anhand so unterschiedlicher Autoren und Genres wie Ernst Tollers Hörspiele, Egon Erwin Kischs Reportagen, Bertold Brechts „Hauspostille“, Fritz Langs und Thea von Harbous „Metropolis“, Kurt Tucholskys Text-Bild-Collage „Deutschland, Deutschland über alles“, Erich Kästners „Emil und die Detektive“ oder Werner Finks Kabarettsketchen.

Medienpluralismus

Die abschließende dritte Sektion der Tagung widmete sich dem Thema ‚Medienpluralismus‘ in der Weimarer Republik und wurde mit dem Vortrag von Prof. Dr. Franz-Josef Deiters (Melbourne) über das Theater als Agens politischer Aktion bei Erwin Piscator eröffnet. Im Focus seiner Ausführungen standen dabei nicht die ästhetischen Innovationen Piscators, sondern der ‚Turn‘ zu einem revolutionären Theater, das durch Dokumentation bzw. Agitation eben nicht auf eine ästhetische, sondern auf eine politische Erziehung des Publikums/der Massen im Sinn des Kommunismus zielte. Dabei entwickelte sich die multimediale Revue zur privilegierten Form des politischen Theaters, bei der der Schauspieler in Konkurrenz mit ‚anderen‘ Medien auf der Piscator-Bühne spielte und bei der der (politisch-klassenkämpferische) Regisseur zum (kommunistischen) Funktionär wurde. Damit verbunden wurde der Dramentext zum (privilegierten) „Beauftragten der Bühne“, der den Anforderungen des Theaterkollektivs, das, als ‚vorletzte Instanz‘, ‚nur‘ von der Autorität der Partei abgehangen habe. Allerdings sei dieses Konzept, in Anbetracht der realen Zuschauerzahlen, als eine (ästhetisch oft herausragende) Simulation von Revolution zu bewerten, die kaum reale Wirkungen gezeitigt habe. Am Ende dieses Vortrags entfachte sich eine lebhafte Diskussion darüber, wie Piscators avantgardistische Entwicklung der Theaterperformance zu bewerten sei. Immerhin habe er, so wurde gesagt, die Berliner Volksbühne zu einem (auch technisch gesehen) der modernsten Theaterhäuser ausgebaut, mit immerhin 1400 festen Abonnements.

In seinem mit dem Titel „Revolutionärer als die russische Revolution“ überschriebenen Vortrag nahm Prof. Dr. Bogdan Mirtschev (Sofia) den Rundfunk als Kulturfaktor in den Blick, der sich Mitte der zwanziger Jahre paneuropäisch explosionsartig und – also noch vor dem (Ton-)Film – zum Massenmedium entwickelte. Das ermöglichte eine journalistische Aktualitätswende, Reportagen und Berichte suggerierten Gleichzeitigkeit mit den Ereignissen, von denen sie berichteten, was in den Worten McLuhans zum Entstehen eines „global village“ geführt habe. ‚Der Rundfunk‘ bot zudem nicht nur einen ungeheuren Echoraum für Artefakte der Hochkultur, sondern beförderte auch neue Gattungen (wie das Hörspiel) auf die Weltbühne; diskursiv freilich auch verbunden mit dem Topos des kulturellen Niedergangs. Andererseits stellte die massenhafte Verbreitung des Rundfunks einen propagandistischen Fortschritt dar, den sich bekanntlich insbesondere die Nationalsozialisten zunutze machten.

Der letzte Vortrag der Tagung, gehalten von Prof. Dr. Simona Leonardi (Neapel), sensibilisierte für Klang und Kinetik in frühen deutschsprachigen Comics ab in etwa Mitte der 1920er und der frühen 30er Jahre, unter anderem am Beispiel von in Kinderzeitschriften wie „Schmetterling“, „Kiebitz“, „Papagei“ oder „Dideldum“ veröffentlichten Werken. Den Comic kennzeichnete sie dabei, der neuen Forschung entsprechend, als semantisch komplexe Form, was sie anhand der Analyse von parasprachlichen Elementen wie Interpunktionszeichen, sound words und der doppelten sprachlichen Codierung (Figurendialoge und Erzählerkommentare) im Vergleich zu den graphischen Gestaltungselementen (durch beispielsweise Bewegungslinien) belegte. Zudem spürte sie ‚Einflüssen der Moderne‘ aus dem medialen Kontext auf die Comics nach, die sie in Bezug auf Radio, Photographie und Film herstellte.

Gerahmt wurde die Tagung u.a. von der Vorführung von Phil Jutzis Döblin-Adaption „Berlin Alexanderplatz“ (Deutschland 1931), dem Besuch der Ausstellung „Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir“ in der Alten Nationalgalerie sowie einer Podiumsdiskussion mit Studierenden, die unter der Überschrift „Weimar, Anfang und Ende“ stand. Gerade hier wurde nochmals der Einfluss der massenmedialen Revolutionen aus den gerne als Golden Twenties bezeichneten 1920er Jahren auf die heutige Kultur der sozialen Medien betrachtet, auch aus kritischer Sicht.

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Über diese Reihe

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erscheinungsort

Berlin Deutschland