Veranstaltungsberichte

Lektion gelernt

Adenauer-Stiftung und "Christ&Welt" in der ZEIT luden zum Weltkriegsgedenken
Dieses Buch sei ein Phänomen, sein Urheber ein Bestseller-Autor, seine Thesen bahnbrechend – an Superlativen mangelte es bei der Soirée im Bonner Haus der Geschichte nicht. Zum zehnten Mal hatten die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und „Christ&Welt“ in der ZEIT - diesmal in Kooperation mit dem Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - zu einer gemeinsamen Veranstaltung der Reihe „Literatur & Verantwortung“ geladen. Im Gedenkjahr an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren drängte sich das Thema des Abends geradezu auf: „Kein Sieg könnte da trösten". Der Krieg und wir.

Als Hauptredner trat der in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark auf. Sein Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“, das 2013 in deutscher Übersetzung erschienen war, hatte in Deutschland für neue Kontroversen über die Ursachen des Krieges gesorgt. Kritiker warfen Clark vor, den Anteil Deutschlands am Kriegsausbruch zu relativieren; der im Juli verstorbene Historiker Hans-Ulrich Wehler etwa sah in dem Verkaufserfolg des Buches in Deutschland einen Beleg für das „Bedürfnis, sich von Schuldvorwürfen zu befreien“.

Den deutschen Blick auf die Vergangenheit

Andere Forscher würdigen die akribische Forschungsarbeit des gebürtigen Australiers Clark, so auch der Vertreter des Präsidenten der Stiftung Haus der Geschichte, Professor Harald Biermann. In seinem Grußwort sagte er, Clarks Buch habe den deutschen Blick auf die Vergangenheit verändert. Lange habe der Zweite Weltkrieg so im Mittelpunkt des Interesses gestanden, dass der Erste Weltkrieg dadurch untergegangen sei. „Dass das heute nicht mehr so ist, ist das Verdienst von Christopher Clark“, betonte Biermann.

Den Wert der Erinnerungskultur betonte auch KAS-Vorsitzender Dr. Hans-Gert Pöttering. Die Folgen des Krieges wirkten bis in die Gegenwart fort, betonte der ehemalige Präsident des Europaparlaments. Die 15 Millionen Todesopfer des Krieges dürften nicht vergessen werden. Nicht zuletzt ein Blick auf den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zeige auf erschreckende Weise, wie sehr die historische Entwicklung seit dem Ersten Weltkrieg auch heutige Krisen präge, führte Pöttering aus. Dass Clark nicht wie viele Forscher vor ihm ergründe, warum es zum Krieg gekommen sei, sondern den Fokus auf das Wie lege, sei ein besonderes Verdienst.

Wie er zu diesem Schwerpunkt gekommen ist, erläuterte der Gast selbst. Kollegen hätten ihm von einer Untersuchung des Ersten Weltkriegs abgeraten, erzählte er in fließendem Deutsch: „Das sei doch bis zum Erbrechen erforscht, sagten sie. Und ja, die Debatte um die Entstehung des Krieges ist älter als der Krieg selbst.“ Die dennoch anhaltende Begeisterung für sein Thema klang bei Clark in vielen Anmerkungen durch: „Die Debatte mag alt sein, das zugrunde liegende Problem aber ist heute frischer als vor einigen Jahrzehnten.“ Selbstmordattentäter etwa seien nach dem 11. September 2001 keine unvorstellbaren Figuren mehr. „Die rohe Gewalt eines Ereignisses darf nicht außer Acht gelassen werden“, betonte Clark. Bislang habe sich ein Großteil der Forschung zu sehr auf die Analyse von Strukturen beschränkt. Ihm sei es ein Anliegen, Ereignisse und Strukturen in ihrer Wechselwirkung zu betrachten.

In seinem Buch hat der Historiker nicht nur bekannte Ereignisse wie das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 aufgegriffen. Auch vergessene, wie er sie nennt, „querliegende“ Ereignisse haben seinen Untersuchungen zufolge eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des Krieges gespielt. Als erste Aggression bezeichnet er den Krieg zwischen Italien und Libyen, als wesentliche Bedingung für das Krisenszenario die Bereitschaft des russisch-französischen Bündnisses, einen Krieg auf dem Balkan in Kauf zu nehmen.

"Bellizismus nicht kleinreden, der damals in Deutschland herrschte"

Auf Kritik an dieser Neuverteilung der Kriegsverantwortung ging Clark im Haus der Geschichte ebenfalls ein. „Ich will den Bellizismus nicht kleinreden, der damals in Deutschland herrschte.“ Doch die Irrwege der deutschen Vorkriegspolitik müssten in ein Gesamtgefüge eingepasst werden. „Ausschlaggebend für die Komplexität der Krise waren einerseits die raschen Veränderungen im System, andererseits die rohe Gewalt, wie wir sie derzeit wieder erleben.“ Mit Blick auf die Ukraine-Krise sagte er, immer neue dramatische Szenarien stellten die Politik auch heute vor immer neue Herausforderungen. Verschiebungen durch neuere zeitgeschichtliche Ereignisse drängten indes die Wissenschaft, die Geschichtsschreibung immer wieder mit einem frischen Blick zu betrachten und zu hinterfragen.

Ob britische Kollegen eigentlich auch immer die Schuldfrage stellen würden, wollte die Moderatorin, „Christ&Welt“-Leiterin Christiane Florin, von dem Historiker wissen. Tatsächlich beschäftige dieses Thema vor allem die Deutschen, so Clark: „In Frankreich ist das kein Thema, in England nur selten.“ Er warnte davor, dass eine schuldorientierte Geschichtsschreibung den Blick verengen könnte. „Wenn man beweisen möchte, dass ein einzelner Bösewicht einen komplexen Kriegsplan hatte wie in einem James-Bond-Film, dann wird es konspirativ“, sagte der Forscher. Ihm gehe es darum, die Komplexität der Entstehung eines Krieges ernst zu nehmen.

Trotz des ernsten Themas gab es immer wieder Lacher, etwa bei augenzwinkernden Seitenhieben der Bonner auf die Hauptstadt Berlin oder bei Anspielungen des Cambridge-Dozenten auf die Konkurrenz zwischen seiner Universität und Oxford. Für eine emotionale Annäherung an die Kriegsjahre sorgte ein Künstler-Trio. „Kaum eine Katastrophe ist so umfangreich dokumentiert“, erklärte der Leiter des KAS-Literaturreferats, Professor Michael Braun. 28 Milliarden Feldpostbriefe und allein 50.000 Gedichte, die im ersten Kriegsmonat veröffentlicht worden seien, zeigten, dieser Krieg habe der Worte bedurft. Das demonstrierten die Sängerin Franziska Böhm, der Schauspieler Björn Geske und der Pianist Burkhard Niggemeier eindrucksvoll. Ihren unheilvollen historischen Liedern, herzzerreißenden Rezitationen von Abschiedsbriefen aus dem Schützengraben und zeitgenössischen satirischen Darstellungen der Kriegswirren lauschten die Zuhörer mucksmäuschenstill.

Der holzgetäfelte Veranstaltungssaal im Haus der Geschichte hatte indes nicht alle aufnehmen können; das Bühnenprogramm wurde für mehrere Schulklassen aus Bonn und Düren per Livestream ins Foyer übertragen. Sowohl Clark als auch Pöttering erwähnten diese Gäste ausdrücklich: Es sei etwas Besonderes, dass junge Menschen ein solches Interesse an Geschichte zeigten, so Pöttering. Clark dankte den Schülern für ihre teils kritischen Fragen, die sie ihm im Vorfeld der Veranstaltung hatten stellen können. Eine Frage treibe ihn selbst immer wieder um, so der Historiker: ob die Menschen aus der Geschichte lernen könnten. Seiner Einschätzung nach seien die Menschen in den vergangenen 100 Jahren nicht unbedingt klüger geworden. Dass sie jedoch Strukturen wie die Europäische Union aufgebaut hätten, zeige, dass sie eine Lektion aus den zwei Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts gelernt hätten.

Die Autorin Paula Konersmann ist Altstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie war ERASMUS-Stipendiatin an der Sorbonne IV, Paris, und arbeitet derzeit als Redakteurin bei der Katholischen Nachrichten-Agentur.

Über diese Reihe

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