Veranstaltungsberichte

Sonnenpferde des Schicksals

von Kay Wolfinger
Die Konrad-Adenauer-Stiftung verleiht den Literaturpreis 2013 an Martin Mosebach
Ende Juni, auf einem der Hügel bei Weimar, im Musikgymnasium unmittelbar neben Schloss Belvedere: Martin Mosebach erhält den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2013. Es ist ein mittlerweile renommierter Preis, mit dem in den vergangenen Jahren Größen wie Cees Nooteboom (2010), Uwe Tellkamp (2009) und vor allem Herta Müller (2004) ausgezeichnet wurden. Sarah Kirsch, die erste Preisträgerin (1993), kürzlich erst verstorben, hatte sich Weimar als Verleihungsort gewünscht.

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Schon ab 10 Uhr morgens herrschte großer Andrang, festlich gekleidete Menschen, ein bürgerliches Publikum, wie man es sich zum Teil entstiegen aus Mosebachs letztem Roman "Was davor geschah" vorstellen könnte. Über was würde Mosebach in seiner Preisrede sprechen? Seine Büchner-Preisrede im Jahr 2007 hatte eine hitzige Debatte in den Feuilletons ausgelöst, und was das Aufbrechen verkrusteter Strukturen betrifft, ist kaum jemand so treffsicher wie der Formwahrer und Formsprenger Martin Mosebach, der – obwohl viele es versuchen – von keinem Lager beansprucht werden kann, denn schon in dem Moment, wo man dies tut, zerschlägt er einem die Kategorisierungen wieder unter den Händen, dieser Avantgardist der Literatur, der zugleich „katholisch, konservativ, ästhetizistisch“ (Detering) ist.

Die Weltneugier des Ultramontanen

Dr. Hans-Gerd Pöttering MdEP, Präsident des Europäischen Parlaments a.D. und Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, hob an Mosebachs Literatur das Eintreten für die freiheitlichen demokratischen Werte hervor. Auch die Ansprache der thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht zeugte von kenntnisreicher Mosebach-Lektüre. Sie bezeichnete Mosebachs Romane als Kunstwerke, bei denen nach Gadamer das „Neue ins Dasein“ trete.

Der Laudator Prof. Dr. Heinrich Detering, Literaturwissenschaftler an der Universität Göttingen und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ging von Mosebachs Weltneugier aus: „Martin Mosebachs weltoffene Erzählungen, die Romane wie die Reportagen, gewinnen ihre Kraft aus einer stupenden Fähigkeit der teilnehmenden Beobachtung. Ihre Anschaulichkeit aber und ihre intellektuelle Erkenntnislust ergeben sich eigentlich erst aus der zweiten, entgegengesetzten Haltung: einem Abstand, der den Erzählungen noch des hitzigsten Geschehens eine leichte, präzise Eleganz gibt.“

In seiner Dankesrede bezog sich Martin Mosebach auf die für die deutsche Kulturgeschichte wichtigste Reise, jene „ominöse Reise“ Goethes 1775 von Frankfurt nach Weimar. Unter diesen Auspizien wurde die Preisrede zu einer ironisch gewürzten Reflexion über seine eigene Heimatstadt Frankfurt und über Weimar. Mosebach zufolge legt das Frankfurt Goethes ungleich mehr Gewicht auf die ästhetische Waage seiner Epoche als das moderne Frankfurt. In diesen Städtebildern steckt auch eine kleine Poetik seines Werks: Denn das real existierende Frankfurt verwendet der Schriftsteller als Milieu in seinen Romanen – und macht es in seinen Texten zum schönsten Ort der Welt. Weimar hingegen wäre, von seiner städtischen Schönheit her, ein für Mosebach nahezu vollkommener Aufenthaltsort, wenngleich es, mit einem Augenzwinkern ausgedrückt, auch eine Geisterstadt sei, „ein in der Geschichte der Totenkulte einzigartiger Spezialfall von Grabkammern voller Hausrat der Toten, die zur Besichtigung frei gegeben sind.“

„Das Ziel der Kunst ist die Schönheit“, so zitierte die Einladungskarte der Stiftung zur Preisverleihung aus Mosebachs Aufsatz Der Künstler als Unperson, enthalten im Essayband Als das Reisen noch geholfen hat, der ursprünglich aus einem Band für den Philosophen Robert Spaemann stammt. Dieses Streben nach einer Art Vollkommenheit kann man an Mosebachs Texten bewundern.

P.S. Der vom Ehren-Vorsitzenden der Stiftung, Ministerpräsident a.D. Prof. Dr. Bernhard Vogel, 1993 ins Leben gerufene Literaturpreis der KAS ist ein weiterer Schritt, der Mosebachs Bedeutung in der deutschen Literatur unterstreicht. Mosebachs Freude über diesen Preis ist groß, denn ein Literaturpreis sei – so sagte er im Exklusivinterview – immer auch ein „Preis von Lesern“, also ein Zeichen der Aufmerksamkeit. Mosebachs große und immer noch zu wenig gelesene Werke wie der Frankfurt-Roman "Westend" (1992) und präzise novellistische Erzählstücke wie "Der Mond und das Mädchen" (2007) werden so erneut dem Lesepublikum ans Herz gelegt. Gerade aber auch seine Essays über die Rolle des Künstlers sind ungemein weitsichtig, lehrreich und – das belegte seine Preisrede aufs Neue – amüsant. Und das obwohl, wie Mosebach in seiner Preisrede mit einem Bild Goethes unterstrich, die Sonnenpferde der Fügung seinen Schicksalswagen nicht von Frankfurt fortgezogen haben wie bei der historischen Lebensreise Goethes. Aber auch ein Ausflug nach Weimar zur Entgegennahme eines Preises kann doch als ferner Wink der Sonnenpferde des Schicksals gesehen werden.

Kay Wolfinger ist Stipendiat in der Promotionsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung und arbeitet an einem Dissertationsprojekt an der LMU München.

Über diese Reihe

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