Veranstaltungsberichte

Weiße Flecken auf der Karte der deutsch-polnischen Geschichte

von Constanze Brinckmann

Eröffnung der Ausstellung „Vertriebene 1939…“ in der Akademie

Zum ersten Mal wird die Ausstellung "Vertriebene 1939..." über die Vertreibung von mehreren Hunderttausenden Menschen aus den westlichen Gebieten Polens durch die Nationalsozialisten in Deutschland präsentiert. Gezeigt werden neben zahlreichen Fotos auch historischen Dokumente, Briefe und Videointerviews mit Zeitzeugen. „Die Ausstellung zeigt, wie wichtig die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte ist“, sagt der stellvertretende Leiter der Akademie bei der Ausstellungseröffnung in Berlin.

Bisher haben sich nur wenige historische Ausstellungen mit dem Schicksal der Menschen, die nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf das Nachbarland Polen gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben wurden, beschäftigt. Dabei mussten insgesamt mehr als 1,5 Millionen polnische Bürger im Rahmen der Eingliederungen des polnischen Territoriums ins Deutsche Reich ihre Wohnungen, Häuser und Höfe verlassen. Prof. Andrzej Przyłębski, Botschafter der Republik Polen, erinnert bei seinem Grußwort anlässlich der Ausstellungseröffnung „Vertriebene 1939…“ auch daran, dass die Menschen nicht nur ihr Zuhause und ihr ganzes Hab und Gut verloren, sondern dass die gewaltsamen Zwangsumsiedlung auch mit Inhaftierungen und Ermordung tausender Menschen einherging. Przyłębski fordert von der Gesellschaft und der Politik mehr „Respekt vor Traditionen und Kulturen“ damit sich die Fehler der Vergangenheit nicht mehr wiederholen können. Eine zentrale Lehre müsse aus diesem dunklen Kapitel der deutsch-polnischen Geschichte gezogen werden: „Die Vertreibung einer Menschengruppe aus einem bestimmten Gebiet ist moralisch unzulässig und muss rechtlich verfolgt werden“, so der Botschafter der Republik Polen.

Prof. Dr. Hans Henning Hahn, Historiker an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Autor des Buches „Die Vertreibung im deutschen Erinnern“, liefert im Anschluss an das Grußwort den historischen Rahmen der Ausstellung und verweist auf die mehr als tausendjährige Beziehungsgeschichte zwischen Deutschland und Polen, die weitestgehend friedlich geprägt war. Hahn betont weiterhin, dass Geschichte und Erinnerung nicht deckungsgleich seien. „Jede Gesellschaft in Europa hat den Krieg anders erlebt und erinnert sich anders“, so der Historiker. Während einige Historiker der Meinung sind, dass man die Begriffe Vertreibung, Flucht, Zwangsumsiedlung oder Deportation unterschiedliche Bedeutungen haben, betont Hahn, dass auch die Millionen Flüchtlinge aus Syrien und anderen Krisengebieten ihre Heimat nicht freiwillig verließen, sondern aufgrund von humanitären Katastrophen wie z.B. Kriege, Verfolgung oder Naturkatastrophen dazu gezwungen seien. „Ich bin heute froh, Bürger eines Landes zu sein, das von einer Frau regiert wird, die den humanitären Umgang zur Priorität erklärt hat“, so Hans Henning Hahn abschließend.

Der Kurator der Ausstellung Dr. Jacek Kubiak hat während seiner Arbeit an der Ausstellung „Vertriebene 1939…“ mit etlichen Zeitzeugen gesprochen. Nach anfänglicher Zurückhaltung meldeten sich bei Kubiak und seinem Team immer mehr Menschen, um über ihre Erinnerungen zu sprechen. Viele von ihnen brachten Erinnerungsstücke, Briefe oder Fotos mit. „Keiner hat ihnen bisher die Gelegenheit gegeben, ihre Geschichte zu erzählen“, sagt der Journalist und Filmemacher. Das Thema der Vertreibung der polnischen Bevölkerung sei lange Zeit nicht aufgegriffen worden, da es in der Wahrnehmung der Menschen von den Gräueltaten während des Holocaust überschattet wurde. Das Verlangen danach, dieses Kapitel der deutsch-polnischen Geschichte aufzuarbeiten, sei jedoch noch immer groß, so Kubiak. Ergebnis der umfangreichen Recherche von Jacek Kubiak und seinen Mitarbeitern ist die Ausstellung „Vertriebene 1939…“ mit insgesamt mehr als 200 historischen Fotos und Dokumenten.

Träger der Ausstellung sind neben dem Institut für Nationales Gedenken der Polnische Städtebund. Weitere Partner: Außenministerium der Republik Polen, die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, das Zentrum fuer Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften, die Regionen Wielkopolska und Poznan sowie das Wielkopolskie Muzeum Niepodległości.

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. Oktober 2016 in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Tiergartenstraße zu sehen.

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

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erscheinungsort

Berlin Deutschland