Beckerath, Erwin Emil von

geb. am 31.07.1889, gest. am 23.11.1964

Parlamentarischer RatWestbindungSoziale MarktwirtschaftBilaterale BeziehungenEuropapolitikWiedervereinigung

Von Beckeraths Lebens- und Berufsweg prägten drei historische Epochen: die letzten Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg, die Zwischenkriegsphase und die Jahre der Entstehung eines neuen staatlichen Gemeinwesens und der Sozialen Marktwirtschaft im (westlichen) Nachkriegsdeutschland. Aufgewachsen als Sohn einer der großen mennonitischen Kaufmannsfamilien Krefelds entfalteten sich bei seinem Doktorvater Gustav von Schmoller seine historisch-politischen, volkswirtschaftlichen und soziologischen Interessen. Unter dem Einfluss der Schriften des Finanz- und Verkehrswissenschaftlers Emil Sax öffnete sich von Beckerath noch während der Kriegsjahre der Logik und Klarheit der Wiener Grenznutzenschule (subjektive Wertlehre). Er lehrte sie von nun an in unnachahmlicher Ausdrucksweise, vertieft durch Bezüge auf die großen nationalökonomischen Denker aller Schulen. Durch seine langjährige Funktion als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats (1948-1964) hatte er maßgeblichen Anteil an der Umsetzung des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft.

Nach 1945 setzte sich von Beckerath zunehmend mit der durch John Maynard Keynes in den 30er Jahren entwickelten Makroökonomik auseinander und erkannte deren Möglichkeiten für die Wirtschaftspolitik (Keynesianismus). Über das, was die Gestaltung einer freiheitlichen Nachkriegsordnung erforderte, hatte er in den Jahrzehnten zuvor sehr konkrete Vorstellungen gewonnen. Mit dem Ersten Weltkrieg zerbrach die alte, im Wiener Kongress von 1815 festgelegte politische Ordnung Europas und das freihändlerische Weltwirtschaftssystem mit dem Goldstandard. Wie viele andere fragte sich von Beckerath, wie aus Chaos wieder eine gegliederte Ordnung entstehen könne. Er befasste sich mit den großen politischen Denkern – von Machiavelli über Tocqueville und Marx bis Max Weber, Bergson, Lenin, Sorel, Mosca und Robert Michels –, vor allem aber mit Vilfredo Pareto und seiner Lehre von den logischen und alogischen Handlungen sowie der „Elitenzirkulation“. Von Beckerath analysierte den Faschismus, der sich in Italien mit dem „Stato Corporativo“ als eine potenzielle, wenngleich diktatorische Ordnungskraft für Gesellschaft und Wirtschaft anbot, doch sich schon bald aus systemeigenen Gründen, in den 30er Jahren zudem noch geprägt durch den verhängnisvollen Pakt Mussolinis mit Hitler, zu einem der totalitären Systeme Europas im 20. Jahrhundert entwickelte.

Nachgedacht über Zustand und Zukunft des in einen Weltkrieg verstrickten, nationalsozialistischen Deutschlands wurde in der „Arbeitsgemeinschaft Erwin von Beckerath“. Sie hatte sich im März 1943 auf gleichsam privater Basis konstituiert, nachdem die Klasse IV der Akademie für Deutsches Recht durch die misstrauisch gewordene Reichsregierung geschlossen worden war. Jens Jessen, der nach dem Hitler-Attentat 1944 hingerichtet wurde, hatte versucht, in der „Arbeitsgemeinschaft Volkswirtschaftslehre“ der Klasse IV unter dem Vorsitz von Beckeraths die nach der Auflösung des Vereins für Socialpolitik (1936) heimatlos gewordenen Nationalökonomen zu sammeln. Die Arbeitsgemeinschaft (AG) Erwin von Beckerath nahm sich vor, „die Grundlinien einer Übergangswirtschaft aus dem Krieg in den Frieden und die Gestaltung einer neuen Wirtschaftsordnung nach dem Zusammenbruch des Regimes“ zu erarbeiten. Die schon weit gediehenen Vorarbeiten der AG – heute als einer der Freiburger Widerstandskreise angesehen – endeten abrupt mit dem Hitler-Attentat 1944.

Nach dem Kriege sollte die Arbeitsgemeinschaft neu belebt werden, als am 24. Januar 1948 von der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebietes (Zweizonenwirtschaftsamt) auf Betreiben Ludwig Erhards ein wissenschaftlicher Beirat eingerichtet wurde. Von den Gründungsmitgliedern hatten Eucken, Böhm, Lampe, Preiser, Wessels und von Beckerath – schon bald zum Vorsitzenden gewählt – bereits der AG Erwin von Beckerath angehört. Diese hatte im Beirat den genuinen Nachfolger gefunden. Der wissenschaftliche Beirat, nach der Gründung der Bundesrepublik dem Bundesministerium für Wirtschaft zugeordnet, war für viele Jahre das unangefochtene Modell für die Organisation einer unabhängigen wissenschaftlichen Beratung der Politik im neuen Deutschland. Er begleitete und inspirierte mit seinen Gutachten das Werden der Sozialen Marktwirtschaft. Von Beckerath blieb Vorsitzender bis zu seinem Tode im November des Jahres 1964.

Nach seiner Emeritierung in Bonn lehrte von Beckerath in Basel, geholt von Edgar Salin, mit dem er sich seit der Gründung der List-Gesellschaft im Jahre 1924 eng verbunden fühlte. An deren Neugründung nach dem Kriege (Juni 1955) war er ebenso beteiligt wie an der Wiederbelebung des Vereins für Socialpolitik (16. September 1948). Von seinen dogmen- und methodengeschichtlichen Arbeiten gelten die biographischen Beiträge als Kabinettstücke wissenschaftlicher Gelehrtenwürdigung. Sehr beachtet werden heute noch seine Abhandlungen zur Theorie der Wirtschaftspolitik und seine politikwissenschaftlichen Studien.

Wissenschaftlicher und beruflicher Werdegang:

Studium der Geschichte in Freiburg i. Br. und zudem der Nationalökonomie in Berlin. Am 18. März 1912 Promotion an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin zum Dr. phil.; von Juli 1913 bis Februar 1915 wiss. Hilfskraft am volkswirtschaftlichen Seminar der Univ. Leipzig; von Febr. 1915 bis Jan. 1916 Militärdienst, anschließend sächsischer Prinzenerzieher mit Offiziersrang; von Jan. 1916 bis März 1917 Hilfsarbeiter des Berliner Ministeriums für öffentliche Arbeiten in Bremen; März 1917 Assistent am Lehrstuhl Stieda Univ. Leipzig; am 04. Mai 1918 Habilitation an Univ. Leipzig bei Karl Bücher; Jan. 1920 a.o. Professor für Volkswirtschaftslehre an Univ. Rostock.; 1920 o. Professor für VWL an Univ. Kiel, 1924 an Univ. zu Köln; 1937 o. Professor für wirtschaftliche Staatswisswissenschaften an Univ. Bonn (bis zur Emeritierung am 14. September 1957); 1931 bis 1939 deutscher Direktor des deutsch-italienischen Kulturinstituts (Petrarca-Haus) in Köln.

Literaturhinweise:

  • BECKERATH, E. v. (1927), Wesen und Werden des faschistischen Staates, Berlin;
  • DERS. (1962), Lynkeus. Gestalten und Probleme aus Wirtschaft und Politik, Tübingen;
  • KLOTEN, N. (1966), Erwin von Beckerath, in: Finanzarchiv, N. F. Bd. 25, S. 193 ff.
Norbert Kloten

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