Einzeltitel

Erfahrungsbericht über ein Praktikum bei der KAS Tirana, Albanien

Erfahrungsbericht der KAS Praktikantin, Camilla Blei

„Ein Praktikum in Albanien, wie kommst du denn darauf?!“ – So oder so ähnlich war die Reaktion der meisten Leute, als ich ihnen davon berichtete, dass ich mich Ende März für drei Monate nach Albanien für ein Praktikum im Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung begeben würde. Albanien ist ein Land, unter dem sich viele Menschen entweder nichts Konkretes vorstellen können oder wenn, dann sind es meist nicht allzu positive Assoziationen. Für mich persönlich war es jedoch genau das wonach ich gesucht hatte: ein Land, das mir teilweise selbst noch unbekannt war und von dem ich mir erhoffte, neue und ganz andere Erfahrungen sammeln zu können, als ich es bisher in Deutschland oder anderen europäischen Nachbarländern getan hatte. Und ich hatte Glück, genauso sollte es kommen. Albanien hat mir mit all seinen wunderschönen aber gleichzeitig auch bestehenden Schattenseiten eine Zeit geschenkt, in der ich nicht nur für meine berufliche Laufbahn wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. Es war eine Zeit, in der ich auch Vieles über mich selbst und mein Leben in Deutschland durch Begegnungen mit albanischen Menschen und der albanischen Kultur lernen durfte.

Ende März 2018 sollte mein Praktikum im KAS-Büro in Tirana beginnen. Um mich vorher schon einmal etwas einzuleben, bin ich bereits einige Tage früher angereist und habe mich zu Fuß auf den Weg gemacht, um Tirana zu erkunden. Tirana ist eine sehr lebhafte und laute Stadt. Zahlreiche Cafés, in denen sich die Leute tummeln, verkehrsreiche Straßen, viele Häuser, verschiedene Plätze und Parkanlagen - an jeder Ecke kann man etwas entdecken. Während ich mich anfangs zunächst an den Trubel gewöhnen musste, habe ich die Lebendigkeit der Stadt mit der Zeit immer mehr zu schätzen gelernt. In der darauffolgenden Woche startete schließlich meine Praktikumszeit in der Konrad-Adenauer-Stiftung. An meinem ersten Arbeitstag wurde ich bei einem Begrüßungskaffe ganz herzlich willkommen geheißen und anschließend bei einer Tour durch das Büro dem gesamten Team vorgestellt. Ich habe mich sofort wohlgefühlt und habe die positive Arbeitsatmosphäre von Beginn an sehr geschätzt. Gemeinsam mit den beiden Programmkoordinatorinnen Klaudja Zerva und Zheni Korcari saß ich in einem Büro und durfte das Team von nun an bei den täglichen Aufgaben tatkräftig unterstützen.

In den drei Monaten meines Praktikums war Albanien in einer ganz besonders spannenden Phase. Es waren die Wochen, in denen es um die Eröffnung von Beitrittsverhandlungen zwischen Albanien und der Europäischen Union ging. Nachdem die EU Kommission Anfang April einen neuen Fortschrittsbericht über Albanien mit einer unkonditionierten Empfehlung für die Eröffnung dieser Gespräche veröffentlicht hatte, war es meine Aufgabe, gemeinsam mit dem Leiter des Büros, Herrn Glos, einen Bericht über die erreichten Fortschritte innerhalb der sogenannten Schlüsselkriterien aus Sicht der Konrad-Adenauer-Stiftung zu verfassen. Dieser Bericht sollte als Hilfestellung für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion dienen, um eine fundierte Entscheidung bezüglich einer möglichen Eröffnung von Beitrittsverhandlungen treffen zu können. Für mich war es unheimlich spannend, mich in die einzelnen Kriterien einzuarbeiten und so die positiven sowie teilweise auch negativen Entwicklungen Albaniens hin zu einer funktionierenden Demokratie und einem effektiven Rechtsstaat kennenzulernen und zu verstehen. Insbesondere die tiefgreifenden Korruptionsprobleme, die, wie ich in zahlreichen persönlichen Gesprächen erfahren habe, in jeglichen gesellschaftlichen Bereichen zu finden sind, sowie die Schwierigkeiten im Bereich der organisierten Kriminalität haben mich im negativen Sinne überrascht. Wir wurde einmal mehr bewusst, wie wertvoll es ist, in einem starken und funktionierenden Rechtsstaat zu leben, in dem man den verschiedenen Institutionen als Bürger Vertrauen schenken kann.

Neben der engen Zusammenarbeit mit der Demokratischen Partei (DP), konnte ich auch die gemeinsame Arbeit der KAS mit verschiedenen Partnerinstituten sowie Akteuren aus der Wissenschaft während meiner Praktikumszeit kennenlernen. So durfte ich unter anderem an einem Workshop teilnehmen, den die KAS gemeinsam mit dem European Center an verschiedenen Schulen in Albanien veranstaltete, um die Schülerinnen und Schüler über die Organisation und die Funktionen der Europäischen Union zu informieren. Ein weiteres größeres Projekt der KAS in Albanien war die Veranstaltung „In unserer Stadt bestimmen wir mit!“, die in Zusammenarbeit mit dem CIVIC Institut und dem Rathaus in Shkodra organisiert und durchgeführt wurde. Ziel der Veranstaltung war es, den Schülerinnen und Schülern verschiedener Gymnasien in Shkodra eine Stimme auf kommunaler Ebene zu geben, um ihnen so die Möglichkeit zu bieten, sich aktiv an der kommunalen Politik ihrer Stadt zu beteiligen. Zu drei verschiedenen aktuellen kommunalen Themen haben die Jugendlichen im Rahmen eines Workshops eigene Positionen entwickeln und diese schließlich auf einem gemeinsamen Konvent präsentieren sowie mit Vertretern der Stadt diskutieren können. So gab es viele weitere Veranstaltungen in ganz Albanien, bei denen ich die KAS begleiten und unterstützen durfte. Es war für mich eine tolle Möglichkeit, neben dem Sammeln von neuen Arbeitserfahrungen auch das Land und die Leute näher kennen zu lernen.

Als eine ganz besondere Bereicherung habe ich es zudem empfunden, dass ich Kontakt zu den albanischen Stipendiaten der Stiftung erhalten konnte. Bereits in meiner ersten Woche habe ich sie bei einer Veranstaltung kennengelernt und konnte durch anschließende gemeinsame Treffen mit ihnen Albanien noch einmal von einer ganz anderen Seite kennenlernen. Es war für mich unheimlich interessant, das Land von einheimischen Personen meines Alters gezeigt zu bekommen, so habe ich mich schnell nicht mehr „nur“ als ein Tourist aus Deutschland gefühlt und konnte beginnen, mich in die albanische Lebensart einzuleben. Ob gemeinsame Abende und gute Gespräche in den schönsten Bars und Kneipen des Blloku-Viertels, Besuche von Festivals und Konzerten oder kleine Ausflüge außerhalb der Hauptstadt – es war wirklich eine schöne Zeit.

Die Wochenenden habe ich häufig dazu genutzt, in Albanien herumzureisen und das Land zu erkunden. Meistens habe ich die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt, um an die jeweiligen Orte zu kommen. Anfangs ist es etwas schwierig sich mit diesen zurechtzufinden, doch wenn man einmal die Busstationen und die Zeitpläne (die leider teilweise über das Internet aber auch vor Ort nur schwer ersichtlich sind) herausgefunden hat, sind sie eine tolle und vor allem günstige Möglichkeit, um herumzukommen. Neben dem Transport sind sie vor allem auch eine tolle Möglichkeit, mit einheimischen Personen in Kontakt zu kommen. Meistens ging es recht lebhaft zu, kaum eine Fahrt verging, ohne dass ich von einer neugierigen Person angesprochen wurde. Und selbst, wenn sie nur albanisch konnte – irgendwie hat man es geschafft, sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Mein erster Ausflug ging nach Shkodra. Meine Unterkunft war ein kleines familiengeführtes Hotel im Stadtzentrum, das zum Erkunden der Stadt eine kostenlose Fahrradvermietung anbot. Das Angebot habe ich direkt genutzt und bin mit dem Fahrrad zunächst zur Burg Rozafa gefahren, anschließend am See entlang, um schließlich auch die Ura e Mesit, eine alte Bogenbrücke am anderen Ende der Stadt, zu besichtigen. Besonders hatte es mir auch die schöne Fußgängerzone der Rruga Kol Idromeno angetan. Weitere Städte, zu denen ich einen kleinen Tages- oder Wochenendausflug gemacht habe, waren Kruja, Durres und Korca. Insbesondere die Fahrt nach Korca entlang des Ohridsees kann ich empfehlen, landschaftlich ist es dort wunderschön. Und auch Korca selbst mit dem Alten Basar und den meist noch gepflasterten Gassen, in denen man viele alte Häuser und Villen begutachten kann, hat mir äußerst gut gefallen. Ein ganz besonderes Erlebnis war für mich ein Besuch in dem Restaurant Vila Cofiel. Dort kann man traditionelle albanische Gerichte in gemütlicher Atmosphäre und mit wunderbarer live gespielter albanischer Volksmusik genießen. Wenn man sich sehr für die traditionellen Lieder Albaniens sowie für die ausgelassene Stimmung der traditionsbewussten Albanerinnen und Albaner interessiert, dann ist man hier genau richtig!

Ich habe die albanische Bevölkerung in meiner Zeit als sehr herzlich und vor allem äußert gastfreundlich kennengelernt. Ihnen liegt die intensive Pflege von Beziehungen zu engen Freunden und der Familie sehr am Herzen. Auch wenn es nur ein kurzes Gespräch am Telefon oder in einem der zahlreichen Cafés zu einem morgendlichen „Coffee“ ist: sich die Zeit für gegenseitige Anteilnahme zu nehmen, ist ihnen wichtig. Dies war etwas, was ich als sehr bereichernd empfunden habe. In einem häufig doch sehr schnelllebigen und hektischen Alltag, kann die Pflege menschlicher Beziehungen leider schnell in den Hintergrund geraten.

Albanien ist ein Land voller Gegensätze. Neben zahlreicher schöner Strände und Buchten an der Küstenseite des Landes findet man gleichzeitig auch riesige Berglandschaften und grüne Wälder. Von kleinen traditionellen und ursprünglichen Ortschaften, in denen man Menschen auf Esel reitend sehen kann, bis hin zu lebhaften Großstädten wie Tirana oder Durres. Innerhalb der Hauptstadt kann man zudem ganz unterschiedliche Elemente aus den einzelnen zeitlichen Epochen des Landes entdecken. Alte marode Häuser neben riesigen neuen Gebäuden. Häufig prägen eng aneinandergereihte Blockbauten die Stadt. Zugegeben, das Stadtbild kann auf den ersten Blick erdrückend und chaotisch wirken. Für mich hatte es jedoch gleichzeitig auch so viel zu erzählen. Es war spannend, all die unterschiedlichen Facetten nicht nur zu sehen, sondern auch die Geschichten dahinter kennenzulernen.

In Albanien hat sich bereits Vieles seit dem Ende des kommunistischen Regimes zum Positiven hin entwickelt, mit Einigem jedoch hat die junge und instabile Demokratie noch zu kämpfen. Es war für mich eine spannende Zeit, in der ich das Land in seinem jetzigen Entwicklungsstand kennenlernen durfte. Ich werde meinen Aufenthalt in sehr guter Erinnerung behalten und ich bin mir sicher, dass es nicht mein letztes Mal in Albanien war. Dem KAS Büro in Tirana bin ich sehr dankbar, dass sie mir die Möglichkeit für diese tollen Erfahrungen gegeben haben. Würde mir heute noch einmal mit einer skeptischen Frage bezüglich eines Aufenthaltes in Albanien begegnet werden, ich würde sagen: ich kann es nur Jedem empfehlen.

Camilla Blei