Auslandsinformationen

Editorial

von Gerhard Wahlers
Vor etwas mehr als 100 Jahren endete das „goldene Zeitalter der Sicherheit“, eine Formel, mit der der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg charakterisiert hat. Nach den Gräueln zweier Weltkriege und der Überwindung des sogenannten Kalten Krieges hofften nicht wenige, das Ende des Ost-West-Konfliktes könnte den Beginn eines neuen Zeitalters der Sicherheit einläuten – Hoffnungen, die sich spätestens mit den Terroranschlägen vom 11. September zerschlagen haben.
Ein Polizeiaufgebot bei einer Demonstration streikender Stahlarbeiter in Namur (Belgien).
Ein Polizeiaufgebot bei einer Demonstration streikender Stahlarbeiter in Namur (Belgien).

Nicht ganz zu Unrecht erscheint die Welt heute vielen unsicherer als je zuvor, sagt Patrick Keller im Auftaktinterview zu dieser Ausgabe. Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Krisen ist dabei vor allem eine Folge der Machtverschiebungen im internationalen System, die in vielen Regionen der Welt zu Konflikten führen.

Eine dieser Regionen ist der Indische Ozean, wo es zunehmend zu Spannungen zwischen China und Indien kommt. Dabei geht es keineswegs nur um einen regionalen Konflikt, denn neben Indien und China haben auch die USA handfeste ökonomische und sicherheitspolitische Interessen in der Region. Ein stärkeres Engagement für die Stabilität im Indischen Ozean liegt deshalb auch im deutschen Interesse, analysieren Peter Rimmele und Philipp Huchel in ihrem Beitrag.

Wenn Deutschland auch im krisengeschüttelten Nahen Osten einen Beitrag zu Stabilität und Sicherheit leisten will, ist es dringend auf strategische Partnerschaften angewiesen. Ein solcher Partner ist Jordanien, das als „Anker der Stabilität“ in der Region gilt. Jordanien steht jedoch selbst vor enormen wirtschaftlichen und innenpolitischen Herausforderungen. Vor allem die dschihadistische Szene Jordaniens könnte sich zu einer ernstzunehmenden Bedrohung entwickeln, wie Annette Ranko und Imke Haase in ihrem Beitrag erläutern.

Ein warnendes Beispiel für die verheerenden Folgen des Erstarkens von Islamisten für die Stabilität eines Landes liefert Mali. Als Kernland der Sahelzone spielt das Land eine entscheidende Rolle für die Sicherheit der gesamten Region. Angesichts der angespannten Lage Malis müssen dauerhaft tragende Strategien entwickelt werden, um das Land nachhaltig zu befrieden, wie Tinko Weibezahl in seinem Beitrag ausführt.

Eine Sicherheitsbedrohung ganz anderer Art stellt die organisierte Kriminalität in Lateinamerika dar, vor allem wenn sie, wie in Brasilien, eine geradezu symbiotische Verbindung mit staatlichen Strukturen eingeht. Am Beispiel der illegalen Drogenwirtschaft zeigt Thiago Rodrigues, dass das gängige Bild, das organisierte Verbrechen bilde eine Art Parallelstaat, nicht nur unzutreffend ist, sondern sogar den Blick auf die eigentliche Problematik verstellt.

Zum Abschluss richtet Daniela Braun den Blick auf Pandemien und Seuchen, die aus ihrer Sicht endlich auch als Sicherheitsrisiko betrachtet werden müssen. Die Gefahr einer raschen Ausbreitung von Infektionskrankheiten ist heute so groß wie nie zuvor. Obwohl Seuchen das Potenzial haben, einen Staat oder sogar ganze Regionen zu destabilisieren, sind aktuell nur wenige Länder ausreichend auf den Ausbruch einer Pandemie vorbereitet. Dabei ist der Ausbruch der nächsten Pandemie nur eine Frage der Zeit.

So unterschiedlich die sicherheitspolitischen Herausforderungen in den jeweiligen Weltregionen sind, so wenig lassen sich deren Folgen auf die einzelnen Regionen begrenzen. Vielmehr machen die Beiträge dieser Ausgabe deutlich, dass die Welt auch in dieser Hinsicht vernetzt und dringend auf Kooperation angewiesen ist.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Dr. Gerhard Wahlers

Dr. Gerhard Wahlers ist Herausgeber der Auslandsinformationen (Ai), stellvertretender Generalsekretär und Leiter der Hauptabteilung Europäische und Internationale Zusammenarbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung (gerhard.wahlers@kas.de).