„Der Markt ist schön! Was will man mehr?“

Der Markt am Apostelnkloster in Köln: Ein lebendiges Miteinander

Märkte finden sich in jeder Gegend, von der Kleinstadt bis zur Metropole. Sie sind seit der Antike der Brennpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Jeder kommt her, ob er etwas kaufen oder verkaufen möchte und so mancher ist auch nur hier, um dem lebhaften Treiben zuzusehen. Hier, mittendrin im pulsierenden Leben. Doch was genau bewegt die Menschen hierher zu kommen, woher kommen sie und welche Geschichten haben sie zu erzählen?

„Dann hätte ich gerne noch etwas hier von.“ Eine zierliche, ältere Dame mit halblangen braunen Haaren steht vor einem Metzgerstand und trinkt einen Schluck aus ihrem Kaffeebecher. Der dunkelhaarige Mann hinter der Theke hat seine Mütze tief ins Gesicht gezogen, mit der rechten Hand greift er nach einem Stück Fleisch. „Von diesem guten Stück hier?“ Ein kurzes Aufschauen, ein Nicken, ein Lächeln. „Ja bitte!“ Der Mann verpackt die Ware in ein grobes Stück Papier, seine rauen, zerfurchten Hände kommen zum Vorschein. „Ein schönes Wochenende wünsch‘ ich Ihnen!“ Die Frau winkt dem Mann noch einmal zu und geht zufrieden weiter.

Sonnenstrahlen blitzen hinter dem Kirchturm hervor, Duftwellen von Gewürzen, Fisch, frischem Obst und Gemüse wehen einem entgegen, Stimmengewirr, fröhliches Lachen, Rufe der Händler und das Gemurmel der alltäglichen Gespräche. Absätze hallen über den Asphalt, Tüten knistern und Wagen rollen. Menschen kommen aufeinander zu, grüßen, lächeln, fangen an zu erzählen, reden und reden, lachen, dann: ein kurzes „Auf Wiedersehen“ und weiter geht’s. Die Atmosphäre ist ruhig, wunderschön, zugleich bewegend, hier auf dem Markt am Apostelnkloster. Da, wieder ein Lachen „ Ach Gudrun, wie geht es dir?“, „Helmut, na ich wollte mal wieder meinen Lieblingskäse im Kühlschrank haben!“, „Das Übliche wieder?“, „Aber sicher, du kennst mich doch!“ „Einen schönen Tag gehabt, Renate?“ „Drei Euro fünfzig nur für dieses wunderbare Stücke Wasabi Käse!“ „Schönes Wochenende! Ich wünsch‘ Ihnen was!“ Die Menschen eilen aneinander vorbei, bummeln und tummeln sich in der Menschenmenge, reihen sich in den langen Schlangen ein, plaudern und diskutieren über das Wetter. Ein Kichern hier, ein schallendes Lachen dort: Jemand hat einen Scherz gemacht. Ringsherum fröhliches Gequatsche. Niemand bleibt unentdeckt, der Markt ist wie eine große Bühne, wo alles ans Licht kommt. Ein lebendiges Miteinander.

„Ich liebe dieses Offene! Es passiert so viel hier.“ Elisabeth Hers, 77 beugt sich über einen Strauß Blumen. Es ist ein wunderschöner Strauß bunter Tulpen. Sie betrachtet die Blumen fasziniert, schaut auf das Preisschild: fünf Euro fünfzig. Sie nickt, diese Blumen sind ganz nach ihrem Geschmack. „Für meine Enkelin, heute ist ihr großer Tag! Heute Abend wird sie mit einem Essen überrascht. Ich werde eine Gans zubereiten!“ Sie zwinkert, lacht, blickt voller Vorfreude auf den bunten Strauß in ihrer rechten Hand. Offensichtlich zufrieden.

Die 77- Jährige kauft seit über dreißig Jahren auf dem Markt am Apostelnkloster ein. Besonders achtet sie beim Einkauf auf die Qualität der Produkte. Sie geht sehr gerne auf diesen Markt, sie wohnt hier in Köln, nur ein gutes Stück vom Apostelnkloster entfernt. Elisabeth genießt nicht nur die Atmosphäre hier, sie interessiert sich außerdem sehr für den landwirtschaftlichen Betrieb. Vor ein paar Jahren war sie sogar selber in der Landwirtschaft aktiv, eine „tolle und spannende Erfahrung“, wie sie erzählt. Doch mit dem Markt verbinden sie noch viel mehr schöne Sachen. Oft treffe man hier die verschiedensten Menschen und es handele sich immer um fröhliche Begegnungen, man finde sich auf Anhieb sympathisch, erzählt Elisabeth. „Und ich spreche hier aus Erfahrung.“, fügt sie mit einem kleinen Funkeln in den Augen hinzu. Außerdem ist sie stolz darauf - wie auch manche andere Kunden - dass sie viele der Händler persönlich kennt. Sie sind wie alte Bekannte, gute Freunde. „Dieser Markt ist einfach wunderbar.

Man fühlt sich wohl unter den vielen freundlichen Menschen. Hier herrscht eine wunderschöne Stimmung!“ Elisabeth schaut sich um, ihr Blick schweift über die vielen kleinen Stände. Rätselhaft, wie verschieden sie doch sind. Gemüse- und Obst, Fleisch- und Käse, Nüsse- und Gewürz Stände, hier ein Blumenstand und dort drüben wird frischer Fisch verkauft. Der Duft von Lavendel liegt in der Luft. Sie lächelt, sieht zu, wie Menschen auf und ab gehen, kurz stehen bleiben, sich unterhalten, weiter gehen, sich von den wohlriechenden Düften verführen lassen, sie von einem zum anderen Stand ziehen und mit den Händler scherzen. Das Klimpern der Geldmünzen ist nicht zu überhören. Plötzlich kommt Wind auf, letzte Eichenblätter fallen herab und werden dann von einer sanften Brise davongetragen. Kartoffeln kullern über den Asphalt. Ein paar landen direkt vor Elisabeths Füßen. „Mist!“, der Händler eines Gemüsestandes flucht, im nächsten Augenblick steht er schon kopfschüttelnd vor der weggefegten Ware, er bückt sich um die Kartoffeln wieder einzusammeln. Die Luft wird kälter, Elisabeth knöpft sich mit zitternden Händen ihren schwarzen Daunen Mantel zu und zieht sich ihre weißen Handschuhe an. Ihr Blick ist ausdruckslos. Dann, einen kurzen Moment blitzen ihre Augen auf, sie scheint etwas entdeckt zu haben, zögert nicht. „Hallo Hans! Ach, wie schön dich zu sehen, wie geht es dir?“ Elisabeth hat dem Händler vom Geflügelstand gegenüber zugerufen, jetzt fängt sie aufgeregt an zu winken. Der Mann dreht sich um. Er trägt eine Jeans mit einem Kapuzenpullover und einer weiten dunkelblauen Regenjacke, die sich wie eine große Plastikplane über seinen Körper erstreckt und ihn von den herabfallenden Regentropfen schützen soll. Obwohl sich noch kein einziges Tröpfchen über dem Platz ergossen hat, der Mann fühlt sich so gut verpackt sicherer.

Hans und Elisabeth kennen sich schon über dreißig Jahre und treffen sich seitdem jeden Freitag am Markt. „Der Markt ist ein Ort, an dem Menschen in Kommunikation treten, sich kennen lernen, wo glückliche Zufälle stattfinden.“ Hans wirkt überzeugend. Er ist glücklich, hier auf dem Markt zu sein. Nach einer kurzen, lustigen Unterhaltung mit Elisabeth gilt seine Aufmerksamkeit wieder ganz seinen Kunden.

Ein paar Meter weiter steht ein großflächiger Gemüsestand, eine Reihe von stämmigen Eichen erstreckt sich vom Stand über den Markt. Eine kleine, rundliche Frau hinter der Theke reibt sich ihre verfrorenen Hände. Die Sonne lässt sich nicht mehr blicken. „Schade, aber so ist es nun mal. Es ist halt noch kalter Winter, nicht wahr?“ Der Händler des Gemüsestandes nickt. Er beugt sich über die Kasse, in der einen Hand einen fünf Euro Schein, in der anderen ein paar Münzen. Er wirkt konzentriert, leicht irritiert. Der Mann weiß nicht genau, wo er die Münzen nun einordnen soll, linke, rechte Schachtel? Obere oder untere Schublade? Sein Blick verharrt eine Weile auf den Münzen, dann entscheidet er sich für die linke Schachtel, klappt energisch die Kasse zu und wendet sich mit einem Lächeln wieder seinem Kunden zu.

Der Name des Gemüsehändlers ist August. „Wie der August, so bin ich.“ meint er schmunzelnd. Es geht ihm einfach super, wie an jedem Tag, was gäbe es auch für einen Grund, dass es einem nicht gut geht, findet er. Der Markt macht ihm gute Laune. Er trägt ein kariertes Sakko, eine ausgefranste Jeans und Flip Flops, eine gestrickte graue Mütze bedeckt seine struppigen grauen Haare. August ist 63 Jahre alt. Seit 1949 verkauft seine Familie auf dem Markt und vor 25 Jahren hat er das Familienunternehmen übernommen. „Ich verkaufe sehr gerne hier, die Kunden sind freundlich, der Markt ist schön, was will man mehr?“ August ist ganz offen, er liebt das bunte Leben des Marktes. Außerdem kennt er es nicht anders, er ist im Umland mit dem landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden. Bis er dreißig war erledigte er die Feldarbeit, er baute Gemüse, Getreide und Zuckerrüben an. „Wir sind kein biologischer Anbau, sondern kleine Selbsterzeuger!“ betont August immer wieder und sein Gesichtsausdruck wird ernst. August ist sehr selbstständig, in seiner Kindheit hat er sich alles selber beigebracht.

Er hat die Menschen beobachtet und ihnen zugesehen, dadurch hat er gelernt. „Das war spannend, doch manchmal habe ich auch so den ein oder anderen schwerwiegenden Fehler gemacht.“, gibt er mit einem unsicheren Lächeln zu und deutet auf die Narbe auf seiner Nase. Eine tiefe strichförmige Kerbung sieht man dort. Die Arbeit auf dem Markt ist nicht einfach, man macht sich oft die Hände schmutzig, so einiges aushalten muss man auch. Täglich steht August um viertel vor eins nachts auf, obwohl er eigentlich eine Schlafmütze ist. „Der Markt ist stressig!“, er starrt stirnrunzelnd auf den Boden, einen Moment lang wirkt er unzufrieden, doch dann gleitet sein Blick träumerisch in die Ferne. „Jedoch ist er es wert, für mich bedeutet der Markt alles. Ich habe ihn gern, ich habe die Kunden gern, ich habe das Leben gern!“ Nun scheint August sich völlig verloren zu haben, er beobachtet nur noch unschlüssig das bunte Leben, das sich vor seinen Augen abspielt.

Er schaut offensichtlich dem kleinen Jungen zu, der gerade vor einem Brotstand steht, in seiner kleinen Hand ein Butterkeks mit Schokoladenüberzug. Er läuft auf die ausgebreiteten Arme einer Frau mit rotgeschminkten Lippen zu. „Schau‘ mal, Mama!“ Die Mutter des Kindes lächelt, sie nimmt den Kleinen in die Arme und wirbelt ihn herum. „Na, hat dir die liebe Sonja wieder ein Keks geschenkt?“ „Ja!“, der Junge nickt stolz und hält seinen Keks hoch in die Luft. „Und was sagt man da?“ Da fängt der kleine Junge an zu kichern und bringt mit einer piepsigen Kinderstimme ein kurzes „Danke...“ hervor. Die Händlerin des Brotstandes winkt dem Kleinen liebevoll zu „Gern Geschehen!“.

Das alles erinnert an ein Schauspiel: improvisiert und doch so fröhlich. August liebt diese Atmosphäre, diese gute Stimmung. Nachdem er geheiratet hatte, kam seiner Frau Zweifel, wovon sie denn leben sollten. Augusts Antwort war: „Vom Markt, wir werden vom Markt leben.“, so erzählt er. „Und dieses Leben, für das ich mich entschieden habe ist schön!“. August verpackt jetzt Kartoffeln und Zucchini in einen Sack, der aus einem groben, löchrigen Netz gemacht ist. Weiteres Gemüse steht schon auf einem Bollerwagen, bereit zum Auspacken. August ist sehr beschäftigt, die Kunden stehen Schlange. Nun ist der Gemüsehändler wieder ganz in seine Arbeit vertieft, er greift nach dem gefragten Gemüse, verpackt die Ware, reicht es den Kunden, nimmt das Geld entgegen, verstaut es in der kleinen, klappernden Kasse. Dann ein kurzes „Danke“, „Schönes Wochenende“ und „Bis dann“, ein Lächeln. „Wer ist der nächste?“

von Rebecca Lewalter

Medienwerkstatt