„Wenn es schön ist, ist es schön“

Das Glück auf dem Kölner Wochenmarkt an der Apostelnkirche

Ein Schwall des Geruchs von Fisch und Käse, das Rascheln eine Plastiktüte von rechts, plötzlich ein helles, prägnantes Lachen von links. „…wie viel macht das?“ „…und dieser Käse hier,…?“ „…was? Die Ingrid liegt im Krankenhaus?“ Gesprächsfetzen fliegen zwischen den Ständen hin und her, überlagern sich.

Eine junge Frau schiebt ihr Fahrrad neben sich her und versucht, sich über den Markt zu schlängeln. Das ältere Ehepaar, das zwischen Blumentöpfen umherschlendert. „Petersilienwurzel macht glücklich!“ Ein offenes Lächeln, das erwidert wird, gefolgt von einem transparenten Beutel, der von Hand zu Hand über die Theke gereicht wird.

Eine Frau mittleren Alters, unauffällig gekleidet, sitzt mit überschlagenem Bein auf einem Barhocker. In ihrer Hand hält sie einen Kaffeebecher, mit der anderen gestikuliert sie. „Ich kaufe Lebensmittel am Stand, der direkt hinter diesem liegt. Sie gehören zwar zu keinem Bio-Label, die Ware stammt aber aus eigener Produktion, das ist mir sehr wichtig.“ Jede Woche am Freitag, wenn Ulrike Lebensmittel aus biologischem Anbau einkauft, entspannt sie sich am Kaffeestand zusammen mit ihren Freundinnen. Ralph Tonger, Inhaber der mobilen Kaffeerösterei, steht seit etwa 3 Jahren hier. „Das Geschäft ist nicht sonderlich lukrativ, aber man kann davon leben.“ Der 45-jährige hat sich selbstständig gemacht und fortgebildet, nachdem seine Firma nach Polen ausgewandert ist. Sein Wagen ist stilvoll gestaltet, eine Mischung aus Tradition und Moderne, ein vergilbtes Portrait in Gesellschaft von Homer Simpson. Der eher kleinere Stand ist ein Treffpunkt, eine Informationsquelle, ein Ort, an dem politische Debatten stattfinden, Gerüchte ausgetauscht und alte Geschichten erzählt werden. „Ich biete den Leuten eine stressfreie Zone. Es ist unglaublich, wie viele unterschiedliche Menschen an meinen Stand kommen! Sogar Alica Schwarzer hat hier einmal meinen Kaffee getrunken…“

Eine bunt gemusterte Hose nähert sich einem unauffälligen, mit einer weißen Plane überspannten Stand. Sie gehört zu einer älteren Dame, deren kurz geschnittene Haare vor dem weißen Hintergrund rot zu leuchten scheinen. Ihr Blick schweift über Tee, getrocknete Früchte, Nüsse und bleibt bei der großen Auswahl an Gewürzen hängen. Sie ist sichtlich überfordert mit dem Angebot an Chili. „Die Chilifäden sind noch mild, danach kommen die Chiliringe, dann haben wir hier Chili mit Kernen und natürlich die Chilischoten“, erklärt eine Stimme, die Standbesitzerin Eva hat ihre Kundin bemerkt. Die rothaarige Frau nickt dankbar und bezahlt. Eva und ihr Mann Bruno sind schon seit 35 Jahren Markthändler. Für sie ist individuelle Beratung selbstverständlich. „Die Kunden müssen ein gewisses Vertrauen entwickeln, ihre Zufriedenheit zahlt sich aus.“ Das Ehepaar ist seit vier Uhr morgens auf den Beinen, um fünf Uhr ist es in der Eifel gestartet und steht seit sechs Uhr auf dem Markt. Den Stand haben sie vor 20 Jahren von einem Bekannten übernommen, sie sind auf vielen Märkten unterwegs, auch mit Textilware. Durch die wiederentdeckte Freude am Kochen in den vergangenen Jahren ist auch die Nachfrage an Feinkost gestiegen, oft kommen Kunden wegen neuentdeckten Rezepten hierher. Für Eva ist das Normalität. „Heutzutage kocht man ja überall, es gibt so viele Kochsendungen im Fernsehen und Radio.“ Eine ganz in schwarz gekleidete, junge Frau mit rotem Lippenstift und prägnanter Brille betrachtet ein Tütchen in ihrer Hand. „Was können Sie mir darüber sagen?“ „Die sind sehr gesund.“ Als wäre dies sein Stichwort gewesen, fängt Bruno an, auf Schwarzkümmel, gemahlenes Ingwerpulver und Safran zu verweisen. Der aufgeschlossen wirkende Mann mit der charakteristischen John Lennon Brille scheint völlig in seinem Element, während er die Anwendungsmöglichkeiten und die Herkunft verschiedenster Gewürze aufzählt. „Sind Sie nächste Woche auch hier?“ „Eigentlich kommen wir alle 14 Tage, aber in der Karnevalszeit sind wir nicht da. Bis in vier Wochen dann?“ „Ja, tschüss!“ Ein flüchtiges Lächeln, dann verschwindet die bunte Hose hinter einem Käsestand.

Eva und Bruno genießen es, ihr eigener Chef zu sein. „Als es letzten Winter so viel geschneit hat, war es oft unmöglich, auf den Markt zu kommen. Dann sind wir einfach zu Hause geblieben.“ Den Tag in der Kälte zu überstehen, sei manchmal schwer, doch „zu zweit geht es“. Besonders schön findet es das Ehepaar, so viel Kontakt mit Menschen zu haben. „Es gibt viele verschiedene Typen bei den Kunden“, erzählt Bruno, „das macht das Ganze spannender. Unsere Standnachbarin hat mal eine Kundin gefragt, ob sie ihr helfen kann, und wurde dreist aufgefordert, sie in Ruhe zu lassen.“ Dies sei allerdings der Einzelfall. Für ihn ist der Markt wie eine kleine Bühne, alles komme ans Licht, und niemand verlasse ungetröstet seinen Stand. Die Freude am Leben und die Offenheit ist etwas, das er an Menschen sehr schätzt. Bei jungen Menschen könne er das noch häufig beobachten, doch bei vielen gehe die Unbeschwertheit mit dem Alter leider verloren. Lustige, herzliche Alltagssituationen „halten den Tag aufrecht“, meint er. Das stolze Lächeln eines kleinen Kindes, wenn es nach seinem Alter gefragt wird, die Begeisterung in den Augen älterer Menschen, die Geschichten aus ihrer Kindheit erzählen. Für den 60-jährigen und seine Frau ist es nicht wichtig, wie spektakulär so eine Situation ist, Bruno bringt es mit einem Zitat auf den Punkt: „Wenn es schön ist, ist es schön“. Als er dies sagt, bilden sich Lachfältchen um seine Augen, und auch auf Evas Gesicht macht sich ein Lächeln breit. Sie haben ihr Glück auf dem Markt, umgeben von Ware, Menschen und deren Geschichten gefunden, wieso sollte man das auch hinterfragen?

Von Luisa Heinrich

Medienwerkstatt