Auf der Suche nach dem Berlin-Style

Berlins Mitte zwischen Alternativkultur und Kommerz

Es ist ein interessantes Gefühl sich hier zu befinden, zugleich eine angenehme Atmosphäre. Im Hintergrund läuft italienische Musik, passend zum Ambiente. Die Farben der Kleider sind farbenfroh, die Boutique modern und alternativ – hipp!

Hipp ist das, was Berlin Mitte ausmacht. Hier vermischen sich Touristenströme mit den Berlinern, die auch einen Berlin-Style tragen. Nur, so scheint es, wissen viele nicht, dass es ein Berlin-Style ist.

Es ist eine kleine, unscheinbare Boutique am Rosenthaler Platz in Berlin Mitte. Hier arbeitet Valentina Bologni, Store Manager von „BE C“. „BE C“ steht für „Be curious“. Das Motto, so Bologni, soll Neugierde wecken, so wie der Laden selbst. „Solo per i curiosi la vita e un mistero“ heißt es dort weiter - „Nur durch Neugierde ist das Leben ein Mysterium“.

Das Geschäft, das Mode für junge Frauen anbietet, läuft gut, so Valentina. Seit zwei Jahren arbeitet die sympathische junge Frau aus Italien schon hier. Vor fünf Jahren kam sie aus ihrer Heimat Bozen, Südtirol, nach Berlin. Es sei Zufall gewesen, dass sie hier landete und jetzt in der Modebranche arbeite. Nach fünf Jahren habe sie aber inzwischen die Nase voll von Berlin, einer Stadt in der es nur um eins gehe: „Party, Party, Party“. Sie vermisst ihre Heimat, ihr altes Leben. Dennoch mag Valentina es hier auch irgendwie, es ist halt anders, Berlin eben.

Laut Valentina gibt es nicht den einen Berliner Style, sondern verschiedene Berlin-Styles, verschiedene Mitte-Styles. Manche Berliner würden sogar Strümpfe mit Löchern tragen, dass wäre in ihrer Heimat Bozen ein No-Go. Die Italiener seien da etwas konservativer, nicht so aufgeschlossen, Neues auszuprobieren.

Valentina selbst ist im Gegensatz zu ihrer Boutique recht schlicht gekleidet. Sie trägt einen dunklen Pullover und eine ebenfalls dunkle Hose. Die Farbe gleicht der ihres gelockten, zurückgebundenen Haares, und der ihrer braunen Augen. Sie hat einen italienischen Akzent und eine charmante italienische Art. Man freut sich mit ihr, als sie von einer Freundin einen intensiv duftenden Espresso gebracht bekommt.

Yun, das ist der Name eines weiteren Stores am Rosenthaler Platz. Gelockt von einer großen, metallischen Maschine, die man von außen durch eine große Glasfront sieht, kommt ein Kunde herein – er will seine Brille abholen.

Das Geschäft sei das erste seiner Art, erzählt mir ein stolzer Mitarbeiter. Sobald man sich aus über 12.000 Gläsern und hunderten Gestellen das passende ausgesucht hat, dauert es gerade einmal 20 Minuten bis der Kunde seine fertige Brille abholen kann. Dies sei einmalig auf der Welt!

Die Maschine – über deren Zweck man von außen nur mutmaßen kann – wird häufig mit einem Sushi-Förderband verwechselt. Sie entpuppt sich jedoch als eine Schleifmaschine. Sie soll „Augenoptik erlebbar machen“ und jeden Schritt der Produktion für den Kunden sichtbar machen. Der Verkäufer bezeichnet sich selbst als einen „traditionellen Augenoptiker“.

Im hinteren Bereich des Geschäfts befinden sich zwei Räume, in denen die individuellen Sehstärken ermittelt werden können. Selbst wenn hier herausgefunden werden sollte, dass ein Kunde eine Sehstärke von minus 10 hat, so zahlt er dennoch dasselbe wie ein Kunde mit minus 1,5 – und die Brille ist ebenfalls innerhalb von 20 Minuten fertig.

„Alle Menschen sind gleich“, dies ändere sich auch nicht durch ihre Sehstärke, denn: „Du kannst nichts für deine Sehstärke“, so die Firmenphilosophie. Daher zahlt jeder Kunde hier gleich viel und kommt womöglich günstiger an eine Brille als bei einem ‚normalen‘ Optiker.

Das Design des Geschäfts ist so minimalistisch wie die Brillen selbst gehalten. Nichts soll von ihnen ablenken. Neben dem hellen Holzton der Tische finden sich nur zwei weitere Farben im Geschäft: schwarz und weiß. „Koreanisch Minimal“, so sagt der Mitarbeiter.

Letzten Oktober eröffnete das Geschäft, das seine Wurzeln in Südkorea hat. Dort hat der Besitzer eine eigene Glasfabrik, wo auch die Gläser für die deutsche Niederlassung herstammen. Nachhaltigkeit wird großgeschrieben und Zwischenhändler durch eigens hergestellte Gläser und Gestelle vermieden.

Magdalena, Verkäuferin in der Boutique Storia, erzählt davon, wie immer mehr solcher Concept Stores aus Berlin verschwinden und durch große Ketten ersetzt werden. Die Berliner blieben aber ihren Boutiquen treu und suchen diese weiterhin auf. „Berlin bewegt sich nur“, so sagt sie.

Eine ähnliche Geschichte erzählt auch Silke Gorzialka, die seit über zehn Jahren eine kleine Schneiderei in der Torstraße betreibt. Seit den 90er-Jahren habe sich viel verändert, viele der Boutiquen, die Berlin Mitte einst so prägten, seien inzwischen verschwunden und auch die Berliner hätten sich verändert. So gäbe es heute nur noch eine „Subkultur von der Stange“.

Silke Gorzialka selbst fertigt eher traditionelle Kleider. Sie bevorzugt klare Schnitte. Als sie den Begriff „sportliche Eleganz“ nutzt, um ihren Still zu beschreiben, muss sie jedoch selbst ein wenig schmunzeln. Mit dem Berliner Style kann sie nur recht wenig anfangen.

Auch Nikolaus Schäffer berichtet von einem Umbruch der Berliner Mode-Szene. „Die Stadt ist normaler geworden und inzwischen eine Großstadt wie jede andere“. Ob er es schade findet? „Es ist nun mal der Lauf der Dinge.“ Er betreibt einen Plattenladen in Mitte, in dem er seit ein paar Jahren auch Mode verkauft. „Platten lohnen sich heute nicht mehr, davon kann man die stetig steigenden Mieten nicht mehr bezahlen.“

Nach dem Mauerfall war das Leben in Berlin günstig, die Mieten niedrig. Für die Kunst und die Mode eine perfekte Ausgangssituation. So war Berlin, mit seinen liberalen Gesetzen, ein Magnet für junge Leute aus In- und Ausland, die sich hier ausprobieren konnten. Die Stadt, die heute zu einer Metropole geworden ist, lockte nach und nach jedoch auch Geschäftsleute an, wodurch die Mieten wieder stiegen.

In diesen Jahren laufen die meisten Mietverträge der Boutiquen-Inhaber aus, weshalb viele der Boutiquen schließen oder schon schließen mussten. Es ist ein bedenklicher Wandel, der sich auch auf den Berlin-Style auswirkt: „Die Nischen für Experimente und ausprobieren werden kleiner“, berichtet Schäffer. Für ihn ist die Berliner Mode jedoch noch immer ganz anders als die von London, Paris oder Mailand. Hier trage man „Straßenschlicht“, eine Mischung aus Kapuzenpulli und selbstgemachten Kleidern.

Tali Quindio aus Kolumbien hat eine präzisere Definition für den Berlin-Style. Der Berlin-Style sei „trashy“, „lässig“, „rockig“ und „upgefucked“. Jeder sage das, was er wolle, auch wenn es unfreundlich rüber kommt. Die junge Frau arbeitet in der Kosmetik-Abteilung der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz. Sie ist klein, ihre Augen wirken durch das starke Make-Up jedoch sehr dominant. Laut ihr gibt es zwei Haupt-Berlin-Styles: Beim „Ökostyle“ trägt man Hemd und eine lockere Hose, der Jute-Beutel darf natürlich auch nicht fehlen. Den anderen Style, den sie als „Alternativ-Rock“ bezeichnet“, zeichnen Boots, hauptsächlich Dr. Martens, sowie Long Tees aus. Auch Tunnel und Undercuts sind wesentlicher Bestandteil dieses Berlin-Styles.

Auf die Frage, ob sie selbst den Berlin-Style hat, antwortet sie: „Ich bin vielleicht ein halb, eher ein viertel Berlin“.

Mariana, Verkäuferin in „Who killed Bambi?“, definiert den Berlin-Style nochmals anders. Das Geschäft ist Bestandteil der Hackeschen Höfe und hat ein großes Sale-Schild aus Kreppband an das Schaufenster kleben. Für sie ist Berlin die „Hauptstadt des Hipsters“ und Hipster hätten keinen Style. Somit ist der Berlin-Style gar kein Style: „Es gibt keinen Berlin-Style in Sachen Mode sondern nur in Sachen Einstellung.“ Sie selbst ist schwarz gekleidet, so, wie sie vorher auch einen Hipster beschrieben hat, und trägt selbst ein Piercing. Dennoch sagt auch sie, sie habe keinen Berlin-Style, sie habe sich schon immer so angezogen.

Mit dem Rückgang der Boutiquen in Berlin Mitte, der in Zusammenhang mit den stetig steigenden Mietpreisen steht, verschwindet auch mehr und mehr der Berliner Style. Er gleicht sich dem normalen Streetwear-Look der anderen deutschen Großstädte an. Eine Metropole entwickelt sich stetig fort, so auch Berlin.

Von Alexander Maxelon