Der Wochenmarkt – für die einen Normalität, für die anderen Hoffnung

Der Gang zum Wochenmarkt am Apostelkloster in Köln ist für viele Menschen ein gewohnter Gang, um frische Lebensmittel zu besorgen. Allerdings hängt für einen Menschen viel mehr von dem Markt ab. Werner* ist obdachlos und geht seit fünf Jahren zum Markt, um Menschen um eine persönliche Spende für eine warme Mahlzeit zu bitten.

„Wie viel darf's denn sein?“ - „600 Gramm bitte“. Die Verkäufer stehen gut gelaunt hinter ihrer Theke und werben für die Qualität ihrer Produkte. Vor den bunt bedruckten Wagen stehen Kunden. Manche sind gestresst, andere sehen fröhlich aus. Wenn man freitags im Norden der Kölner Altstadt den Platz vor dem Apostelkloster betritt, liegt einem ein Geruch verschiedenster Lebensmittel in der Nase. Gelächter schallt über den Platz, Tüten knistern und Geld klimpert.

Etwas abseits von dem Getümmel sitzt ein Mann mit gesenktem Kopf auf einer Decke. Neben ihm liegen ein Rucksack und ein Schlafsack. Vor ihm steht ein Kaffeebecher, der mit ein paar Münzen gefüllt ist. Er trägt eine abgenutzte braune Jacke, eine ausgeblichene schwarze Hose und dreckige Schuhe. Auf seinem Kopf trägt er eine schwarze Mütze, sein Gesicht ist in einem dicken ausgefransten Schal eingehüllt und kaum zu sehen.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ frage ich den Mann. Überrascht schaut er mich an, ein leichtes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Wenn es Sie nicht stört“, antwortet er und reicht mir seine raue, faltige Hand. Erst jetzt kann ich seinen drei-Tage-Bart und seine kleinen, glanzlosen Augen erkennen. „Ich bin der Werner“, sagt er vorsichtig. Werner ist 52 und erzählt mir, dass er obdachlos sei und hier um Geld bettle. „Auf der Straße leben tu' ich schon 15 Jahre“, sagt er, „ich wurde arbeitslos, dann fehlte das Geld für die Miete“. Dazu sei dann noch der Alkoholkonsum gekommen. Früher war er Bauarbeiter gewesen, erzählt er mir mit einem traurigen Blick, doch dann kamen seine Rückenprobleme. Früher hätte er nie erwartet, dass er einmal betteln gehen muss. Er dachte, so etwas gäbe es in Deutschland bei Menschen nicht, die früher hart gearbeitet haben und unfreiwillig aus ihrem Job aussteigen müssen.

Während er spricht, fällt mir seine Zahnlücke auf. Sein Atem ist eine Mischung aus Bier und Rauch. Seine Kleidung riecht klamm. Ich wundere mich über sein Vertrauen, das er mir direkt schenkt. „Nicht viele wollen sich mit mir unterhalten“, gesteht er.

Wir sitzen auf seiner Decke, darunter der kalte harte Beton. Der Wind durchdringt meine Jacke. Ich schaue mich um. Vor mir sehe ich die Füße der Passanten, über mir ihre Köpfe, die mit abwertenden Blicken auf uns hinab schauen. Ihre Schritte erscheinen laut und fest. Es ist ein erdrückendes Gefühl. Wir befinden uns in einer kleinen Einkaufsmeile neben dem Wochenmarkt. Von dort klingen die Stimmen der Kunden. Aus den Läden hören wir Musik. Eine Mischung aus Milky Chance und Rihanna.

„Es ist mir schon unangenehm“, sagt der 52-jährige, „aber man gewöhnt sich dran“. Er sitzt nun schon seit drei Stunden hier. Bisher liegen vier Euro in seinem Kaffeebecher. Ich frage ihn, wofür er das Geld verwenden wird. Er schaut mich verlegen an: „Eine kleine Mahlzeit. Und Alkohol“. An den Markttagen bekomme er häufig sogar das doppelte Geld. „Ab und zu krieg' ich sogar 'ne Kleinigkeit aus ihren Tüten vom Wochenmarkt oder die Verkäufer selbst geben mir etwas, was eigentlich in der Tonne landen würde“. Werner geht allerdings nicht direkt auf dem Markt: „Ich bin dort nicht so willkommen“.

Werner wirkt während unseres Gesprächs müde und unmotiviert. Er hat tiefe Augenringe und zupft angespannt an seiner Decke. „Ich bin auf das Betteln nicht stolz“, flüstert er „aber ich habe mich aufgegeben“. Trotzdem sitzt der Obdachlose jeden Dienstag und Freitag am Wochenmarkt, in der Hoffnung, doch etwas mehr Geld zu bekommen. Es mache ihn traurig zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit die Menschen hier ihre Lebensmittel kaufen würden: „Ich kann mir nicht ma' ne Wurst leisten“.

Eine ältere Frau läuft an uns vorbei. In ihren Händen trägt sie zwei volle Tüten mit Lebensmitteln, die sie scheinbar vom Wochenmarkt gekauft hat. Sie schaut Werner mitleidig an, wirft zwei Euro in seinen Kaffeebecher und sagt „Alles Gute“. Das Geld klimpert. Werners Augen öffnen sich weit. Er faltet seine verschmutzten Hände. „Danke! Gott sei mit Ihnen“, antwortet er mit seiner rauchigen Stimme. Werner schaut mich mit seinen braunen Augen an. „Siehste! Die kam auch vom Markt“.

Wenn Werner nicht so viel Geld bekommt, isst er in einem Obdachlosenheim, erzählt er mir. Dort könne er auch duschen und sich aufwärmen. Seine Nächte verbringe er an den verschiedensten Orten: „Mal am Rhein, mal unter 'ner Brücke, mal auf 'ner Bank“.

Als ich mich von ihm verabschiede, werfe auch ich Geld in seinen Kaffeebecher. Fünf Euro. Davon könnte er satt werden. Nun schaut er auch mich mit seinen weiten Augen an. „Danke für deine Aufmerksamkeit“, sagt er lächelnd „Gott sei mit Dir“.

Nachdem ich ein paar Meter gegangen bin, drehe ich mich noch einmal um. Ich sehe, wie eine Frau ihm einen Apfel aus ihrer Tüte vom Markt gibt. „Siehste“, denke ich mir. Vor mir liegt wieder der Markt. Ich betrachte ihn mit anderen Augen. Während Werner nur wenige Meter entfernt auf eine Spende für eine warme Mahlzeit wartet, wird hier tatsächlich das Geld selbstverständlich über die Theke gegeben.

  • Name geändert
von Vanessa Stork

Medienwerkstatt