„Mit den Differenzen umgehen“

Die japanische Schriftstellerin Yoko Tawada über Integration

Eigentlich wollte sie Russische Literatur in der Sowjetunion studieren, doch weil ihr das verwehrt blieb, kam sie 1982 als Praktikantin nach Hamburg, wo sie später Germanistik studierte. Heute lebt die japanische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Yoko Tawada in Berlin. Ein Kurzinterview über Integration mit Yoko Tawada.

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Schriftstellerin Yoko Tawada

Welche Gedanken schwirren durch Ihren Kopf, wenn Sie den Namen Thilo Sarrazin hören?

Ich bin ja kein praktischer Mensch, aber wenn ich ein bisschen politischer und aktiver wäre, würde ich gerne mit den Migrantenkindern arbeiten und zum Beispiel Theaterprojekte initiieren. In Grundschulen mit einem hohen Anteil von Kindern, die Deutsch als Fremdsprache gelernt haben, habe ich bereits Lesungen gehalten. Kinder sind noch begeistert von Sprache. Denn alle Kinder lernen gerne Sprachen. Später lernen dann nur noch diejenigen Fremdsprachen, die sich dafür interessieren. Kinder im Alter bis zu zehn Jahren sind noch sehr interessiert an Sprachen, sie sind das beste ,Spielzeug’ und machen auch gute Laune. Denn Sprachen zu lernen ist in diesem Alter weder mit Pflicht noch mit Zwang verbunden. Das wird leider nicht ausgenutzt, und das ärgert mich.

Wie könnte Literatur zur Integration beitragen?

Das könnte sie, aber dafür müssten die Kinder schon Deutsch können. Viele deutsche Kinder, Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache sprechen, aber auch Studenten reagieren sehr positiv auf meine Literatur. Sie meinen, sie seien inspiriert, auch selber etwas zu schreiben.

Allerdings weiß ich nicht, ob das Wort „Integration“ in meinem Sinne ist. Ich möchte, dass man die eigene Muttersprache kennt sowie weitere Sprachen und die des Landes, wo man lebt. Wichtig ist, dass man mit den Differenzen umgehen kann. Ob man dann einverstanden ist mit dem, was angeblich Deutsch ist… Wenn das Integration ist, dann muss man gar nicht integriert sein.

Ich hab gar kein Problem, ganz anderer Meinung zu sein wie die meisten Deutschen, was man an Weihnachten macht und wie eine Familie aussehen soll. Bedeutend ist für mich, die Landessprache zu lernen, die Gedanken interpretieren und diskutieren zu können. Das meine ich, und ob das Wort „Integration“ dafür richtig ist, weiß ich nicht. Integration klingt zuerst so, als müsse man einig werden mit dem Ganzen, aber das meint man sicher nicht. Denn innerhalb von Deutschland diskutieren die Leute ja auch ständig miteinander, was Integration ist. Es gibt ja keine einheitliche deutsche Meinung und das ist gut so.

Gibt es in Japan auch ein Wort für Integration?

Ja, gibt es. Bei uns kennt man das Problem aus dem Mittelalter. Leute, die außerhalb von den Kasten sind, waren unberührbar. Diese Menschen sollten in die Gesellschaft integriert werden. In diesem Zusammenhang kennt man in Japan das Wort „Integration“. Aber was die Nichtjapaner betrifft, die erst in der Moderne unfreiwillig und freiwillig in Japan eingewandert sind, ist es noch nicht so weit, dass man darüber intensiv diskutiert.

Im Moment ist Japan fast täglich in den Medien, wie fühlen Sie sich dabei?

Da gibt es viel zu sagen, aber das Wichtigste ist, dass die Menschen jetzt gemerkt haben, wie gefährlich die Atomkraftwerke sind, und dass dieses Wachwerden nicht wieder verschwindet, sondern das Bewusstsein der Gefahr jetzt andauert. Das wird schnell wieder vergessen. Für die Opfer ist das natürlich alles furchtbar. Aber Tsunamis und Erdbeben sind wir in Japan gewohnt. Das ist zwar schrecklich, aber die Häuser kann man wieder aufbauen – das ist eine Frage der Zeit. Die Atomkraftwerke aber sind wirklich überdimensionale Probleme, mit denen wir eigentlich überfordert sind. Darunter leide ich.

Das Interview führte Franziska Broich, Stipendiatin der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung und Studentin der Europastudien an der Universität Maastricht im Rahmen der Veranstaltung „Was eint uns?“ von KAS, Christ&Welt in der ZEIT und Literaturhaus Bonn am 10.05.2011 im Bonner Wasserwerk.

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