Veranstaltungsberichte

An Leib und Seele verwundet

von Christian Schleicher

Lesung mit Ralf Rothmann

Mit leicht rauher aber einfühlsamer Stimme ließ Ralf Rothmann Textpassagen aus seinem aktuellen Buch "Im Frühling sterben" durch das Forum der Akademie schweben.

Er nahm die Zuhörer/innen dabei mit auf eine Reise ins Frühjahr des Jahres 1945. Der Roman erzählt die Geschichte der beiden 17jährigen befreundeten Melker Walter Urban und Friedrich Caroli, die kurz vor Kriegsende in Norddeutschland noch von der SS zwangsrekrutiert werden und in Ungarn zum Einsatz kommen. Friedrich, der es nicht mehr aushält, desertiert, und wird von einem Kommando, dem zynischer Weise auch Walter angehört, erschossen. Das Buch ist fiktiv, aber die Romanfigur des Walter entspricht, wenn auch nicht eins zu eins, so doch in weiten Teilen dem Vater Ralf Rothmanns. An einem Erschießungskommando des eigenen Freundes ist sein Vater allerdings nicht beteiligt gewesen. Diese Schilderung ist dem Autor von einer anderen Person zugetragen worden und er hat sie mit der Geschichte seines Vaters verknüpft.

Sehr sprachgewaltig, eindrücklich und realitätsnah schreibt Rothmann über die schrecklichen Erlebnisse der beiden Freunde und gewährt den Lesern dabei tiefe Einblicke in den Kriegsalltag, die Ängste und Sorgen sowie das Seelenleben junger Männer, die völlig sinnlos noch kurz vor Kriegsende verheizt werden sollen.

Im anschließenden Gespräch schilderte er, dass sein Vater, der bis zu seinem Tod unter den Kriegserinnerungen gelitten und nie viel darüber gesprochen habe, an Leib und Seele verwundet auf allen Vieren aus dem Krieg zurückgekommen sei. Sein Anliegen war es dem Vater mit diesem Buch die Sprache wieder zu geben. „Diesen Stoff trage ich bereits seit mehreren Jahren mit mir herum. Eigentlich sollte mein Roman Milch und Kohle bereits ein Buch über meinen Vater werden, aber am Ende musste ich feststellen, dass es stattdessen ein Buch über meine Mutter geworden war. Daher kam es erst jetzt mit Verspätung zum Buch über den Vater.“ Rothmann charakterisierte seinen wortkargen Vater als eine Person, dessen Schweigen ihm dennoch Autorität verlieh und er als stiller Held für ihn stets ein Vorbild gewesen sei.

Angesprochen auf die Frage, inwieweit die Literatur einen Beitrag zur Aufarbeitung der Schrecken des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges leisten könne, führte der Autor aus, dass Literatur immer nur in der Lage sei einzelne Menschen zu erreichen und man daher auch ihre Wirkung nicht überschätzen solle. Die Literatur, so Rothmann, der bevor er Schriftsteller wurde, mehrere Jahre als Maurer, Drucker, Koch und Krankenpfleger gearbeitet hat, habe sein Leben nachhaltig verändert, ihm Kraft gegeben und ihn erzogen. Zum Schreiben ist er durch die Lektüre Hermann Hesse gekommen. „Beim Lesen dessen Bücher stellte ich mir immer wieder die Frage, woher der das von mir weiß. Dies hat schließlich in mir den Impuls ausgelöst, das auf meine Art und Weise auch machen zu wollen.“

Die Erinnerung spielt im Werk Rothmanns eine zentrale Rolle. Dies kommt im folgenden Zitat des Literaturpreisträgers der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Ausdruck: „Meine Sprache hat nur dann Schwerkraft, wenn ich aus meinen Erfahrungen spreche.“ In vielen seiner Romane, wie zum Beispiel Stier, Wäldernacht und Milch und Kohle ist ein ständig wiederkehrendes Element die Erinnerung eines Erwachsenen an seine Kinder- und Jugendzeit. Mit seinem aktuellen Roman Im Frühling sterben, der bis auf Pro- und Epilog erstmalig nicht ausschließlich auf eigenen Erfahrungen des Autors beruht, ist ihm ein großer und sehr einfühlsamer Wurf über die verdrängte Erinnerung seines Vaters gelungen. Rothmann räumte ein, dass ihn daher das Schreiben dieses Buches vor eine besonders große Herausforderung gestellt habe, was alleine dadurch zum Ausdruck komme, dass er alleine ein Jahr an der Schilderung der Erschießungsszene gesessen habe.

Rothmann, der nicht nur ein brillanter Autor, sondern auch ein exzellenter Vorleser ist, fesselte die Zuhörer/innen beim Vortrag der Passage über die letzte kurze Zusammenkunft der beiden Freunde in der Nacht vor der Erschießung Friedrichs derartig, dass sich die Szene regelrecht vor deren geistigem Auge abspielte. Aufgrund seiner authentisch wirkenden und plastisch-einfühlsamen Beschreibung vermittelte er ihnen überdies das Gefühl, als ob er über etwas schreibe, was er selbst erlebt habe. Mit Ralf Rothmann beschloss ein wahrer Meister des Worts und der Stimme die Reihe „Literatur & Erinnerung“.

Teilen