Veranstaltungsberichte

"Ach, mein Herz!" - Ein Literaturvormittag im Haus Kreienhoop

von Andreas Samuel Bösche
Auf Einladung des Bildungswerks Bremen besuchte eine Deutsch-Klasse aus dem sozial benachteiligten Stadtteil Osterholz-Tenever am Montag Haus Kreienhoop, den Lebens- und Arbeitsmittelpunkt des bekannten deutschen Schriftstellers Walter Kempowski. Die SchülerInnen wurden von Hildegard Kempowski in Empfang genommen und erhielten im Rahmen einer Lesung die Gelegenheit, sich mit dem Werk ihres 2007 verstorbenen Mannes zu beschäftigen. Anschließend konnten die Besucher Fragen zum Leben und Werk Kempowskis stellen, die Hildegard Kempowski mit großer Offenheit und Humor beantwortete.

Bremen, ZOB 8:30 Uhr.

In der nasskalten, zugigen Urbanität des ZOB, zwischen Cinemaxx-Kino, Hochstraße und Hauptbahnhof warten einige Schüler aus Osterholz-Tenever auf den Reisebus, der sie nach Nartum, dem Lebens- und Arbeitsort des berühmten deutschen Schriftstellers Walter Kempowski, bringen soll. Auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten die SchülerInnen der Gesamtschule Ost die Gelegenheit, sich über den Deutschunterricht hinaus einen „Literaturvormittag“ lang mit dem Werk des Schriftstellers zu beschäftigen. Im Zentrum des Besuches steht eine Lese- und Fragestunde mit Hildegard Kempowski, der Witwe des 2007 verstorbenen Autors.

Schon bei der Anfahrt zum Haus Kreienhoop, in dem Kempowski über 40 Jahre an seinen Romanen, kollektiven Tagebüchern und Geschichten arbeitete und das heute als literarischer Begegnungsort fungiert, wird deutlich, was der Schriftsteller in dieser ländlichen Gegend suchte: Ruhe und Muße zum Schreiben.

Vor den SchülerInnen breitet sich zwischen Birken, Feldern und Mooren eine winterliche Zauberlandschaft aus. Der große, helle Veranstaltungsraum zwischen „Büchergang“ und „Heimwehturm“ (in Erinnerung an Kempowskis Heimatstadt Rostock) gelegen, nimmt die Weite der Landschaft architektonisch auf – Haus Kreienhoop ist, das wird schnell klar, ein echtes literarisches Refugium. In dieser Atmosphäre richtet nun Hildegard Kempowski das Wort an ihre jugendlichen Zuhörer: „Dieses Haus lebt von den Texten, die Walter Kempowski geschrieben hat.“ Es seien über 42 Bücher mit mehr als 20.000 Seiten Geschriebenem, wie könne sie da in einer einstündigen Lesung dem Werk ihres Mannes auch nur ansatzweise gerecht werden? Dennoch steht ihre Lesung in einem direkten Bezug zum literarischen Erbe und zum Verständnis Walter Kempowskis: „Von den Texten geht es aus und zu den Texten geht es hin.“

In der folgenden Lesung gibt Frau Kempowski Erlebnisse ihres Mannes wieder, die dieser in literarischer Form in dem Roman „Uns geht´s ja noch gold!“ festhielt. Nach dem verlorenen II. Weltkrieg erleben die Kempowskis den Einzug und die Besatzung der Roten Armee in Rostock. Die Begegnungen mit den Besatzern bringen einschneidende Erlebnisse, mitunter hängt ein Überleben vom Gutdünken der jeweiligen Rotarmisten ab. Der junge Walter hat hier Glück im Unglück: Zwar wird er zum Schnapsholen zwangsrekrutiert, persönlich gedemütigt und bedroht, kann seinen Verfolgern aber letztlich entkommen.

Die SchülerInnen folgen gebannt den Ausführungen Hildegard Kempowskis. Viele kluge Fragen schließen sich an, auf die Frau Kempowski offen und mit deutlich sichtbarer Sympathie antwortet. Wie lange dauerte es etwa, bis sie nach dem Tod ihres Mannes sein literarisches Erbe antreten und aus seinen Werken lesen konnte? Hier ist es tröstlich zu hören, dass dies relativ schnell möglich war, denn: „Der Mann ist so getröstet gestorben, weil er fertig war.“ Eine heitere Stimmung kommt dann bei der Frage auf, wie Frau Kempowski denn ihren Mann kennen und lieben gelernt hätte? Hildegard Kempowski erzählt weiter. Von der Zeit des Pädagogik-Studiums in Göttingen und dem Tanzabend, zu dem sie eine Freundin mitnahm. Hier traf sie ihren künftigen Mann Walter, der nach seiner Entlassung aus dem Bautzener Zuchthaus 1956 sein Abitur nachholte und sich zum Grundschullehrer ausbilden ließ. Zwischen den beiden entspann sich sofort eine familiäre Vertrautheit, geprägt von Humor, Ernsthaftigkeit und gegenseitigem Verständnis. Anrührend war ihr die Reaktion Walters auf einen Hund, der sich auf die Tanzfläche verirrt hatte. „Ach, mein Herz!“ habe Walter das Tier angesprochen und sanft getätschelt.

Es sind gerade diese persönlichen Erinnerungen und Berichte, die den Schriftsteller Kempowski den SchülerInnen so nahe bringt. Die Lebensnähe und persönliche Komponente des Vortrags im Haus Kreienhoop machen ebenso Eindruck wie das Schriftstellerdomizil selbst: „Es war schön, zuzuhören“, äußert sich eine Schülerin und die Umstehenden nicken beifällig.

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