Veranstaltungsberichte

„Anpfiff“ für „Geschichte und Fußball – Fußballgeschichten“

von Sebastian Tümmel

Christopher Beckmann referiert über das „Wunder von Bern“ 1954

Das „Wunder von Bern“ 1954, das sich am 4. Juli zum 60. Mal jährt, ist für viele Bürger in Deutschland ein Begriff. Schülerinnen und Schüler der Oberschule Findorff erfuhren nun näheres zu den Hintergründen und den Auswirkungen – sowohl in Ungarn als auch in der Bundesrepublik – dieses WM-Sieges der deutschen Nationalmannschaft. Die Konrad-Adenauer-Stiftung Bremen startete am 16. Juni die, in Kooperation mit dem SV Werder Bremen organisierte, Veranstaltungsreihe „Geschichte und Fußball – Fußballgeschichten“.

Ziel dieser, anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien konzipierten, Reihe ist es, mit Schülerinnen und Schülern aus Bremen verschiedene – positive, wie negative – Aspekte der Fußballgeschichte zu thematisieren und den Jugendlichen die gesellschaftspolitische Bedeutung des Sports vor Augen zu führen.

Der Historiker Christopher Beckmann wartete in seinem Vortrag mit allerlei Hintergrundinformationen zum vom „Wunder von Bern“ auf, verglich die Ausgangssituation der Finalkontrahenten Deutschland und Ungarn und sprach über die Folgen des Finalausgangs in den Ländern selbst.

In Ungarn wurde fest mit dem Titelgewinn gerechnet, so Beckmann, seit vier Jahren war die „Goldene Elf“ ungeschlagen. Eine Qualifikation musste die Mannschaft, bestückt mit Superstars wie Ferenc Puskás oder Nándor Hidegkuti, gar nicht erst spielen, der einzige Gegner, Polen, trat wegen Aussichtslosigkeit nicht an. Ungarn hatte 1953 als erste Mannschaft überhaupt England im weltberühmten Wembley-Stadion besiegt. Die Magyaren galten gewissermaßen als unschlagbar. Dieser Einschätzung verdankten die Spieler auch ihren privilegierten Status in der kommunistischen Diktatur Ungarns. Sie dienten gewissermaßen als „Kitt“ zwischen der Bevölkerung und dem verhassten Regime, beschrieb Christopher Beckmann die Situation. Nicht zuletzt auch, weil der Sport von der Regierung instrumentalisiert wurde. Der sportliche Erfolg verdeutliche die Überlegenheit des poltischen Systems, so die Propaganda der Kommunisten.

Ganz im Gegensatz zur noch jungen Bundesrepublik: Nicht nur, dass der Fußball hier nicht politisch instrumentalisiert wurde, analysierte Beckmann, deutsche Politiker wären auch nicht übermäßig an ihm interessiert gewesen. So habe Bundespräsident Heuss den Offensivmann Max Morlock einmal gefragt, ob er der Torwart wäre. Anders als in Ungarn seien die Erwartungen daher sehr gering gewesen, auch weil die Nationalmannschaft keine Stars, sondern lediglich Amateure in ihren Reihen hatte.

Doch es kam anders als alle dachten, die deutsche Elf holte im Berner Wankdorfstadion den Titel und dafür gab es laut Christopher Beckmann drei Gründe: Zum einen habe die deutsche Mannschaft mit Sepp Herberger einen „listigen Trainerfuchs“ gehabt, der das ganze Turnier akribisch vorbereitete. Zum zweiten seien die Spieler eine „verschworene Gemeinschaft“ gewesen. Später wurde oft vom „Geist von Spiez“ gesprochen, zu dem wiederum Herberger beigetragen habe, da er strenge Regeln aufstellte. Zu guter letzt half auch noch der Schiedsrichter mit, so der Historiker weiter, die Ungarn hätten nämlich, und das wüsste heutzutage kaum jemand, noch ein weiteres Tor geschossen, welches wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung nicht gegeben wurde.

Abschließend ging Beckmann noch auf die Folgen in Deutschland und Ungarn ein und räumte mit dem Mythos vom Wunder als eigentliche Staatsgründung der Bunderepublik auf. Es wäre zwar richtig, dass der WM-Triumph ein neues Gemeinschaftsgefühl in der Gesellschaft geschaffen habe und auch wieder ein gewisses Nationalgefühl spürbar wurde, aber die Staatsgründung wäre bereits 1949 endgültig gewesen und auch das Wirtschaftswunder hätte es ohne Titelgewinn gegeben. In Ungarn hingegen hätte die Niederlage einer „nationalen Katastrophe“ geglichen. Mit dem Ende der „goldenen Elf“ sei der dünne „Kitt“ zwischen Bevölkerung und Regime zerbrochen. Aber zum Volksaufstand von 1956 wäre es auch bei einem Sieg der Ungarn gekommen, bilanzierte der Historiker.

Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

Dr

Landesbeauftragter für Bremen und Leiter des Politischen Bildungsforums Bremen

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