Veranstaltungsberichte

Filmvorführung "Gesicht zur Wand"

von Sylvia Sproede
Mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ wurde der Dokumentarfilm „Gesicht zur Wand“ von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden ausgezeichnet, welchen die Konrad-Adenauer-Stiftung an der Universität Bremen zeigte. Im Anschluss an die Filmvorführung gab es eine Podiumsdiskussion mit dem Autor und Regisseur des Films, Stefan Weinert, sowie dem Oberstaatsanwalt Dr. Hans-Jürgen Grasemann aus Braunschweig.

Der Film „Gesicht zur Wand“ erzählt über die Methoden der Staatssicherheit bei der Inhaftierung politischer Gegner und der DDR-Republikflüchtigen und zeigt, wie die schmerzhaften Erfahrungen das Leben dieser Personen beeinflusst haben. Exemplarisch für das Schicksal von 72.000 ehemals inhaftierten DDR-Republikflüchtlingen veranschaulicht Stefan Weinert in seinem stillen und sehr nachdenklichen Film die Geschichte von fünf Menschen, deren Leben, so unterschiedlich sie auch sind, alle durch die Vorgehensweisen der Staatssicherheit bis heute tief geprägt wurden. „Das Erlebte ist wie ein Stein auf der Seele, der niemals weggeht“ beschreibt es Anne K., eine der Protagonisten des Dokumentarfilms. Stefan Weinert horcht mit seinem Film in die Stille hinein, die mehr aussagt als tausend Worte.

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Dr. Hans-Jürgen Grasemann

Auf die Frage der Verfolgung von Fällen der Rechtsbeugung entgegnete Grasemann, dass eine Bestrafung damaliger Taten häufig nicht möglich war, da die Rechtsbeugung in der DDR laut der DDR-Verfassung nicht strafbar war. „Man versteht schon, dass die Leute mit der Rechtsprechung nicht zufrieden waren“, bestätigte der Oberstaatsanwalt.

Stefan Weinert, als gebürtiger Kölner im Westen aufgewachsen, fand erst im Ausland das Interesse an der deutschen Geschichte, entschloss sich dann aber bald, die Idee seines Films umzusetzen. Die oft biedere, harmlose Darstellung der Vergangenheit im Fernsehen passte für ihn nicht mit dem Bild überein, welches er erlebt und erzählt bekommen hatte und daher wollte er in seinem Film das Schicksal von Leuten zeigen, die repräsentativ für die große Masse stehen. Ein Vater, eine Mutter, ein Großvater oder eine Tante – sie alle haben unter den Spionage- und Foltermethoden des Ministeriums für Staatssicherheit gleichermaßen gelitten.

Auf die Frage, warum nicht auch die Täterseite im Film dargestellt wird, gab der Regisseur Weinert deutlich zu verstehen, dass er diesen Leuten keine Plattform bieten möchte. Alles in Allem lobt Weinert die Aufarbeitung der SED-Machenschaften in Deutschland und verdeutlicht, dass sie entgegen mancher Vermutungen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr weit fortgeschritten ist. Das Problem in Deutschland ist jedoch, dass sich die Deutschen nicht für die Geschichten der Opfer interessieren, da diese ihnen zu langweilig sind. „Man hat bestimmte Schnipsel, die man kennt, aber den Schritt in eine Gedenkstätte wagen nur wenige“ bedauerte Weinert. „Das Thema wird häufig mit Handschuhen angefasst“.

Mit einem Witz aus der Zeit nach dem Fall der Mauer in der DDR lockerte Grasemann die ernste Stimmung des Abends auf: „Ein SED-Mitglied, das ein neues Mitglied wirbt, bleibt zwei Jahre lang beitragsfrei. Ein SED-Mitglied, das zwei Mitglieder wirbt, darf aus der Partei austreten. Ein SED-Mitglied hingegen, dass drei Mitglieder wirbt, erhält garantiert eine Bescheinigung, dass es nie in der Partei war“.

„Jeder trägt sein eigenes Schicksal“ erklärte Stefan Weinert zum Ende der Veranstaltung und wurde von Grasemann durch die Worte ergänzt: „Die Vergangenheit lässt uns nicht los. Sie ist nur jahrelang verschüttet“. Und genau aus diesem Grund ist der Dokumentarfilm so besonders wertvoll, denn auch heute und in der Zukunft ist die Aufarbeitung des DDR-Unrechts ein wichtiges Thema, vor dem keiner aus der Gesellschaft die Augen verschließen sollte.

„Aus der Geschichte der Völker können wir lernen, dass die Völker aus der Geschichte nichts gelernt haben“, sagte bereits Hegel und appellierte daran, vergangene Taten nicht im Schweigen untergehen zu lassen.

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