Veranstaltungsberichte

Internet- und Wirtschaftskriminalität

von Robert Kühltau
Die Vorratsdatenspeicherung ist so notwendig wie noch nie. Das erklärte BKA-Präsident Jörg Ziercke vor rund 130 Gästen bei der Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung über Internet- und Wirtschaftskriminalität im Bremer Schütting.

Die Welt sei ohne Netz zwar nicht mehr vorstellbar, die atemberaubende Geschwindigkeit der Technologie und ihre globale Vernetzung brächten Kriminalistik und Strafrecht aber an kaum zu überwindende funktionale und territoriale Grenzen. Polizei und Justiz müssen sich anpassen und neue Werkzeuge einsetzen, forderte Ziercke.

Die Wirtschafts- und die Internetkriminalität sind Kontrolldelikte, erklärte er, deren ermittelte Fallzahlen kaum Rückschlüsse auf die Dunkelziffer zulassen. Auffallend sei die Verschmelzung der Bereiche Internet und Wirtschaft und das besonders brisante Schadensvolumen: Die Wirtschaftskriminalität macht nur zwei Prozent der Gesamtstraftaten aus, ihr Anteil am Schadensvolumen beträgt aber 55 Prozent. Neu entstehende Geschäftsmodelle wie der Emissionshandel oder das Onlinebanking sind für die „Cyber-Ganoven“ besonders interessant. Da diese Bereiche zunehmend technisiert sind, kann der Bankraub heute „vom Schreibtisch aus bis ins hohe Alter hinein“ begangen werden. Die Zuwachsrate von 66 Prozent bei der Internetkriminalität bestätigt das ebenso eindrucksvoll wie die jüngst publik gewordenen Fälle: 1,2 Millionen gestohlene Datensätze bei Neckermann, 77 Millionen entwendete Kundendaten bei Sony und allein in diesem Jahr 200.000 erschlichene Kreditkarteninformationen bei deutschen Banken. Das gewaltige Ausmaß der potentiellen Bedrohung durch Trojaner – Programme, die den Computer fremdsteuern – machte er anhand verschiedener Kennzahlen deutlich: Jeden Tag werden 13.000 infizierte Websites online gestellt und Zweidrittel aller Trojaner-Schadcodes mittlerweile so übermittelt, ohne dass die Opfer dies wahrnehmen können. Fachleute sprechen bei diesem Phänomen von einer „Drive-By-Infection“.

Zwei große Trends der Zukunft sind laut Ziercke der Handel mit gestohlenen digitalen Identitäten und die Spezialisierung der Kriminellen auf Smartphones, die als Rechenressourcen für digitale Angriffe auf Unternehmen, Behörden oder Infrastruktur-Anlagen genutzt werden. Kriminalität, Spionage und Terror verschmelzen hier. Und Deutschland ist, erläuterte Ziercke, weltweit ein beliebtes Ziel. Zur effektiven Bekämpfung der Kriminalität plädierte Ziercke für mehr internationale Kooperation zwischen Behörden und Wirtschaft. Ohne die Vorratsdatenspeicherung jedoch geschieht jegliche Kriminalitätsbekämpfung „nach dem Zufallsprinzip“, sagte er bei der Diskussionsveranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Sicherheitsbehörden bräuchten solche Instrumente gegen die international operierenden Schwerkriminellen.

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