Veranstaltungsberichte

Vom "Pflegedienst der Nation" bis zum demographischen Wandel

von Kim Henneking

Jens Spahn und Rainer Bensch erläutern in Bremen-Nord aktuelle Themen der Gesundheitspolitik

„Bei Gesundheit kann jeder mitreden!“ Mit diesem Satz begann Jens Spahn, MdB und CDU-Gesundheitsexperte, seine Einführung zum Thema „Gesundheitspolitik – Herausforderungen der Zukunft“ am 05. Februar 2014 in Bremen-Vegesack. Über 100 Gäste, unter anderem Krankenhaus- und Krankenkassenvertreter, Politiker, Vertreter von Interessenverbänden und engagierte Bürger, zeigten mit zahlreichen Fragen und Berichten aus Lebens- und Arbeitsalltag, dass der Referent mit dieser Aussage recht hatte. Rainer Bensch, MdBB und Diplom-Pflegewirt, moderierte die Veranstaltung.

Spahn, der 2013 nach der Bundestagswahl die Koalitionsverhandlungen im Gesundheitsbereich leitete, berichtete mit einigen Anekdoten aus seiner Heimatregion von den Fragen und Veränderungen, die eine alternde Gesellschaft mit sich bringt. Die Lebenserwartung der Deutschen steigt mit jedem Tag um 5 Stunden. Zudem sind alleine 4,8 Millionen Menschen im Gesundheitsbereich beschäftigt. Das hat zu tun mit Lebensumständen, Hygiene, Bildung, aber auch mit medizinischem Fortschritt. Es stellt sowohl die Politik als auch die Wirtschaft und nicht zuletzt jede Familie vor neue Herausforderungen. Innenstädte müssen seniorengerecht an Rollatoren angepasst werden, die Autoindustrie entwickelt neue, altersgerechte Modelle und immer mehr Familien sehen sich mit der Pflegebedürftigkeit ihrer Liebsten konfrontiert.

„Pflegebedürftigkeit bedeut die ganz banalen Dinge des Alltags nicht mehr machen zu können. Das ist physisch und psychisch eine Belastung“, weiß Spahn auch aus Erfahrungen in seinem persönlichen Umfeld. Unterstützung für eben jene Personen, die Tag für Tag auf Hilfe angewiesen sind, aber auch für ihre Angehörigen soll durch Familien und den Staat geschaffen werden. Doch wie ist das umsetzbar? Für Spahn ist klar, dass der Staat nie ganz ausgleichen kann, was die Familie als „Pflegedienst der Nation“ leistet. Dennoch müssen Lösungen gefunden werden, die den Menschen erlauben, in Würde zu altern, ohne die Angehörigen zu überlasten.

Demenz soll laut Spahn stärker in die Pflegeversicherung mit aufgenommen werden. „Wir treffen jetzt auf Krankheiten, die wir vorher gar nicht kannten. Wenn Sie heute eine Pflegeeinrichtung betreten sind 70 – 80% der Bewohner dement“, sagt er über die aktuelle Situation in Deutschland. Innerhalb dieser Einrichtungen herrscht ein großer Bedarf an Pflegekräften, besonders wenn diese ihrem Anspruch an ihren Beruf gerecht werden wollen, anstatt nur das Nötigste zu erledigen. Hier möchte Spahn Entlastung durch Betreuungskräfte schaffen. Diese sollen sich persönlicher und zeitintensiver um Pflegebedürftige kümmern, beispielsweise etwas vorlesen oder einfach nur zuhören und menschlichen Kontakt bieten.

Neben der Pflege brachte Spahn zahlreiche weitere Themen ein, wie etwa das Stadt-Land-Gefälle ärztlicher Betreuung, bürgerliches Engagement im Gesundheitssektor und den Nachwuchs in der Medizinbranche. Wie breit das Feld der Gesundheitspolitik tatsächlich ist, zeigte sich in der Diskussion mit dem Publikum, die Bensch moderierte. Vom Zustand im Hospiz-System, über Gesundheitsfragen im Kontext der Globalisierung bis hin zum Umgang mit geistig Kranken und der Kriegsgeneration im Alter stand er dem interessierten Publikum zu allen Themen Rede und Antwort.

In der Diskussion war besonders die Dokumentation der Arbeitsleistung Anlass für hitzige Wortwechsel. Laut Spahn sei hier wichtig, das richtige Maß an Dokumentation und Rechtssicherheit zu finden, ohne dabei im Übermaß zu landen. Genereller Verteufelung von Dokumentation wolle er sich aber nicht anschließen. Qualitätskontrollen seien beispielweise notwendig, um Finanzierung an den richtigen Stellen gewährleisten zu können. Hierbei soll in Zukunft eine Zusammenführung der gemessenen Daten den besseren Vergleich von Behandlungen ermöglichen.

Das Bewertungssystem der Pflegeberufe solle aber dringend reformiert werden: „Wenn es so bleibt, wie es ist, können wir es auch gleich abschaffen.“ Hierbei möchte er nicht auf die Messung der Pflege nach Minuten verzichten, da dies die Messbarkeit der Leistung regelt. Mehr Flexibilität muss jedoch dringend ermöglicht werden.

Nach gut zwei Stunden angeregter Diskussion ließ Bensch seinen Kollegen Spahn noch folgenden Satz zu Ende bringen: „Aus den Anregungen des heutigen Abends nehme ich mit…“ – „dass unsere größte Baustelle die Situation des Personals im Gesundheitsbereich ist.“

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Ansprechpartner

Dr. Ralf Altenhof

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Landesbeauftragter für Bremen und Leiter des Politischen Bildungsforums Bremen

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