Veranstaltungsberichte

6. Deutsch-Chinesisches Symposium zur Urbanisierung

Über intelligente Straßenlaternen und Computer, die Gedichte schreiben: Das diesjährige und damit schon 6. Deutsch-Chinesische Symposium zur Urbanisierung fand am 23. Oktober 2018 in Xuchang statt. Organisiert wurde es in diesem Jahr gemeinsam mit der Gesellschaft des chinesischen Volkes für Freundschaft mit dem Ausland und dem Amt für auswärtige und Auslandschinesen betreffende Angelegenheiten der Volksregierung der Provinz Henan. Konferenzteilnehmer tauschten sich unter anderem über die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten von Big Data, Blockchain und Co. in der Entwicklung von Smart Cities aus, aber auch die Sorgen bezüglich des Datenschutzes und der Vernachlässigung des ländlichen Raums.

Die beiden Strategien „China 2025“ und Deutschland 4.0 verdeutlichen, dass sowohl Deutschland als auch China sich darüber im Klaren sind, dass neue Technologien und Innovation zukünftig noch weiter an Bedeutung zunehmen werden. Dies gilt genauso für den Urbanisierungsprozess und die effiziente Smart-City-Entwicklung, die in der diesjährigen Urbanisierungskonferenz beleuchtet wurde. Eröffnet wurde das Symposium mit Grußworten von Zhang Yazhong (stellv. Vorsitzender des Ausschusses Henan-Provinz der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes), Song Jingwu (Vize-Präsident der Gesellschaft des chinesischen Volkes für Freundschaft mit dem Ausland), Michael Winzer (Leiter des KAS-Büros Peking) und Shi Genzhi (stellv. Parteisekretär der Stadtregierung Xuchang). Betont wurde von allen Sprechern, dass gerade die deutsch-chinesische Kooperation im Urbanisierungsprozess eine wichtige Rolle einnehme.  

In seiner anschließenden Keynote-Speech stellte Bernhard Kaster, Bürgermeister a.D. und Mitglied des Deutschen Bundestages von 2002 bis 2017, die aktuelle Situation in Deutschland treffend dar. Er hob negative Punkte wie zum Beispiel die Unpünktlichkeit und Geschwindigkeit der Deutschen Bahn hervor und betonte, dass es bei Smart Cities um Ressourceneffizienz gehe. Zwar gäbe es in diesem Bereich massive Unterschiede zwischen Deutschland und China, doch auch Gemeinsamkeiten, so beispielsweise veränderte Mobilitätsbedürfnisse in der Stadt im Vergleich zum Land, bei Singlehaushalten verglichen mit Familien oder aber auch zwischen der älteren und jüngeren Generation. Mobilitätskonzepte müsse man basierend auf der Nachfrage anpassen und nicht nach ideologischen Maßstäben gestalten. Ziel sei ein integriertes Gesamtsystem, welches die Ressourcen Zeit, Geld und Aufwand effizient einsetze.

Ergänzend zu der dargestellten Situation in Deutschland trug Frau Zheng Mingmei, Direktorin des Zentrums für städtische und ländliche Reform und Entwicklung der National Development and Reform Commission (NDRC), die Herangehensweise in China vor. Die umfassend vorhandenen Datenmengen über Nutzerverhalten vieler Art seien ein Vorteil bei der Gestaltung von Smart Cities. Auf diesen Daten aufbauend werde ein Top-Down-Ansatz genutzt, um marktorientierte, digitale Lösungen für Probleme in den verschiedenen Lebensbereichen zu finden. Das Ziel sei neben der Verbesserung öffentlicher Dienstleistungen vor allem ein effektiverer und effizienter Verwaltungsapparat. Durch kontinuierliche Verbesserungen werden Pläne konsequent umgesetzt und so die Entwicklung der Städte vorangetrieben.

Ergänzend zu Herrn Kasters Vortrag ging Günther Schartz, Landrat des Kreises Trier-Saarburg, auf die notwendigen Maßnahmen ein, um ländliche Gegenden attraktiver zu gestalten. Der wohl immer noch größte Unterschied zu gut entwickelten Städten in Deutschland sei der Ausbau des schnellen Internet, insbesondere als Basis für weitere Anwendungsmöglichkeiten im Rahmen von Smart Cities bis hin zu Smart Regions. Investitionen in Telemedizin und autonome Liefersysteme können die Probleme in der medizinischen Versorgung und den Mangel an erreichbaren Geschäften in ländlichen Regionen mildern, aber nur wenn die richtigen Rahmenbedingungen gegeben seien. Darüber hinaus sei eine Verbesserung der Wohnsituation auf dem Land nötig, um den Zuzug zu erhöhen und somit den monetären Bedarf und letztendlich den Anreiz für die Privatwirtschaft, entsprechende Dienstleistungen anzubieten, zu schaffen. Die hätte außerdem zur Folge, dass städtische Infrastruktur entlastet werde.

Auf die vielseitige Ausgestaltung von Big Data und AI-basierten Maßnahmen zur Erleichterung von Alltagssituationen gingen Herr Ma Hongwei, Direktor des Amtes für Big Data von Xuchang, und Herr Liu Jinsong, Leitender Forscher des Tencent Forschungsinstituts, ein. Möglich seien unter anderem die Nutzung von Spracherkennung bei der Dokumentation von Gerichtsprozessen und weniger Arztbesuche aufgrund eines automatischen Gesundheitsmonitorings. Herr Wu Sufeng, Direktor des Instituts für intelligente Verkehrssysteme und -modelle, sprach über das teilweise unwirtschaftliche Netzwerk des öffentlichen Personennahverkehrs. Hier müssten vor allem die Fahrzeiten deutlich reduziert werden, um attraktiver für den Teil der Bevölkerung zu werden, der aktuell noch das Auto bevorzugt. Gelinge dies, würden gleichzeitig Schadstoffe vermieden und die Anzahl an Staus verringert werden. Hier sei eine detaillierte Aufklärung über das Fahrgastverhalten ein Teil der Lösung, welches als Ausgangspunkt für Streckenanpassungen, -erweiterungen oder -abschaffungen diene.

Als Mitglied des Deutschen Bundestags und Vertreter in den  Ausschüssen für Bau, Wohnen, Stadtentwicklung und Kommunen und für  Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit klärte Herr Torsten Schweiger über die Notwendigkeit der Kontrolle bei bereits initiierten Urbanisierungsprojekten auf. Der Begeisterung zum Trotz müssen Prozessen dahingehend Einhalt geboten werden, als dass Digitalisierung kein Selbstzweck sei. Jede Maßnahme müsse mindestens ein bestimmtes Ziel haben, welches das Wohlergehen der Bevölkerung verbessern solle. Hierzu seien geeignete Erfolgsindikatoren (z.B. Kosten der Initiative, Energieverbrauch, Einhaltung von Klimazielen oder Bürgerbefragung) heranzuziehen, mit deren Hilfe eine genaue Einschätzung der Lage möglich sei. Falls sich Schwächen in den Projekten abzeichnen, müssen die Verantwortlichen gegebenenfalls auch bereit sein, diese einzugestehen und Korrekturen vorzunehmen.

Unterm Strich  wurde im Rahmen des Symposiums erfolgreich von verschiedenen, teilweise gegensätzlichen Perspektiven insbesondere während der Panel-Diskussion gezeigt, was bei der Gestaltung von Smart Cities aufzugreifen und zu berücksichtigen ist. Die deutsche Seite ging dabei kritisch mit Vorgängen um, die in China als selbstverständlich betrachtet werden. Chinesische Projekte haben dagegen gezeigt, wie schnell ein Konsens gebildet und umgesetzt werden kann. Die Privatwirtschaft verblüfft dabei mit der Fähigkeit, kreative und innovative Impulse zu setzen, die von der Politik aufgegriffen werden können. Am Ende verließen die über 100 Teilnehmer den Saal mit einem Verständnis für die Herausforderungen der digitalen Stadtentwicklung und berechtigter Begeisterung bei deren Chancen. Auf die Inhalte des nächsten Zusammenkommens 2019 ist man schon jetzt gespannt.

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