Blockparteien und Massenorganisationen

Formal gab es in der DDR ein Mehrparteiensystem – das allerdings lediglich ein demokratisches Mäntelchen war, das der SED-Herrschaft umgehängt wurde, denn die dominierende Partei hatte alle Fäden der Macht in ihrer Hand.

Alle Parteien sowie die sogenannte Massenorganisationen waren in der „Nationalen Front“ zusammengeschlossen, die angesichts der Vormachtstellung der SED in erster Linie als Machtinstrument fungierte, durch das die Blockparteien (im Volksmund „Blockflöten“ genannt) und die Massenorganisationen diszipliniert werden konnten.

Am 10. Juni 1945 ließ der „Befehl Nr. 2“ der Sowjetischen Militäradministration die Bildung antifaschistischer, demokratischer Parteien und Gewerkschaften zu. Nach der KPD und der SPD, die sich 1946 zur SED vereinigten, gründete sich am 26. Juni 1945 die Christlich-Demokratische Union Deutschlands (CDU-D). Im Dezember 1947 hatte die CDU-D 218.000 Mitglieder. Aufgrund der Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft sowie systematischer Verfolgungen sank die Mitgliederzahl stark ab – 1989 lag die sie nur noch bei 134.000. Mit ihrem Zentralorgan „Neue Zeit“ sowie regionalen Zeitungen wie „Die Union“, „Der neue Weg“ und „Der Demokrat“ war die CDU-D publizistisch tätig. Zudem besaß die Partei die beiden Verlage „Union-Verlag“ (Berlin) und „Köhler & Amelang“ (Leipzig).

Am 5. Juli 1945 gründete sich die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD), die im Dezember 1950 fast 200.000 Mitglieder zählte (1982 nur noch 82.000 Mitglieder). Ähnlich wie bei der CDU-D waren auch LDPD-Mitglieder von Repressionen, Verhaftungen und sogar Todesurteilen betroffen (z. B. Arno Esch – 1951 in Moskau erschossen). Die „Säuberungen“ galten auch für Regierungsmitglieder, etwa den Außenhandelsminister Karl Hamann.1952 bekannte sich die LDPD-Führung zum planmäßigen Aufbau des Sozialismus und ordnete sich damit der SED unter. Die bekanntesten Vertreter der LDPD waren der 1948 verstorbene Wilhelm Külz, der erste Volkskammer-Präsident Johannes Dieckmann sowie der langjährige Vorsitzende Manfred Gerlach, der 1989 plötzlich als „Reformer“ auftrat und kurzzeitig als Staatsratsvorsitzender amtierte. Zentralorgan war die Tageszeitung Der Morgen, im Parteibesitz befanden sich zudem die „Norddeutsche Zeitung“, die „Liberal-Demokratische Zeitung“, das „Sächsische Tageblatt“ und die „Thüringische Landeszeitung“. Seit 1958 hatte die LDPD einen eigenen Verlag: „Der Morgen“.

Während sich CDU-D und LDPD als eigenständige Parteien gründeten und dabei auch an demokratische Traditionen aus der Weimarer Republik anknüpften, entstanden 1948 zwei weitere Parteien auf Betreiben der Besatzungsbehörden sowie auf Weisung der SED: Nachdem die Einheitspartei bei den weitgehend demokratischen Landtagswahlen 1946 die erhoffte absolute Mehrheit verpasst hatte, lancierte sie die Gründung der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) und der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD). Die SED konnte somit weitere wichtige Gruppen der Gesellschaft in ihr Machtsystem einbinden – Bauern über die DBD, umerzogene ehemals nationalistische Kräfte (z. B. NSDAP-Mitglieder und Wehrmachtsoffiziere) sowie Bürgerliche und Handwerker über die NDPD.

Der DBD gehörten 1951 etwa 85.000 Mitglieder an (1982 103.000 Mitglieder). Sie war im Frühjahr 1960 aktiv an der Kampagne für die Kollektivierung in der Landwirtschaft beteiligt. Das Zentralorgan der DBD war das „Bauern-Echo“, und für die Funktionäre gab es außerdem die Zeitschrift „Der Pflüger“. Die bekannteste Personen waren der Gründungsvorsitzende Ernst Goldenbaum (bis 1982 im Amt) sowie Günther Maleuda, der vorletzte Volkskammerpräsident.Die 1982 91.000 Mitglieder zählende NDPD sollte vor allem Konkurrenz zur LDPD sein, sprachen doch beide Parteien ähnliche Zielgruppen an. Bekannteste Vertreter der Partei waren der langjährige Außenminister Lothar Bolz sowie Heinrich Homann. Das Zentralorgan war die „National-Zeitung“, zudem gab die NDPD fünf Bezirkszeitungen und die Monatszeitschrift „Der nationale Demokrat“ heraus.

Die Führungsrolle der SED gegenüber den bürgerlichen Parteien zeigte sich neben der Neutralisierung prominenter Gegner auch in der Einschränkung ihrer politischen Wirkungsmöglichkeiten: So war ihnen eine Tätigkeit in den Betrieben ebenso verboten wie eine öffentliche Mitgliederwerbung. Das System der Blockparteien konnte zu einer staatsrechtlich verankerten Einrichtung werden, da die ursprünglich bürgerlichen Parteien sich auf entsprechenden Druck der SED hin in ihrem politischen Charakter wandelten und sich schließlich widerspruchslos am sozialistischen Aufbau beteiligten. Jede der vier Blockparteien stellte 52 Abgeordnete in der Volkskammer (dies galt unabhängig vom Wahlergebnis, wo es ohnehin nur die Einheitsliste gab), einen Stellvertreter des Staatsratsvorsitzenden, ein weiteres Mitglied des Gremiums sowie ein Mitglied des Ministerrates, das zugleich Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates war.

Im Zuge des Prozesses der deutschen Einigung schlossen sich die ehemaligen Blockparteien sowie zahlreiche Neugründungen mit den Parteien der Bundesrepublik zusammen: Die Ost-CDU und die DBD traten der gesamtdeutschen CDU bei, LDPD und NDPD fusionierten mit der FDP.

Neben den Blockparteien sollten die Massenorganisationen in der DDR möglichst große Teile der Bevölkerung beeinflussen und kontrollieren und sie damit in das gesellschaftliche System der DDR integrieren. Die Massenorganisationen standen unter der Kontrolle der SED; fast jeder DDR-Bürger gehörte einer solchen Organisation an, meist bereits seit seiner Kindheit.

Freie Deutsche Jugend (FDJ)

Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) war die einzige staatlich zugelassene und unterstützte Jugendorganisation der DDR. Das Leben in und mit der FDJ beherrschte das Leben aller Jugendlichen im großen Maße, war die FDJ doch der wichtigste Kultur-, Freizeit- und Ferienveranstalter für Jugendliche in der DDR. Langjährige FDJ-Vorsitzende waren die späteren Partei- und Staatschefs Erich Honecker und Egon Krenz. Der FDJ war mit der Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ auch die politische Kinderorganisation unterstellt. Ihr gehörten fast alle Schulkinder vom 1. bis zum 8. Schuljahr als Jung- oder Thälmannpioniere an.

Weitere Massenorganisationen waren der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD) als politische Organisation für Frauen, der Freie Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB) als Dachverband der verschiedenen Einzelgewerkschaften, der Kulturbund (KB) für Freizeitgestaltung, Vereinsleben und Traditionspflege sowie die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB). Diese vier Vereinigungen waren ebenso wie die FDJ ebenfalls in der Volkskammer vertreten, wobei ihre Abgeordneten meist gleichzeitig SED-Mitglieder waren. Die DDR-Bürger waren zudem über den Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB), die paramilitärische Jugendorganisation Gesellschaft für Sport und Technik (GST), die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) oder den Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter (VKSK) ins System integriert. All diese Kräfte konnten auf der Einheitsliste bei Kommunalwahlen Kandidaten stellen – ebenso wie etwa auch die Handelsorganisation (HO), die Konsumgenossenschaften oder die Feuerwehr.

Online-Literaturempfehlung

Deutschlandtreffen der FDJ, Mai 1950
14. CDU-Parteitag 1977