Christlicher und kirchlicher Widerstand

Bald nach der Gründung der DDR wurden mit Hilfe der Sowjetischen Militäradministration alle Parteien und Massenorganisationen gleichgeschaltet. Als einzige legale oppositionelle Kraft blieben aufgrund der in der ersten DDR-Verfassung verankerten Religionsfreiheit die Kirchen bestehen.

Bereits im Frühjahr 1950 aber gab es eine erste schwere Auseinandersetzung wegen der staatlichen Beeinflussung von Kirchenfragen. Nach einem Gespräch zwischen Bischof Friedrich Dibelius und Otto Grotewohl im Sommer 1950 hatte sich der Staatsmann zu scharfen Attacken verleiten lassen. Da die Kirchen zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit dem späteren Mitgliederschwund zu kämpfen hatten, bedeutete der öffentliche Angriff einen empfindlichen Vertrauensverlust für den jungen Staat DDR. Im Laufe der Zeit wurde es jedoch für die Kirche immer schwieriger, sich zu behaupten und dem totalen Anspruch der Staatsmacht wirkungsvollen Widerstand entgegenzusetzen.

Einen ersten Kulminationspunkt der Differenzen bildete das Jahr 1952, in dem auf der 2. Parteikonferenz der SED der Aufbau des Sozialismus beschlossen wurde. Dieser Beschluss trieb die Kirchen noch stärker in die Opposition. Besonders drastisch gingen die staatlichen Stellen gegen die „Junge Gemeinde“ vor und begannen nach der Politbürotagung vom 27. Januar 1953 mit einem intensiven Propagandafeldzug. Nachdem auf dieser Tagung die „Junge Gemeinde“ als „Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage“ diffamiert worden war, hatte man eine Handhabe, den Religionsunterricht an den Schulen sowie die kirchlichen Jugendzeitschriften „Der christliche Student“ und „Die Stafette“ zu verbieten. Im Zuge einer bis dahin nicht gekannten Verleumdungskampagne wurden zahlreiche Jugendliche und über 70 Theologen und Jugendleiter verhaftet. Wer sich nicht von der „Jungen Gemeinde“ distanzierte, der wurde von der Erweiterten Oberschule oder der Universität verwiesen. Trotz schlimmster Schikanen und nicht enden wollendem psychischem Terror bildete sich ein Netzwerk, in das eine große Zahl von Jugendlichen eingebunden war, und so ging die Kirche gestärkt aus dieser Aktion hervor. Da es die Staatsspitze mit ihren Restriktionen dann aber zu weit trieb, wurde sie Anfang Juni 1953 sogar von der KPdSU in die Schranken gewiesen.

Daher sah sich Otto Grotewohl am 10. Juni veranlasst, Vertreter der Evangelischen Kirche zu einem Grundsatzgespräch einzuladen. Aber ehe der angekündigte „Neue Kurs“ in der Realität Wirkung zeigen konnte, kam es zu dem gescheiterten Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, der für die kirchlichen Instanzen einen schweren Rückschlag darstellte. Die Angriffe und die Methoden der Staatsmacht wurden nun ausgefeilter und die konspirative Unterwanderung kirchlicher Kreise subtiler. Vor allem nach dem Mauerbau am 13. August 1961 drängte die SED Führung mit aller Macht darauf, endlich das Kirchenproblem zu lösen. Dazu kam, dass die Kirche zu der im Januar 1962 eingeführten allgemeinen Wehrpflicht nun grundsätzlich Stellung beziehen musste. So wurden am 8. März 1963 die „Zehn Artikel“ als eine erste deutsche gesamtkirchliche Stellungnahme verabschiedet, die für „den gesetzlichen Schutz der Wehrdienstverweigerer aus Glaubens- und Gewissensgründen“ votierte. Daraufhin bekannte sich eine Anzahl junger Männer als Totalverweigerer, wofür ihnen eine zweijährige Zuchthausstrafe drohte. Andere junge Christen dienten seit 1964 als sog. Bausoldaten und verweigerten auf diese Weise den Wehrdienst mit der Waffe.

Nach der am 3. Juli 1973 in Helsinki veranstalteten „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ änderte sich die Lage ein wenig. Nun war der SED-Staat um seiner Reputation willen angehalten, offene Kritik an den Kirchen zu vermeiden. Als Reaktion auf diese neuartige Politik des Staates bildeten sich verschiedene innerkirchliche Haltungen heraus. Eines der bestimmenden Ereignisse nach diesem Datum war das Selbstopfer des evangelischen Pfarrers Oskar Brüsewitz, der sich am 18. August 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz öffentlich verbrannte. Zwar wollte Brüsewitz mit seiner Tat vor allem den sozialistischen Staat demaskieren, aber zugleich auch innerkirchliche Zustände treffen. Es wurde schnell klar, dass die Kirchenleitungen weder in der Lage noch willens waren, das Ereignis wirksam politisch zu nutzen, und so gerieten sie in einen andauernden Konflikt mit einer Reihe von Theologen. Die Auswirkungen von Brüsewitz’ Tat betrafen jedoch nicht nur die Spannungen zwischen Kirche und Staat, sondern wiesen auch die schwelende gesamtgesellschaftliche Krise hin.

SED-Generalsekretär Erich Honecker hatte am 6. März 1978 bei einer Begegnung mit dem Vorstand des Evangelischen Kirchenbundes zugesichert, die bisherige Auffassung der SED vom Absterben der Religion im Sozialismus zu korrigieren und die Kirche als eigenständige, weitgehend autonome Organisation mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung anzuerkennen. Die Spannungen und Konflikte zwischen Staat und Kirche blieben aber bestehen. Erst nach dem gewaltsamen Vorgehen der Stasi gegen die Berliner Zionsgemeinde im November 1987 setzten sich die Kräfte durch, die für eine offensivere, stärker sozialismuskritische Politik der Kirche eintraten. Von da an wurden auf Initiative der Berliner Umweltbibliothek die bisher unter dem Dach der Kirche wirkenden oppositionellen Basisgruppen landesweit vernetzt. Sie bildeten dann das Rückgrat der friedlichen Revolution von 1989.

Oskar Brüsewitz
Trauerzug der Pastoren und Pastorinnen
Schwerter zu Pflugscharen